Schwedenidylle am Dalslands Kanal | Bildquelle: Christian Stichler

Schweden vor der Wahl Abschied von Bullerbü

Stand: 04.09.2018 01:50 Uhr

Schweden galt lange als Heile-Welt-Land. Doch die Zeiten sind vorbei. Migration, Gewalt und Landflucht spalten die Bevölkerung. Nun könnten die Rechtspopulisten bei der Wahl die großen Gewinner werden.

Von Christian Stichler, ARD-Studio Stockholm

Bullerbü ist eine Fiktion. Aber die Häuser, in denen die Geschichten von Astrid Lindgren 1960 verfilmt wurden, stehen noch heute. Allerdings heißt der Ort Sevedstorp. Von diesem Bullerbü träumen in diesen Wochen viele Schweden. Von einem Land wie früher, als Schweden noch friedlich am nördlichen Ende Europas lag, die Sozialdemokraten das Land regierten und vor jedem Haus ein Saab oder ein Volvo stand. Aber diese Zeiten sind vorbei.

Schweden steht - wie alle europäischen Länder - vor den Herausforderungen der Globalisierung und Migration. Das wird sich am 9. September zeigen. Denn dann wählt Schweden ein neues Parlament. Wenn die Meinungsforscher Recht behalten, werden die nationalistischen Schwedendemokraten die großen Gewinner sein. "Nationalismus ist etwas Gutes", sagt deren Vorsitzender Jimmie Akesson.

Jimmie Akesson | Bildquelle: Christian Stichler
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Er könnte der große Gewinner der Wahl sein: Jimmie Akesson von den nationalistischen Schwedendemokraten.

Bei der Integration stößt Schweden an seine Grenzen

Er hat auch einen klaren Schuldigen für die neue Unsicherheit im Land ausgemacht: die Asylflüchtlinge. Schweden hat so viele Menschen aufgenommen wie kein anderes Land. Vor zehn Jahren lebten in Schweden noch rund 9,3 Millionen Menschen. In diesem Jahr werde es 10,3 Millionen sein. Die meisten, die neu hinzugekommen sind, sind Flüchtlinge.

Bei der Integration stößt das Land an seine Grenzen. Viele Neu-Schweden leben unter sich. Zumeist in den Vorstädten. Rinkeby nördlich von Stockholm gilt als die „Hauptstadt" der Vororte. 90 Prozent haben hier eine Migrationshintergrund.

Ahmed Abdirahman wohnt selbst einem Vorort. Er ist als 12-jähriger Junge aus Somalia geflohen. Heute arbeitet er für die Stockholmer Handelskammer und engagiert sich in der Politik. "Viele junge Menschen hier sind nie in Kontakt mit dem Rest der schwedischen Gesellschaft gekommen. Das ist ein Problem nicht nur für die, sondern für das ganze Land".

Menschen leben in Parallelwelten

Brennende Autos, Schießereien auf offener Straße, Drogenhandel - das sind die dunklen Seiten der Vorstädte. Das Grundproblem aber ist, dass die Menschen in Parallelwelten leben. Ein Konzept, wie sich das ändern lässt, haben zwar auch die Schwedendemokraten nicht, aber sie suggerieren, Schweden könnte die Flüchtlinge einfach wieder loswerden. Nach dem Motto: Wer sich nicht anpasst, hat das Land zu verlassen.

Tiba Alfallooji ist Anfang 20, stammt aus dem Irak, hat einen schwedischen Pass und trägt ein Kopftuch. Sie spürt die Grenzen der Integration. "Wenn ich Kartoffeln und Köttbullar essen würde, hätte ich vielleicht das Gefühl, mehr zur schwedischen Kultur zu gehören. Aber ich glaube nicht, dass die Schweden mich deshalb als Schwedin ansehen würden", sagt sie.

Tiba Alfallooji | Bildquelle: Christian Stichler
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Tiba Alfallooji stammt aus dem Irak und hat einen schwedischen Pass. Dennoch fühlt sie sich fremd.

Erst jetzt wird das Thema Einwanderung offen diskutiert

Die Einwanderungspolitik ist eines der großen Themen im Wahlkampf. Einen Vorwurf machen selbst viele sozialdemokratische Wähler der Regierung. Es habe erst die Populisten gebraucht, damit über das Thema Einwanderung offen diskutiert wird. Ministerpräsident Stefan Löfven hat inzwischen die Grenzkontrollen und Asylgesetze verschärft. Auch eine Reaktion auf den wachsenden Unmut in der Bevölkerung.

Es gibt noch eine Kluft in Schweden - die zwischen Stadt und Land. Manche sagen, das Land beginne schon wenige Kilometer außerhalb von Stockholm.

In Dalsland in Westschweden ist man definitiv auf dem Land. Magnus Karlsson ist hier Lkw-Fahrer in dritter Generation. Er fährt vor allem Kies durch die Gegend. Nach wie vor ein gutes Geschäft, denn viele Wege auf dem Land sind nicht geteert. Einmal im Jahr bringt er seinen Kies sogar bis ins Königliche Schloss nach Stockholm. Er lebt gerne in der Provinz. Aber auch er spürt, wie es in den vergangenen Jahren langsam bergab gegangen ist.

Schwedenidylle am Dalslands Kanal | Bildquelle: Christian Stichler
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Schwedenidylle am Dalslands Kanal.

Magnus Eriksson | Bildquelle: Christian Stichler
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Hier lebt und arbeitet der Lkw-Fahrer Magnus Eriksson.

Die hohen Kosten der Zuwanderung

Dalsland war einst ein Land der Kleinindustrie. In Bengtsfors hatte Volvo ein Werk mit mehr als 1000 Mitarbeitern. Davon sind nur die großen Hallen geblieben. Viele Leute sind weggezogen, den Jobs hinterher. Dann folgten die Kürzungen: Erst in der medizinischen Versorgung, dann beim Arbeitsamt. Schließlich wurden die beiden letzten Polizisten aus dem Ort abgezogen.

Bengtsfors ist eine Hochburg der Schwedendemokraten. Lkw-Fahrer Karlsson sagt, er habe sie nicht gewählt, könne die Leute aber verstehen: "Da entstehen einfach sehr hohe Kosten im Zusammenhang mit der Einwanderung. Und wenn sie dann bei der Versorgung der Alten die Mittel kürzen, macht das die Leute wirklich wütend."

Wütend sind die Menschen auch in Solleftea, im Norden des Landes. Seit anderthalb Jahren bestreiken dort die Einwohner ihr Krankenhaus. Aus Protest gegen die Entscheidung, immer mehr Stationen dicht zu machen. Erst war es die Geburtsklinik, dann die Orthopädie und die Chirurgie. Viele müssen jetzt mehr als 100 Kilometer ins weiter südlich gelegene Sundsvall fahren. Carina Hellström organisiert den Protest. "Wir sind hier, weil das so nicht gehen kann", sagt sie. "Die Sozialdemokraten haben uns angelogen.“

Carina Hellström | Bildquelle: Christian Stichler
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"Die Sozialdemokraten haben uns angelogen", sagt Carina Hellström.

Das Gesundheitssystem - wichtigstes Thema im Wahlkampf

Ihre Meinung teilen viele in der einstigen Hochburg der Sozialdemokraten in Nordschweden. Hinzu kommen die langen Wartezeiten. Drei Monate für einen Behandlungstermin beim Facharzt sind keine Seltenheit - gerade auf dem Land. Es fehlt nicht nur Geld, es fehlen auch die Ärzte. Die arbeiten lieber in den großen Städten oder gehen gleich ins Ausland. Zum Beispiel nach Norwegen, dort verdient man deutlich mehr.

Die Unzufriedenheit über das Gesundheitssystem ist für die Schweden das wichtigste Thema im Wahlkampf. Die Schwedendemokraten haben das Thema geschickt besetzt. Sie machen gerade in Orten wie Solleftea Wahlkampf, bezeichnen sich als Gesundheitspartei. Parteichef Akesson erklärt fast täglich auf seinen Veranstaltungen, wer Schuld an der Misere ist: die Masseneinwanderung.

Schweden stehen politisch unruhige Zeiten bevor. Das Land wird sich verändern. Denn wenn die nationalistischen Schwedendemokraten tatsächlich rund 20 Prozent der Stimmen bekommen, dann würde es weder für die Sozialdemokraten noch für die Konservativen reichen, um eine stabile Regierung zu bilden.

Viele wünschen sich deshalb eine Große Koalition aus den beiden bisher stärksten Parteien, den Sozialdemokraten und den Konservativen. Aber das gab es bisher in Schweden nur in Krisenzeiten - zuletzt während des Zweiten Weltkriegs. Aber wer weiß, vielleicht ist es jetzt wieder soweit.

Über dieses Thema berichtete das Erste in der Sendung "Weltspiegel extra" am 04. September 2018 um 23:30 Uhr.

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