Ras-Tanura-Raffinerie  in Saudi Arabien | SAUDI ARAMCO HANDOUT/EPA-EFE/REX
Hintergrund

Saudi-Arabien Zur Reform gezwungen

Stand: 11.12.2019 09:03 Uhr

Der heutige Börsengang von Saudi-Arabiens Ölkonzern Aramco kommt nicht ganz freiwillig. Der umstrittene Kronprinz bin Salman muss das Land modernisieren - und dürfte damit noch auf Widerstände stoßen.

Von Alexander Stenzel, ARD-Studio Kairo

Der Börsengang von Saudi Aramco ist ein weiterer Baustein einer groß angelegten Strategie. Der Kopf dahinter ist Kronprinz Mohamed bin Salman. Er möchte das Land unabhängiger vom Öl machen. Denn zum einen hält sich der Ölpreis seit Langem auf einem ziemlich niedrigen Niveau, zum anderen haben die Drohnenattacken auf Ölraffinerien im September gezeigt, wie angreifbar die Ölindustrie des Landes ist.

Alexander Stenzel ARD-Studio Kairo

Die Hälfte der Produktion brach anschließend ein, obwohl es sich um einen vergleichsweise kleinen Angriff gehandelt hatte. Das saudische Königshaus vermutet, dass der Iran hinter den Angriffen steckt.

Kostenträchtige Projekte

Deshalb sollen die Einnahmen vom Börsengang in Wirtschaftszweige fließen, die nichts mit Öl zu tun haben. Wie zum Beispiel "NEOM City" einer Stadt der Zukunft, die noch in der Planungsphase ist und im äußersten Nord-Westen des Landes beim Golf von Akaba entstehen soll. Das 500-Milliarden-Dollar Projekt wird von der Führung des Landes als eine supermoderne Lebenswelt dargestellt, mit blühenden Landschaften und Strom aus erneuerbaren Energien. Sozusagen ein irdisches Paradies, das Investoren und Touristen anlocken soll.

Um attraktiver für Touristen zu werden, hat Saudi-Arabien auch die Einreisebestimmungen für Besucher stark gelockert. Bisher war das Land für Touristen nur schwer zugänglich. Das Verfahren soll nun für Besucher aus 49 Ländern vereinfacht werden - künftig reicht ein Online-Antrag.

Kronprinz Mohammed bin Salman | AP

Kronprinz Mohammed bin Salman will das Image Saudi-Arabiens ändern - vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Bild: AP

Weniger sittenstreng

Der - international höchst umstrittene - Kronprinz versucht ganz offensichtlich, das Image Saudi-Arabiens zu ändern, weg von der sittenstrengen, rückwärtsgewandten Gesellschaft, die die Rolle der Frau auf das Mutterdasein beschränkt. Aus diesem Grund sollen Frauen nicht nur Autofahren dürfen, sondern auch arbeiten. Dafür müssen Arbeitsplätze geschaffen werden. Auch das wiederum erfordert enorme Investitionen. Dass nahezu die Hälfte der Bevölkerung von der Wirtschaft ausgeschlossen ist, ist verschenkte Produktivität, sind verschenkte Steuereinnahmen.

Natürlich stoßen die Modernisierungspläne von bin Salman auf den Widerstand der konservativen Geistlichkeit Saudi-Arabiens. Doch bislang hat sich der Thronfolger durchgesetzt. Nicht zuletzt, weil seine Pläne bei den jungen Menschen gut ankommen, die sich zunehmend ernst genommen sehen. 2018 waren rund 40 Prozent der Bevölkerung 24 Jahre alt oder jünger. Ihr Potenzial soll besser gefördert werden, etwa durch die von bin Salman gegründete MiSK-Stiftung. Dabei geht es laut Selbstauskunft der Stiftung nicht nur um die Wirtschaft, sondern auch um Wissenschaft und Kunst. Ziel sei es, eine wissensbasierte kreative Gesellschaft aufzubauen. Und auch hier ist der Ansatz "Weg vom Öl" zu erkennen.

Defizitär trotz Ölreichtum

Der Kronprinz bricht alte Strukturen auf, weil ihm die wirtschaftliche Entwicklung kaum eine andere Wahl lässt. Seit Jahren hat das Königreich ein Haushaltsdefizit. Während das Königshaus in den Jahren 2010 bis 2013 noch deutlich im Plus war, macht es seit 2014 Schulden. Für das kommende Jahr geht Saudi-Arabien von einem Minus von rund 31 Milliarden Euro aus.

Das liegt nicht nur an dem relativ niedrigen Ölpreis. Die Militärausgaben sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Ein entscheidender Grund ist der Krieg im Jemen. Seit fünf Jahren versucht eine von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition, den gestürzten jemenitischen Präsidenten wieder an die Macht zu bomben. Bisher ohne Erfolg. Das ist offenbar auch der Grund, warum die saudische Militärkoalition nun nach einer diplomatischen Lösung mit den aufständischen Houthis sucht.

Die Globalisierung zwingt zum Umdenken

Aber es sind nicht nur die finanziellen Nöte, die zu einem Umdenken geführt haben. Bin Salman hat erkannt, dass die alte, sich abschottende Isolationspolitik in einer globalisierten Welt nicht bestehen kann. So ist das Ziel seiner Vision, Saudi-Arabien zu einem Zentrum zu etablieren, das "die drei Kontinente, Asien, Europa und Afrika verbindet", erklärte er. Die geographische Position "zwischen den wichtigen globalen Wasserwegen" mache Saudi-Arabien "zum Mittelpunkt und zu einem Portal zur Welt".

Hochtrabende Pläne, die eine Öffnung nach Außen bedeuten - nicht nach Innen. Saudi-Arabien bleibt eine Autokratie, in der Oppositionelle brutal verfolgt werden, wie der grausame Mord an dem Journalisten Khashoggi im vergangenen Jahr gezeigt hat.

Über dieses Thema berichteten am 11. Dezember 2019 die tagesschau um 06:30 Uhr und tagesschau24 um 10:00 Uhr.