Menschen laufen vor einer schwedischen Flagge entlang. | Bildquelle: AFP

Schweden Peinliche Pannen bei Corona-Studien

Stand: 23.04.2020 08:20 Uhr

Nach gleich zwei Pannen in zentralen Coronavirus-Studien ist die Unsicherheit in Schweden groß. Komplett unklar ist nun, wie viele Menschen sich bereits angesteckt hatten und immun sein könnten.

Von Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm

Die Sache ist ebenso peinlich wie kompliziert, denn schwedischen Experten sind offenbar gleich zwei voneinander unabhängige, aber eben grundlegende Fehler passiert: Eine Studie, bei der zwei Mal in jeweils hundert Blutspenden Corona-Antikörper gesucht und in elf Prozent der Proben auch gefunden worden waren, wurde vom Karolinska-Institut wieder zurückgezogen.

Grund: Es sei nicht auszuschließen, dass unter den Proben auch solche von bereits bekannten Corona-Infizierten waren, mit deren Plasma schwer Erkrankten geholfen werden sollte. Damit ist die Annahme nicht mehr haltbar, das unter Einrechnung eines Korrekturfaktors in Wirklichkeit sogar schon 20 bis 30 Prozent aller Schweden angesteckt gewesen und damit immun sein könnten.

Rückzieher auf ganzer Linie

Und auch Staatsepidemiologe Anders Tegnell musste einen Rückzieher machen. Die Gesundheitsbehörde hatte aufgrund einer Studie vermutet, dass auf jeden nachgewiesenen Corona-Fall in Schweden 999 unerkannte kämen. Bei etwa 6400 Erkrankten allein in Stockholm hätte das allerdings mehr als sechs Millionen Infizierte bedeutet, während in der Stadt nur knapp eine Million Menschen leben.

Tegnell versuchte, den offenkundigen Fehler zu erklären:

"Man hat eine falsche Variable verwendet und damit eine andere Variable erhöht, um den vorgegebenen Richtwert von zweieinhalb Prozent Durchseuchung zu treffen. Dadurch stieg der Wert zwischen bestätigten und nicht entdeckten Fällen enorm an. Das hätten wir merken müssen, aber es ändert nichts an den anderen Fakten wie am Zeitpunkt für das Erreichen des Spitzenwertes der Ansteckungen."

Eine Krankenschwester im Schutzanzug Karolinska-Krankenhaus nahe Stockholm. | Bildquelle: AFP
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Eine Krankenschwester kümmert sich im Karolinska-Krankenhaus nahe Stockholm um Covid-19-Patienten.

Epidemiologe bleibt bei Aussage zu Herdenimmunität

Tegnell bleibt also trotz des Irrtums bei zwei nicht ganz unwichtigen Aussagen, die er für gute Nachrichten hält: Stockholm habe den bisherigen Höhepunkt an Neuinfektionen bereits Mitte April erlebt und es sei anzunehmen, dass irgendwann im Mai ein Drittel der Stadtbevölkerung infiziert sei.

Das wäre dann in der Hauptstadt etwa die halbe Strecke zur Herdenimmunität. Diese strebt Tegnell aber auf dem von ihm maßgeblich formulierten entspannten "schwedischen Weg" mit wenig Verboten und vielen Empfehlungen offiziell gar nicht an. Es gehe vor allem darum, möglichst viele Ansteckungen zu verhindern, sagt er immer wieder.

Unsicherheit nach Doppelpanne

Dieses "möglichst" macht es schwer, den Erfolg zu bewerten. Denn es wird weiter nur wenig getestet und derzeit weiß niemand, wie viele Ansteckungen überhaupt verhindert worden sind - erst recht nicht nach der aktuellen Doppelpanne.

Fest steht nur die Zahl der Corona-Toten, und die ist innerhalb eines Tages noch einmal kräftig gestiegen, um 172 - darunter angeblich aber auch ältere Fälle - auf nunmehr 1937. Schweden liegt damit im Verhältnis zur Bevölkerung etwa um das Dreifache über dem deutschen Wert.

Doppelpanne: Schwedische Coronaexperten ziehen Aussagen zurück
Carsten Schmiester, ARD Stockholm
23.04.2020 07:06 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. April 2020 um 10:00 Uhr.

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