Die Seilbahn in Sarajevo | Bildquelle: REUTERS

Sarajevos neue Seilbahn Eine hochemotionale Fahrt

Stand: 28.04.2018 13:54 Uhr

Es ist doch nur eine Seilbahn, oder? Nein, für Sarajevo ist es mehr - vor allem für Fahra. Ihr Bruder starb an der Bahn - als erstes Opfer der Belagerung der Stadt. Nach 26 Jahren fährt die Bahn wieder. Fahra ist eingestiegen.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

Fahra Biber stellt sich ihrer tragischen Vergangenheit. Sie ist auf dem Weg zur Talstation der neuen Seilbahn im Herzen Sarajevos. Bis zum letzten Moment weiß sie aber nicht, ob sie es ertragen kann mitzufahren. "Jetzt werde ich aber nervös". Zu tief sitzt der Schmerz über den Tod ihres Bruders Ramo.

Er ist im März 1992 an der Seilbahnstrecke erschossen worden und gilt als das erste Opfer der jahrelangen Belagerung Sarajevos: "Er hat für die Stadtwerke gearbeitet und war für den Objektschutz zuständig. An der alten Seilbahn hat er sehr viel Zeit verbracht", sagt Biber. "Als der Krieg begann, wollte niemand an der Seilbahn nach dem Rechten sehen. Er ist hingegangen und nicht wiedergekommen."

Fahra Biber | Bildquelle: BR/Eldina Jasarevic
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Fahra Biber war sich lange Zeit nicht sicher, ob sie mitfahren kann. Hier an der Seilbahn wurde 1992 ihr Bruder Ramo erschossen.

Ein Wahrzeichen verschwindet

Ramo Biber war damals 41 Jahre alt, Vater eines kleinen Sohnes. Seine Mörder sind bis heute unbekannt. Es wird vermutet, dass ihn Reservisten der Jugoslawischen Volksarmee getötet haben, spätere Belagerer der Stadt, die in der Nähe stationiert waren und die Räume der Bergstation besetzen wollten.

Zusammen mit Ramo fand auch die alte Seilbahn ihr Ende, die seit 1959 das Stadtzentrum mit dem Berg Trebevic verbunden hatte und zum Wahrzeichen Sarajevos geworden war. "Damals blieb die Seilbahn stehen - und ab dem Tag war sie nicht mehr im Betrieb - bis heute", erzählt Ramos Schwester Fahra.

Besucher sehen sich die Seilbahn von Sarajevo nach ihrem Wiederaufbau an. | Bildquelle: AFP
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Die Eröffnung der neuen Seilbahn war für die Bürger von Sarajevo ein sehr emotionales Ereignis.

Mehr als ein Wiederaufbau

Seit dem 6. April hat Sarajevo seine Seilbahn wieder. Bereits 2007 startete der Wiederaufbau - aber erst jetzt, nach vielen bürokratischen und finanziellen Hürden, fahren heute 33 moderne Gondeln zum 1.160 Meter hohen Gipfel des Trebevic hoch. Ein hochemotionales Ereignis für die kriegstraumatisierte Stadt. Lokale Pop-Ikonen haben sogar einen Song zur Eröffnung geschrieben.

Biber ist inzwischen am Kassenhäuschen der Talstation angekommen. Sie hat sich entschlossen mitzufahren. Sie fragt die Ticketverkäufer, ob sie eine Gondel für sich allein haben könnte: "Ich bin Ramos Schwester." "Dann können Sie hier alles machen, was sie wünschen", antwortet die Ticketverkäuferin.

Die Seilbahn setzt sich mit einem Ruck in Bewegung und gleitet den Berg hinauf. Ein atemberaubender Blick auf den Kessel Sarajevos. Biber hat dafür aber keine Augen. Sie zählt die Masten der Bahn. Sie weiß genau, an welchem die Leiche ihres Bruders gefunden wurde. "Hier irgendwo ist er angeschossen worden, dann hat er sich runtergeschleppt. Zuerst wurde seine Jacke gefunden, dann sein Pullover, dann lag er hier, erfroren in seinem blauen Hemd."

Gedenktafel an den erschossenen Ramo Biber | Bildquelle: BR/Eldina Jasarevic
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Auf Initiative seiner Schwester Fahra ist die Bergstation der neuen Seilbahn nach Ramo Biber benannt. Eine Gedenktafel erinnert an ihn.

Sieben Minuten Ewigkeit

Die Fahrt zur Bergstation dauert gerade einmal sieben Minuten. Für Biber eine Ewigkeit. Tränen fließen und Erinnerungen an alte Zeiten kommen hoch: "Wir sind wirklich sehr oft gefahren, haben Ausflüge gemacht, hatten es schön. Wenn jemand zu Besuch kam, war eine Fahrt mit der Seilbahn Pflichtprogramm. Schöne Erinnerungen."

Oben angekommen zeigt sie stolz auf eine Gedenktafel. Auf ihrer Initiative hin trägt die Bergstation den Namen Ramo Biber. "Ich freue mich einfach, dass etwas geblieben ist. Sein Name wird in Erinnerung bleiben." Mit der neuen Seilbahn schließt sich eine weitere Kriegswunde für die Stadt Sarajevo. Und auch Biber ist glücklich, dass sie die Kraft gefunden hat mitzufahren: "Ich glaube, dass Ramo sich auch sehr gefreut hätte - hundertprozentig."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. April 2018 um 22:50 Uhr.

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