Schüler in einer Grundschule in den Niederlanden | Bildquelle: SEM VAN DER WAL/EPA-EFE/Shutters

Schulöffnungen in EU Warum gibt es woanders mehr Unterricht?

Stand: 15.05.2020 05:01 Uhr

Beim Thema Schulöffnung geht Deutschland andere Wege als europäische Nachbarn: Einige Länder haben bei den Lockerungen die Schulen an erster Stelle geöffnet.

Von Helga Schmidt, ARD-Studio Brüssel

Dänemark war Vorreiter in der EU: Schon vor vier Wochen entschied die sozialdemokratische Regierung, die Schulen wieder zu öffnen. Zuerst für die Jüngsten bis Klasse 5. Und sogar die Kindergärten wurden geöffnet, unter strengen Auflagen. Die Familien sollten entlastet werden. Das habe Priorität gehabt, erklärt die Europa-Abgeordnete Christel Schaldemose:

"In Dänemark arbeiten normalerweise beide Eltern, meistens Vollzeit. Wir wollten, dass die Eltern nicht gleichzeitig die Kinder betreuen müssen, wenn sie sich im Homeoffice um ihren Job kümmern müssen."

Die Entscheidung sei nicht unumstritten gewesen, erinnert sich die dänische Europa-Politikerin: "Es gab Diskussionen: Ist das sicher, wie würde das funktionieren, gerade das Abstandhalten im Kindergarten?"

Kleine Gruppen, Unterricht im Freien

Die Folge waren strenge Regeln. Alle Klassen sind in drei kleinere Gruppen aufgeteilt. Das bedeutet für die Lehrer Arbeiten im Schichtdienst. Wenn möglich wird im Freien unterrichtet. Und Markierungen sorgen draußen und drinnen dafür, dass die Kinder sich nicht zu nahe kommen.

Die Familien hätten in der Corona-Krise wirklich Priorität, sagt Schaldemose. Gerade in der Krise sei es doch normal, dass ein Wohlfahrtsstaat die Familien entlaste mit Kindergärten und mit guten Schulen.

Präsident Macron spricht in einer Schule in Poissy mit Kindern. | Bildquelle: REUTERS
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Präsident Macron spricht in einer Schule in Poissy mit Kindern, die inzwischen wieder unterrichtet werden.

"Virtuelle Klassenzimmer" in Frankreich

In Dänemark gehen die Zahlen der Neu-Infizierten zurück. Die frühe Öffnung der Schulen hat nicht zur gefürchteten Ausbreitung des Virus geführt. Dänemark war Vorreiter, aber auch andere Länder haben bei den Lockerungen die Schulen an erster Stelle geöffnet. Norwegen gehört dazu, auch die Schweiz und die Niederlande. Selbst in Frankreich, wo europaweit mit die strengsten Corona-Einschränkungen gelten, gehen die Grundschüler wieder in die Schule.

Unterrichtet werde aber auch auf digitalen Plattformen, berichtet die französische Journalistin Angélique Bouin:

"Meine kleinen Nichten in Paris haben jeden Tag mindestens zwei Stunden Unterricht mit ihren Lehrerinnen, über das Internet. Aber das ist nicht überall so, es gibt Unterschiede je nach Schule. Dafür gibt es in Frankreich virtuelle Klassenzimmer, eingerichtet von der Regierung. Schüler können da das komplette Unterrichtsprogramm für alle Fächer abrufen, in allen Jahrgangsstufen."

"Deutschland geht einen Sonderweg"

Die meisten von Deutschlands Nachbarländern haben die jüngeren Kinder zuerst zurückgeholt in die Schulen. Deutschland gehe einen Sonderweg, sagt die Europaparlamentarierin Terry Reintke. Aus Sicht der Grünen-Politikerin geht das auf Kosten der Familien:

"Wie es den Familien geht, wie es mit der Doppelbelastung vieler Frauen ist, das ist weiter hinten angesiedelt. Das ist ein Riesenproblem. Und deshalb finde ich, dass man sich an vielen Stellen anschauen könnte, wie das in anderen europäischen Ländern besser gemacht wird, um gegen die Belastung von Frauen vorzugehen."

Schon am Montag schalten die Bildungsminister der EU sich in einer Videokonferenz zusammen - für Bundesbildungsministerin Anja Karliczek eine Gelegenheit zu hören, welche Erfahrungen die anderen in der EU mit ihrem Kurs bei der Schulöffnung gemacht haben.

Schulöffnungen: Warum andere Länder anders entscheiden als Deutschland
Helga Schmidt, WDR Brüssel
14.05.2020 20:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL im Hörfunk am 14. Mai 2020 um 19:20 Uhr.

Korrespondentin

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