Ariel Sharon gestorben

Porträt zum Tod von Ariel Scharon Kriegsverbrecher oder Nationalheld?

Stand: 11.01.2014 15:57 Uhr

Für die leisen Töne war Ariel Scharon nicht bekannt. Vielmehr eilte ihm der Spitzname "Bulldozer" voraus. Ob er nach seinem Tod als Kriegsverbrecher oder Nationalheld in Erinnerung bleibt, hängt von der Perspektive ab.

Von Torsten Teichmann, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Kein israelischer Politiker hat polarisiert wie Ariel Scharon. So auch am 28. September 2000. Im Wahlkampf kommt er mit über 1000 Polizisten auf den Tempelberg in Jerusalem. An den Ort, an dem auch Al-Aksa-Moschee und Felsendom stehen: "Ich bin hier her gekommen mit der Botschaft des Friedens. Ich glaube, dass wir zusammenleben können mit den Palästinensern. Das ist keine Provokation. Die Provokation ging von der anderen Seite aus."

Seine Anhänger feiern Arik, wie sie in nennen. Doch in der Folge des Auftritts bricht Gewalt aus, Straßenschlachten zwischen Palästinensern und israelischer Polizei. Vier Menschen sterben, über 200 werden verletzt. Trotzdem wird Scharon im März 2001 Premierminister des Staates Israel. Sein endgültiger Aufstieg.

General im Sechs-Tage-Krieg

Scharon kommt 1928 im damaligen Mandatsgebiet Palästina zur Welt. Seine Eltern sind jüdische Einwanderer. Sie stammen aus Weißrussland. Der Sohn wird Mitglied der paramilitärischen Untergrundbewegung Haganah, kämpft im Unabhängigkeitskrieg 1948 und erwirbt sich seinen Ruf als exzellenter General während des Sechs-Tage-Krieges.

Doch sie nennen ihn auch den "Bulldozer". Einer, der keine Grenzen kennt. Im Yom Kippur Krieg widersetzt sich Scharon Befehlen und überquert den Suez-Kanal. Auch als Politiker kann sich Arik kaum unterordnen. 1998 fordert er als Außenminister die Siedler zum zivilen Ungehorsam gegen die Regierung auf, deren Mitglied er doch ist. "Jeder soll rennen und laufen und weitere Hügel besetzen und das Gebiet ausdehnen. Alles, was wir uns jetzt schnappen wird in unserer Hand sein. Alles, was wir uns nicht schnappen, wird in der Hand der Palästinenser sein."

Nachruf auf Ariel Scharon
T. Teichmann, ARD Tel Aviv
11.01.2014 14:32 Uhr

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Kriegsverbrecher oder Held?

Als sich die Palästinenser im Jahr 2001 ein zweites Mal gewaltsam gegen die israelische Besatzung erheben, ist Scharon Premierminister. Nach einer Serie von Selbstmordattentaten, lässt er das Westjordanland mit Brutalität von der Armee wieder besetzen: "Israel befindet sich im Krieg, im Krieg gegen den Terror.  Ein Krieg, der uns aufgezwungen wurde, den wir nicht wollten.  Ein Krieg um die Heimat.  Alles, was wir für unsere Bemühungen bekommen haben, ist Terror und nochmal Terror."

Für viele Palästinenser ist Scharon ein Kriegsverbrecher. In Israel wird er zum Helden. Nur ein Hardliner wie er könne eine Lösung bringen, heißt es im Jahr 2005. Scharon  hat vorgeschlagen, alle Israelis aus dem besetzten Gazastreifen abzuziehen: "Auf lange Sicht können wir keinen jüdischen und demokratischen Staat erhalten, während wir gleichzeitig Millionen Palästinenser im Westjordanland und Gaza beherrschen. Wer denkt, dass es möglich ist weiterhin an der Siedlung Netzarim und gleichzeitig am Siedlungsblock Maaleh Adomim festzuhalten, wird sich schlussendlich ohne die beiden wiederfinden. Und das ist nicht meine Absicht."

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Zum Tod von Ariel Scharon: Das Leben des ehemaligen israelischen Premierministers

Das Leben des ehemaligen israelischen Premierministers

Ariel Scharon während des Sechstagekrieges

Ariel Scharon während des Sechstagekrieges im Juni 1967 auf der Sinai-Halbinsel. Der 1928 in einem Dorf bei Tel Aviv geborene Sohn osteuropäischer Einwanderer schlug nach dem Studium eine militärische Karriere ein.

Seit 2006 im Koma

Scharons Berater Dov Weißglass sagt später, der Abzug der Siedler sei das notwendige Formaldehyd gewesen, um den Friedensprozess endgültig auf Eis zu legen. Es gelingt, aber der Abzug stellt auch Scharons Partei, den Likud, vor eine Zerreißprobe. Der Ministerpräsident verlässt die Partei, gründet eine neue und erwirkt Neuwahlen.

Kurz vor der Abstimmung am 4. Januar 2006 erleidet Scharon einem zweiten Schlaganfall. Nach einer Serie von Fehlentscheidungen bei Familie und Rettungskräften fällt er in ein Koma, von dem er nie wieder erwacht.

Dieser Beitrag lief am 11. Januar 2014 um 18:12 Uhr im Deutschlandfunk.

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