Neue Scotland-Yard-Chefin: Cressida Dick | Bildquelle: REUTERS

Neue Scotland-Yard-Chefin Vom Bobby zum Boss

Stand: 10.04.2017 05:02 Uhr

Sie begann einst als Bobby, nun ist sie Boss: Scotland Yard bekommt nach 188 Jahren erstmals eine Chefin. Cressida Dick gehört zu den besten Ermittlern im Land, sie ist aber nicht unumstritten. Heute tritt sie ihren Dienst an.

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Alles neu bei Scotland Yard: Die Londoner Polizeibehörde hat gerade ihr neues gläsernes Gebäude an der Themse bezogen, und nun zieht dort auch noch eine neue Chefin ein. Cressida Dick, 56 Jahre alt, die erste Frau an der Spitze der 188 Jahre alten Metropolitan Police Force, kurz Met, weltweit bekannt unter dem Namen der früheren Adresse: Scotland Yard.

Sie sei überglücklich, sie habe damit nicht einmal in ihren wildesten Träumen gerechnet, so Dick, als sie von ihrer Berufung erfuhr. Ganz so überraschend ist der Karrieresprung der alleinstehenden und kinderlosen Dick allerdings nicht: Die Tochter eines Professoren-Ehepaars aus Oxford hatte nach ihrem Studium der Land- und Forstwirtschaft eine rasante Polizeikarriere hingelegt. Auch wenn 1983 der Start als Streifenbeamtin im Londoner Westend nicht ganz einfach war, wie sie später in einem ihrer wenigen Interviews der BBC sagte: "Es gab damals ziemlich viel offenen Sexismus. Es war schrecklich. Meine Strategie war, meinen Job trotzdem so gut wie möglich zu erledigen, und da, wo ich es konnte, gegen den Sexismus vorzugehen."

Neue Scotland-Yard-Chefin: Cressida Dick | Bildquelle: REUTERS
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Ganz oben angekommen: Mit Cressida Dick (2.v.rechts) leitet erstmals eine Frau die Londoner Polizeibehörde.

Karriere mit Fleck

Zehn Jahre später hatte Dick bereits den Rang eines Superintendent erreicht, kehrte aber noch einmal an die Uni zurück, um in Oxford Kriminologie zu studieren. Auch dieses Studium schloss sie mit Bestnoten ab und kehrte als Commander zu Scotland Yard zurück.

2005 bekam ihre makellose Karriere einen Fleck: Einer ihrer Beamten erschoss den unschuldigen Brasilianer Jean Charles de Menezes. Man hatte ihn, nach dem schrecklichen Attentat auf eine U-Bahn und einen Bus in London, für einen weiteren Selbstmordattentäter gehalten. Ein Untersuchungsausschuss stellte später schwerwiegende Fehler bei dieser Polizeiaktion fest, sprach aber die kommandierende Dick von persönlicher Schuld frei. Sie erklärte später, das sei eine schwierige Zeit für sie gewesen. Sie wünsche niemandem, Ähnliches zu erleben.

Auf die weitere Frage, ob sie damals gut geschlafen habe, antwortete sie ohne zu zögern: Sehr gut, sie könne immer gut schlafen, auch in schwierigsten Zeiten. Das sei Teil ihrer Persönlichkeit. Sie sei ein sehr entspannter Mensch. Die Familie des erschossenen Brasilianers bezeichnete Dicks Berufung zur Scotland-Yard-Chefin als Skandal.

Einmal Außenministerium und zurück

Auch nach 2005 führte ihr Weg weiter nach oben: 2011 wurde sie Chefin der gesamten Terrorabwehr des Landes. Drei Jahre später überwarf sie sich aber mit dem damaligen Scotland-Yard-Chef, verließ die Polizei und wechselte ins Außenministerium. Für ihre früheren Kollegen kommt die Rückkehr jetzt an die Spitze der Londoner Polizei nicht überraschend: Sie liebe schließlich die Met, sie liebe den Polizeidienst und sie liebe London.

Scotland Yard nimmt die Karrierebeamtin jedenfalls mit offenen Armen auf - auch und gerade weil sie sich im Fall Menezes immer vor ihre Untergebenen gestellt hatte. Sie sei eine charmante, aber auch toughe Polizistin, sagt einer, der sie gut kennt.

Einen weiteren Pluspunkt sammelte Dick kurz vor ihrem Amtsantritt: Sie kürzte sich selbst ihr Gehalt. Aus Solidarität mit den allgemeinen Sparmaßnahmen im Polizeidienst lässt sie sich im Jahr knapp 50.000 Euro weniger auszahlen als ihr Vorgänger bekommen hat.

Die neue Scotland-Yard-Chefin Cressida Dick
J.-P. Marquardt, ARD London
09.04.2017 20:59 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. April 2017 um 05:40 Uhr.

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