Eine ältere Frau geht durch eine Einkaufsstraße in Schweden | Bildquelle: AP

Bericht der Corona-Kommission Schweden soll Ältere nicht geschützt haben

Stand: 15.12.2020 17:24 Uhr

Schwedens lockerer Sonderweg war international höchst umstritten. Die Corona-Kommission wirft der Regierung nun vor, beim Schutz Älterer versagt zu haben. Etwa seien Altenpfleger unvorbereitet in die Pandemie geschickt worden.

Schweden hat es nach Angaben einer Ende Juni von der Regierung eingesetzten Corona-Kommission nicht geschafft, seine älteren Mitbürger vor dem Coronavirus zu schützen.

"Schlecht ausgerüstet und alleine gelassen"

Länger bekannte strukturelle Probleme sowie Faktoren wie zu wenige geeignete Schutzausrüstungen und spät eingeführte umfassende Tests hätten dazu beigetragen, dass die Altenpflege auf eine Pandemie schlecht vorbereitet und schlecht ausgerüstet gewesen sei, heißt es in einem Bericht der Kommission. Die Angestellten in der Altenpflege seien in der Krisensituation großteils alleine gelassen worden.

Schuld jetziger und früherer Regierungen

Die Verantwortung für die Versäumnisse liegt der Kommission zufolge bei der amtierenden Regierung sowie den Vorgängerregierungen.

Eine in dem Teilbericht hervorgehobene Schwäche war die Aufsplittung der Altenpflege. Diese ist in Schweden in 21 Regionen und 290 Kommunen aufgeteilt. Viele private Anbieter mischen mit, während die nationale Verantwortung von staatlichen Regierungsbehörden getragen wird.

Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven warf derweil den Gesundheitsbehörden Fehlurteile in Bezug auf Corona vor. Sie hätten die Kraft des Virus unterschätzt, die Pandemie erneut aufflammen zu lassen, sagte Löfven. "Ich denke, die meisten Leute in dem Beruf haben die Welle vor sich nicht gesehen", sagte der Sozialdemokrat der Zeitung "Aftonbladet".

Weit weniger strenge Maßnahmen als andere Länder

Schweden hatte in der ersten Welle auf einen Lockdown verzichtet, was weltweit Beachtung fand, aber auch höchst umstritten war.

Im Herbst breitete sich das Virus dann bei medizinischem Personal rasend schnell aus. Daraufhin verbot die Regierung öffentliche Versammlungen mit mehr als acht Personen und Alkoholausschank in Bars und Restaurants nach 22 Uhr. Treffen in privaten Wohnungen wurden jedoch nicht eingeschränkt, und auch eine Maskenpflicht gibt es bisher nicht.  

Bislang wurden im Land mehr als 340.000 bestätigte Corona-Infektionen sowie 7667 damit in Verbindung stehende Todesfälle verzeichnet. Der Großteil der Corona-Toten war 70 Jahre und älter.

Auf die Bevölkerung herunter gerechnet hat das Land mit rund zehn Millionen Einwohnern damit deutlich mehr Infektionen und Todesfälle gehabt als Deutschland oder der Rest Skandinaviens.

Laut der schwedischen Statistikbehörde (SCB) sind im November zudem so viele Menschen in dem Land gestorben wie in keinem anderen November der vergangenen 100 Jahre, nämlich ingesamt 8088 Menschen.

Spanische Grippe markierte Höchststand

"Das ist die höchste gemessene Anzahl an Todesfällen in einem November seit 1918. Das war das Jahr, in dem die Spanische Grippe ausgebrochen ist", erklärte der SCB-Bevölkerungsstatistiker Tomas Johansson. Damals seien im November 16.600 Menschen in Schweden gestorben. Der Höchststand seit 2000 war im Jahr 2002, als 7720 Todesfälle registriert worden seien.

Der jetzt veröffentlichte Bericht war der erste Teilbericht der Corona-Kommission zur Pandemie. Ihren Abschlussbericht soll sie am 28. Februar 2022 vorlegen - sieben Monate vor der nächsten schwedischen Parlamentswahl.

Schweden ohne Lockdown
Sofie Donges, ARD Stockholm
16.12.2020 06:19 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 01. Dezember 2020 um 18:30 Uhr in der Sendung "Weltzeit".

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