Forschungsplattform im Vierwaldstättersee in der Schweiz | Bildquelle: dpa

Versuche unter Wasser Tsunami-Forschung im Schweizer See

Stand: 12.09.2018 14:36 Uhr

Forscher wollen in der Schweizer Idylle des Vierwaldstättersees den Geheimnissen von Tsunamis auf die Spur kommen. Denn die Todeswellen können nicht nur auf dem offenen Meer entstehen, sondern auch in Seen.

Von Martin Mair, ARD-Hauptstadtstudio, zzt. Zürich

Ganz langsam nähert sich die Messstation der Wasseroberfläche. Sie baumelt an einem dicken Seil, das von einem Baukran in Position gebracht wird. Er steht auf einer schwimmenden Bohrinsel mitten im Vierwaldstättersee. Katarina Kremer wirkt ein bisschen angespannt. Es geht draum, die vier orangfarbenen Fässer an der richtigen Stelle im See zu versenken - Zentimeterarbeit.

Die Geologin des Schweizerischen Erdbebendienstes will wissen, wie stabil das Gestein unter der Wasseroberfläche ist. "Super wäre es eine Methode zu entwickeln, mit der wir sagen können: Das sind stabile Hänge, das sind instabile Hänge." Damit ließe sich vorhersagen, ob ein Hang bei einem Erdbeben abrutschen und damit einen Tsunami auslösen könnte.

Todeswellen in der Schweiz sind eine reale Gefahr

Tsunamis mitten in der Postkartenidylle des Vierwaldstättersees, eingebettet in Schweizer Bergpanorama? Was nach Science-Fiction klingt, ist erlebte Geschichte. Am 18. September 1601 erschütterte ein schweres Erdbeben die Landschaft in der Zentralschweiz und löste einen Tsunami aus, sagt Flavio Anselmetti, Professor für Geologie an der Universität Bern. "Es gab vier Meter hohe Wellen, die Menschenleben gefordert haben." Anselmetti fragt sich: Wie werden die ausgelöst? Denn ein See-Tsunami sei eine reale Gefahr, die man sehr wenig kenne und unterschätze.

Deshalb kam Anselmetti auf eine außergewöhnliche Idee - Tsunami-Forschung in der Schweiz. Zusammen mit der ETH Zürich und dem Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Uni Bremen wollen die Forscher die riesigen Flutwellen besser verstehen.

Forschungsplattform im Vierwaldstättersee in der Schweiz | Bildquelle: dpa
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Tsunami-Forschung vor Bergpanorama: Die Plattform im Vierwaldstättersee in der Schweiz

Auf dem Meer können Tsunamis dramatische Folgen haben - die Reaktor-Katastrophe im japanischen Fukushima vor sieben Jahren nahm so ihren verheerenden Lauf. 2004 starben nach einem Seebeben mehr als 230.000 Menschen an den Küsten des indischen Ozeans. Dort entstand der Tsunami durch ein starkes Erdbeben unter dem Ozeangrund, in einem See, weil unter der Wasseroberfläche Erdmassen ins Rutschen gerieten - so wie ein Schneebrett auf dem Berg.

Das kleine Modell für große Ozeane

Forscher verstehen heute, wie ein Tsunami entsteht. Doch warum und wann es so weit ist, ist weitgehend unklar, so Anselmetti. Deshalb nutzen die Wissenschaftler die Seen als kleine Modelle für die großen Ozeane. "Ich kann zwar nicht den ganzen Indischen Ozean anschauen, aber den ganzen Vierwaldstättersee. Ich kann schauen, wie die Wellen ausgelöst werden, wie sie sich ausbreiten und ich kann das Gesamtsystem betrachten", sagt Anselmetti.

Die Wissenschaftler machen das auf mehreren Ebenen. Im Vierwaldstättersee versenken Sie Messgeräte, die bereits kleine Abgänge von Gesteinen unter Wasser erkennen. Ausgelöst werden sie durch Erdbeben, die oft so gering sind, dass sie an Land nicht bemerkt werden. Doch für Geologin Katarina Kremer sind genau diese Mini-Erschütterungen interessant. "Weil wir noch nie eine Unterwasser-Rutschung gesehen haben. Und solange wissen wir immer noch nicht, wie es funktioniert."

Bohrungen bis 100 Meter Tiefe

Ihre Kollegen an Land bohren derweil in die Tiefe des Bodens - bis zu einhundert Meter geht es nach unten. Gemessen wird hier, mit welcher Geschwindigkeit sich die Erdbeben-Wellen ausbreiten. Alle Daten werden gesammelt und in eine Computersimulation eingespeist.

Das Ziel ist zu verstehen, welche Folgen ein Beben einer bestimmten Stärke, Wissenschaftler nennen sie Magnitude, haben kann. "Gibt es morgen ein Erdbeben mit der Intensität sieben oder acht? Was wird wo ausgelöst, wo wird sich das Wasser ausbreiten?", fragen sich Forscher wie Professor Anselmetti. "Das sind konkrete Fragen, die wir heute noch nicht beantworten können, aber gerne beantworten würden."

Forschertraum: Hang sprengen

Ganz ideal, sagt Geologe Anselmetti, wäre es natürlich, einen unteridischen Hang in die Luft zu jagen. Er sagt das nur mit einem halben Lächeln, doch diesen Wunsch hätte dem Forscher in der Schweiz wohl niemand erfüllt.

So bleibt also der See als Modell für Tsunamis in aller Welt. Die nächsten drei Jahre wollen die Forscher Daten sammeln, Proben ziehen und Computermodelle programmieren. Am Ende, so die Hoffnung, sind sie den Geheimnissen der Tsunamis auf die Spur gekommen.

Tödliche Wellen: Wissenschaftler erforschen See-Tsunamis
Martin Mair, ARD-Hauptstadtstudio, zzt. Zürich
12.09.2018 11:36 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. September 2018 um 05:44 Uhr.

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