Interview

Die Tower Bridge ragt aus dichtem Nebel hervor

Referendum in Schottland Londons große Angst vor Little Britain

Stand: 17.09.2014 16:13 Uhr

Die Befürworter und Gegner einer schottischen Unabhängigkeit liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Sollte es zur Abspaltung kommen, werden lange Streitereien folgen, sagt die ARD-Korrespondentin Annette Dittert. Die Angst vor "Little Britain" sei groß.

tagesschau.de: Wie ist die Stimmung in Großbritannien?

Annette Dittert: Sehr angespannt. Nach den jüngsten Umfragen liegen beide Lager fast gleich auf. Es gibt hier derzeit kein anderes Thema auf der ganzen Insel.

tagesschau.de: Nehmen die Engländer die Abspaltung der Schotten denn überhaupt richtig ernst?

Dittert: Die Engländer haben diese Bestrebungen lange nicht ernst genug genommen, insbesondere die Regierung hat versucht, alles zu ignorieren. Seit die erste Umfrage aber eine Mehrheit für die Abspaltung sah, brach in Westminster Panik aus. Für London ist das eine sehr brisante Abstimmung, denn wenn sich Schottland tatsächlich abtrennt, ginge Großbritannien ein Drittel seiner Landmasse verloren.

Karte: Schottland
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In einem historischen Referendum stimmen die Schotten über eine Loslösung von Großbritannien ab.

tagesschau.de: Wie reagieren die Engländer auf den Wunsch der Schotten nach kompletter Unabhängigkeit?

Dittert: Es erfüllt viele Engländer mit Trauer und Sorge, dass es eine so starke Bewegung gibt, die gegen London gerichtet ist. Die Bewegung richtet sich zwar hauptsächlich gegen die Regierung, dennoch verstehen viele Engländer nicht, warum den Schotten eine komplette Unabhängigkeit so wichtig ist.

tagesschau.de: Und warum ist sie den Schotten so wichtig?

Dittert: Die Unabhängigkeitsbewegung richtet sich vor allem gegen den neoliberalen Kurs der Regierung in London, nicht gegen die Engländer an sich. Die Schotten haben immer wieder Labour gewählt - und Tory bekommen. Dadurch haben die Schotten das Gefühl, nicht ihr politisches Ideal einer Sozialdemokratie umsetzen zu können.

tagesschau.de: Wie würden Sie die Scottish National Party (SNP) und den schottischen Nationalismus beschreiben?

Dittert: Die SNP war ursprünglich keine sozialdemokratische Bewegung. Parteichef Axel Salmond hat sie erst dazu gemacht, um auch Wähler von Labour einzufangen. Es handelt sich um eine linksnationale Bewegung. Es gibt natürlich auch rechte, fanatische Nationalisten, aber die sind längst nicht tonangebend. Die Mehrheit ist eine begeisterte und sehr junge Fraktion, die das Land selbst gestalten will. Die Befürworter der Abspaltung wirken sehr viel leidenschaftlicher als ihre Gegner, die eher etwas zu verlieren haben. Die Befürworter sind Abenteurer, die sagen: "Lasst es uns doch probieren." Sie räumen offen ein, dass es eine Fahrt in eine ungewisse Zukunft wird, aber dann sitzen die Schotten zumindest selbst am Steuer.

Schottland vor dem Referendum
tagesthemen 22:15 Uhr, 17.09.2014, Annette Dittert, ARD London, zzt. Edinburgh

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"Es wird hässlich ..."

tagesschau.de: Was ist denn bislang konkret vorbereitet worden für den Fall der Fälle?

Dittert: Es ist so gut wie nichts vorbereitet. Die britische Regierung hat ganz lange versucht, die Abstimmung zu ignorieren, auch um zu zeigen, dass man die Abspaltung überhaupt nicht in Betracht ziehe. Kommt es zur Abspaltung, wird ein monatelanger Streit der Londoner Regierung mit den Schotten darüber folgen, wem was gehört. Das wird hässlich, denn die Enttäuschung der Engländer wird keine gute Basis sein für diese Verhandlungen. Es wird ein langer und schmerzhafter Prozess, der zumindest 18 Monate dauern soll. De facto wird es sich aber über Jahre hinziehen.

tagesschau.de: Welche Punkte wären die wichtigsten nach einem möglichen Votum für die Unabhängigkeit?

Dittert: Die wichtigste Frage ist zunächst: Welche Währung wird ein unabhängiges Schottland haben? London hat gesagt, das Pfund bekommen die Schotten dann nicht. SNP-Chef Salmond hat das immer vom Tisch gewischt und erklärt, das werde man sehen, wenn man soweit ist. Finanzexperten halten das aber für nicht machbar. Insofern dürfte sich London da durchsetzen. Und dann gibt es vielleicht den Scottie oder am Ende doch den Euro.

tagesschau.de: Dafür müsste Schottland aber wohl erst einmal der EU beitreten.

Alex Salmond
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Verspricht, dass alles gut wird: SNP-Chef Salmond.

Dittert: Damit sind wir bei der zweiten großen Frage. Wird die EU das Land neu aufnehmen? Dafür müssen alle 28 EU-Mitglieder zustimmen. Auch das ist ein Prozess, der Jahre dauern kann. Auch hier erklärt SNP-Chef Salmond regelmäßig, das werde am Ende kein Problem. Ob es aber am Ende wirklich gelingt, dass alle EU-Staaten einer Neuaufnahme wirklich zustimmen, ist mehr als unsicher. Unter anderem dürften die Spanier wenig Interesse daran haben, Katalonien auf diese Weise zu ermutigen. 

tagesschau.de: Im Falle eines Erfolgs bei der Abstimmung: Hat die SNP damit ihren Auftrag erfüllt und ihre Daseinsberechtigung verwirkt?

Dittert: Nein - zumindest würde das SNP-Chef Salmond mit Sicherheit weit von sich weisen. Sein Lebenstraum war, der erste Premier eines unabhängigen Schottlands zu werden - und dieses Ziel wird er sicherlich nicht aufgeben. Ob die Schotten ihn bei der nächsten Wahl aber dazu bestimmen würden, das steht auf einem anderen Blatt. Selbst im "Yes"-Lager gibt es eine Menge Schotten, die zwar für die Unabhängigkeit sind, die dem sehr populistischen Salmond aber nicht über den Weg trauen.

Camerons Gegner formieren sich bereits

tagesschau.de: Kann sich Großbritanniens Premier Cameron im Amt halten, sollte Schottland sich wirklich abspalten?

Der britische Premierminister David Cameron.
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Massiv unter Druck: Der britische Premierminister David Cameron.

Dittert: Das wird eine der interessantesten Fragen in London. Cameron hat bisher kategorisch ausgeschlossen, dass er im Falle einer Abspaltung zurücktritt. Das muss er auch sagen, denn sonst wäre das Schottland-Referendum zu einer Abstimmung über seine Person geworden. Und da er so ziemlich alles verkörpert, was die Schotten an England nicht mögen, würde dies garantiert zur Abspaltung führen. Camerons Gegner innerhalb der eigenen Partei haben bereits angekündigt, dass man aber auch bei einem Nein über Camerons Kopf diskutieren müsse.

tagesschau.de: Ist es denn Camerons Schuld, dass Schottland sich nun möglicherweise abspaltet?

Dittert: Er trägt zumindest einen Großteil der Verantwortung. Es war Cameron, der das Referendum überhaupt ermöglicht hat. Das hätte er nicht tun müssen. Und Cameron war es auch, der auf der scharfen Zuspitzung eines Ja- oder Nein-Votums bestanden hat. Das könnte jetzt nach hinten losgehen und es ist schwer vorstellbar, dass er das unbeschadet überlebt. Das erklärt auch sein verzweifeltes Liebeswerben in den vergangenen Tagen. Cameron hat ja nun auch selbst zugegeben, dass ihm das Referendum schlaflose Nächte bereite.

tagesschau.de: Selbst wenn Schottland im Vereinigen Königreich verbleibt - wie geht es dann weiter mit Großbritannien?

Dittert: Auch bei einem Nein wird es sehr weitreichende Konsequenzen geben, weil die gesamte Konstruktion von Großbritannien zur Diskussion steht. Auch Wales oder Yorkshire könnten auf die Idee kommen, dass sie mehr Kompetenzen haben wollen. Auch bei einem Nein wird es generell Diskussionen über eine Dezentralisierung von Kompetenzen in die Regionen geben.

tagesschau.de: Und was erwartet Europa bei einem Ja für die Unabhängigkeit?

Dittert: Die EU wird es mit einem "Little Britain" zu tun haben, das ohne die sozialdemokratischen Schotten seinen neoliberalen Kurs wohl noch klarer verfolgen wird. Ein EU-Austritt wird ohne die europafreundlichen Schotten sehr viel wahrscheinlicher. 

Das Interview führte Patrick Gensing, tagesschau.de

Weltspiegel extra: Scheidung auf schottisch
17.09.2014, Annette Dittert/Frank Jahn, ARD London

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