Das Dorf Mitholz muss samt und sonders umziehen, weil das alte Munitionslager in der Nähe explodieren könnte. | Bildquelle: dpa

Mitholz in der Schweiz Umzug wegen Explosionsgefahr

Stand: 03.03.2020 11:15 Uhr

Die Schweizer Gemeinde Mitholz muss vollständig geräumt werden: Sie liegt an einem explosionsgefährdeten Munitionslager. Noch haben die Einwohner Zeit - doch der Unmut ist groß.

Von Dietrich Karl Mäurer, ARD-Studio Zürich

Mitholz - gleich neben dem Blausee im Kandertal im Berner Oberland gelegen - ist ein idyllisches Dorf. Doch die Idylle trügt. Ganz in der Nähe von Mitholz lagern schätzungsweise 3500 Tonnen Fliegerbomben, Minen und Handgranaten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Ein Albtraum für die Bevölkerung, der aber ein Ende finden soll. Nach Jahrzehnten steht nun fest: Das Lager soll geräumt werden.

Die rund 170-Einwohner müssen das Dorf dafür samt und sonders verlassen, erklärte im Schweizer Fernsehen Bruno Locher vom Verteidigungsministerium in Bern: "Man geht heute davon aus, dass das Risiko so hoch ist - wenn man diese Munitionsrückstände bewegt - dass es für die Leute zu gefährlich ist, da zu bleiben ."

Sicht auf die Felsabrissstelle in der Schweizer Gemeinde Mitholz, die nun umziehen muss. | Bildquelle: dpa
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Sicht auf die Felsabrissstelle in der Schweizer Gemeinde Mitholz, die nun umziehen muss.

Explosion mit neun Toten im Dezember 1947

Wie gefährlich die Räumung des Lagers ist, ist allen in Mitholz bewusst. Denn im Dezember 1947 kam es in dem Depot zu einer Serie von Explosionen, neun Menschen starben. Der Dorfkern wurde zerstört.

Die Schweizer Filmwochenschau berichtete damals: "Die Felswand über den Munitionskammern ist auf 100 Metern eingestürzt. Alle Häuser von Mitholz sind zerstört oder beschädigt. Schon hat der Schnee die wilden Formen der Vernichtung gemildert, aber in diesen Häusern starben Menschen. Kinder kamen in den Flammen um. Familien wurden zerrissen."

Jahrzehntelang dachte die Armee, das Lager sei sicher. Doch vor zwei Jahren kamen Experten zu dem Schluss, es müsse geräumt werden.

Seitdem sind die Zugänge zum Depot verschüttet. Ein Teil des Lagers dürfte eingestürzt sein. Es ist davon auszugehen, dass es im Innern zu chemischen Reaktionen und Selbstzündungen gekommen ist.

Helfer durchsuchen ein durch die Explosion zerstörtes Gebäude in Mitholz im Kandertal, aufgenommen im Dezember 1947. | Bildquelle: picture alliance/KEYSTONE
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Helfer durchsuchen ein durch die Explosion zerstörtes Gebäude in Mitholz im Kandertal, aufgenommen im Dezember 1947.

Für die Bewohner ist die Räumung bitter

Für die Einwohnerinnen und Einwohner von Mitholz ist das Vorhaben eine bittere Pille, insbesondere der Zeitplan: Für bis zu zehn Jahre sollen sie ihre Häuser verlassen. So teilte man es den Mitholzern auf einer Gemeindeversammlung mit.

Sie habe das Gefühl, dass sie nicht mehr zurückkommen werde, sagte eine Frau. Ein Mann ergänzt: Zukunftsplanung werde schwierig, jetzt wo das Rentenalter näher rücke.

Viele Fragen sind noch offen. Wer kümmert sich um die Häuser, wenn das Dorf evakuiert ist? Können in der Zeit die Felder bestellt werden? Welche Entschädigungen gibt es?

Bis zur Räumung werden Jahre vergehen

Bis Mitholz ein Geisterdorf wird, werden allerdings noch elf Jahre vergehen. Denn bevor mit der Räumung des Lagers begonnen werden kann, sind aufwändige Vorarbeiten notwendig, sagt Hans-Peter Aelig vom Verteidigungsministerium im Schweizer Radio: "Sie müssen einfach wissen: Die Vorbereitungen, die wir machen müssen, sind zwingend notwendig, dass wir die Sicherheit der Bevölkerung sicher stellen. Alles andere wäre fahrlässig."

So müssen beispielsweise eine Straße verlegt und eine Bahnstrecke mit speziellen Schutzvorrichtungen überdacht werden. Die Gesamtkosten der Räumung des Lagers werden auf über eine Milliarde Franken geschätzt.

Schweizer Gemeinde wird Geisterdorf ? Ort muss wegen Explosionsgefahr umziehen
Dietrich Mäurer, MDR
03.03.2020 10:20 Uhr

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Über dieses Thema berichtete SWR2 Impuls am 04. März 2020 um 16:05 Uhr.

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