Wiese | Bildquelle: <Tina Fuchs, ARD Studio Kairo>

Landwirtschaft in Ägypten Wo die Wüste grün ist

Stand: 08.08.2019 13:06 Uhr

94 Prozent von Ägypten sind Wüste. Biolandbau dort klingt nach einer verrückten Idee. Auf der Sekem-Farm gibt es das seit 40 Jahren. Damit das in der Wüste funktioniert, benötigt man nicht nur Wasser.

Von Tina Fuchs, ARD-Studio Kairo

Wasser braucht man natürlich schon, um die Wüste zu begrünen. Aber ohne Kompost geht es gar nicht.

"Das ist Kompost. Er riecht nach Walderde, riecht einfach kühl. Riecht nicht unangenehm", sagt Rafik Costandi. Der Ägypter, der in Kairo eine deutsche Schule besucht hat, zeigt uns seinen Arbeitsplatz Sekem: eine Farm in der ägyptischen Wüste.

Dunkelbraune, fein säuberlich angehäufte Erdwälle liegen - einer neben dem anderen - über mehrere hundert Meter angehäuft. Das ist die Grundlage, um die Wüste ergrünen zu lassen: Kompost.

Sayed Sakr ist einer der wichtigsten Ingenieure bei Sekem: "Wenn ich den Kompost dann einbringe, merke ich, dass er die Erde dicht und feucht auf dem Sandboden hält und gleichzeitig Pflanzen und Boden mit den notwendigen Mineralien versorgt."

Sakr muss dafür sorgen, dass der Kompost unter der sengenden ägyptischen Sonne die richtige Temperatur hält. 45 Grad sind ideal. Schädliche Bakterien sollen abgetötet werden und die Nützlichen aktiv bleiben.

Sayed Sakr
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Kompost als Grundlage für die Landwirtschaft: Sayed Sakr sorgt für optimale Bedingungen.

Kompost als Teil des Lebenskreislaufs

Wenn man sich umdreht, blickt man in Grün, soweit das Auge reicht. Der feuchte Kompost sorgt nicht nur dafür, dass die Pflanzen 20 Prozent weniger Wasser brauchen, er ist im Zentrum des Lebenskreislaufs von Sekem. Aus Nahrung wird Abfall und daraus wieder Nahrung.

Hier werden Orangen angebaut, Oliven, Datteln, Sesam, Anis, Kamille - selbst Baumwolle. Sekem beliefert den ägyptischen Markt mit Obst und Gemüse und Bio-Läden weltweit mit Tees, Heilkräutern, Ölen - seit 40 Jahren.

2000 Menschen arbeiten für die Firma, 400 Bauern aus ganz Ägypten haben sich der Idee von Sekem angeschlossen: eine Erfolgsgeschichte.

Das ist unser Leben, sagt Mohammad Salah, zuständig für die Landwirtschaft. "Was wir hier machen, wirkt sich auf unsere Gesundheit, unser Leben, unsere Tiere, die Umwelt aus. Das ist wichtig."

Wunder in der Wüste

Sekem wurde von Ibrahim Abouleish aufgebaut, einem Ägypter, der in Österreich Chemie studiert hat. Auf der Farm wird hauptsächlich nach biologisch-dynamischer Methode Landwirtschaft betrieben. Ein Wunder in der Wüste.

Anders als sonst in Ägypten, wird hier kein Abfall verbrannt, kein chemisches Schädlingsbekämpfungsmittel eingesetzt und auch der Boden nicht ausgebeutet. Er ist der CO2-Speicher.    

Was die Farm erwirtschaftet, wird in den Sekem-Kindergarten, die Schule und eine Berufsschule gesteckt. Schulleiter Gamal Assayed zufolge lernen die Kinder, die Welt zu respektieren: "Das fängt bei Ameisen an. Sie helfen, die Erde fruchtbar zu machen. Wie wichtig die Bäume sind, um Sauerstoff zu erzeugen. Wir bringen ihnen bei, nein zu Plastik zu sagen. Und zu erkennen, welches Essen ist gesund, welches nicht!"

Die Sekem-Schüler könnten Energie- oder Wasserminister werden, sagt Assayed voll Überzeugung, weil sie in Sekem lernen, sparsam mit Ressourcen umzugehen.  

Taubenschlag | Bildquelle: <Tina Fuchs, ARD Studio Kairo>
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Eine Farm mitten in der Wüste: Seit 40 Jahren läuft der Betrieb in Sekem.

Crowd-Funding für Ökolandwirtschaft

Die Erfolgsgeschichte ist damit noch nicht zu Ende. Sekem baue gerade 300 Kilometer südlich von Kairo eine neue Farm auf, erklärt Maximilian Abouleish, der die Enkelin des Sekem-Gründers geheiratet hat.

Sekem habe Modellcharakter für das, was in der Welt passiert, sagt Abouleish. "Es entstehen überall Wüsten. Der Klimawandel und auch die Art und Weise, wie global mit Böden umgegangen wird, führt zu Bodendegradation und Verwüstung." Das sei ein starker Trend. Man habe es hier mit einem Phänomen zu tun, das für Ägypten und die Welt absolut relevant und existenziell sei.

Um die Wüste begrünen zu können, hat Sekem ein Crowd-Funding Projekt gestartet. Die Hälfte der Finanzierung steht schon. Ökolandbau in der Wüste bringt keine schnellen Gewinne. Aber darum ist es Sekem nie gegangen.

  

Kairo: Wo die Wüste grün ist
Tina Fuchs, ARD Kairo
08.08.2019 11:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. August 2019 um 06:10 Uhr.

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