Polizeieinsatz in Amesbury | Bildquelle: dpa

Nach Nowitschok-Fällen in Salisbury Alle zehn Meter steht ein Polizist

Stand: 04.08.2018 16:11 Uhr

Noch immer sind in Salisbury Sicherheitskräfte mit Spezialausrüstung unterwegs, die nach Behältnissen mit Nowitschok suchen. Es herrscht Ausnahmezustand in der südenglischen Stadt.

Von Anne Demmer, ARD-Studio London

Mark Leonard lehnt an seinem Taxi. Die Sonne strahlt ihm ins Gesicht. Auf seinem T-Shirt steht mit schwarzer Schrift geschrieben: "I survived the Russian Nerve Agent Attack. Salisbury 2018." Übersetzt bedeutet dies: "Ich habe die Attacke mit dem russischen Nervengift überlebt."

"Mich gucken die Leute schon komisch an", sagt der Taxifahrer. "Manche sind wahrscheinlich irritiert. Es soll nicht zynisch klingen, ich will mich auch nicht lustig machen."

Leonard wünscht sich einfach nur Normalität. Eigentlich ist für ihn Hochsaison. Wie viele andere lebt der Taxifahrer von den Touristen, die nach Salisbury kommen. Doch seit dem zweiten Nowitschok-Vorfall bleiben die Besucher aus. Normalerweise zieht die kleine Stadt Tagesausflügler an: wegen der schönen Kathedrale, des historischen Marktplatzes und der Nähe zu Stonehenge.

Kein Zugang zum idyllischen Garden

Nur wenige hundert Meter von dem Taxistand entfernt befinden sich die Queen-Elizabeth-Gardens. Der idyllische Park mit großen Bäumen und Blumen, an einem Fluss gelegen, ist derzeit nicht zugänglich. Er ist weiträumig mit blau-weißem Band der Polizei abgesperrt. Hier hatte sich das Paar, das vor wenigen Wochen mit Nowitschok in Berührung gekommen war, am Abend zuvor aufgehalten.

Alle zehn Meter steht ein Polizist. Sicherheitskräfte mit Spezialausrüstung suchen immer noch nach Spuren und möglichen weiteren Behältnissen mit dem Nervengift. Auch im Nachbarort Amesbury sind nach wie vor Bereiche abgesperrt.

Beamte der Polizei suchen den Park ab, in dem der ehemalige russischen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia vergiftet mit Nowitschok gefunden wurden. | Bildquelle: dpa
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Polizisten suchen einen Park nach Spuren von Nowitschok ab.

Ein älterer Herr läuft am Park vorbei, er will von einem Polizisten wissen, wann er dort wieder spazierengehen kann. "Ich fühle mich wie in einem James-Bond-Film. Aber es ist wirklich eine ernste Angelegenheit", sagt er. "Diese Leute haben wirklich hochgiftiges Zeug verbreitet. Ich kann es immer noch nicht glauben."

Der Rentner ist verunsichert. Es gibt - zumindest offiziell - keine neuen Erkenntnisse darüber, wer die Täter sind.

Opfer im kleinen Kreis beigesetzt

Der britischen Nachrichtenagentur PA zufolge soll die Polizei anhand von Überwachungskameras und Einreisedaten mehrere russische Tatverdächtige identifiziert haben. Das wurde allerdings nie offiziell bestätigt. Experten untersuchen derzeit, ob das Nervengift, mit dem das Paar in Berührung gekommen war, aus derselben Charge stammt wie das, mit dem die Skripals vergiftet wurden.

Vor wenigen Tagen ist die 45-jährige Frau unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen im kleinen Kreis beigesetzt worden. Ihr Partner hatte ein Parfumfläschchen gefunden und ihr geschenkt. Sie spritze sich die Flüssigkeit auf den Puls. Es war Nowitschok, wie Experten nachher feststellten. Sie war an den Folgen der Vergiftung gestorben.

Das Krankenhaus von Salisbury | Bildquelle: AFP
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Der Partner des 45-jährigen Opfers konnte aus dem Krankenhaus entlassen werden.

Ihr Partner wurde mittlerweile aus dem Krankenhaus entlassen. Er kann es immer noch nicht richtig fassen. "Ich kann mich wirklich nicht mehr daran erinnern, weder wo, noch wann ich das Parfümfläschchen gefunden habe. Kann sein, dass es in Salisbury war, aber auch in Amesbury", sagte der 44-jährige Mann einem britischen Fernsehsender. Er suche immer mal wieder nach etwas Brauchbarem im Müll. Der Polizei ist er aus dem Drogenmilieu bekannt.

Hohe Einbußen nach Nowitschok-Vorfällen

Alistair Cunningham von der Gemeindevertretung ist für die Unterstützung der Geschäfte und Unternehmen in Salisbury verantwortlich, die nach den beiden Nowitschok-Vorfällen hohe Einbußen haben, weil die Besucher ausbleiben. Sie erhalten finanzielle Unterstützung. Die letzten Wochen seien schlimm gewesen, sagt sie: "Nach dem ersten Vorfall, der Vergiftung des russischen Ex-Agenten Sergej Skripal und seiner Tochter, dachten wir noch, dass wir das schaffen würden. Aber nach nur vier Monaten, kam dieser zweite Vorfall." Jetzt habe es ein Paar getroffen, das sicherlich nie Angriffsziel hätte sein sollen und das mache es natürlich umso tragischer.

Dennoch betont er: Für die breite Öffentlichkeit besteht keine Gefahr. Doch die Menschen sollten eines berücksichtigen: "Wenn Du es nicht selbst fallengelassen hast, dann heb es nicht auf."

Das hat auch ein elfjähriges Mädchen in der Schule gelernt. Unbekannte Gegenstände, Behältnisse, Spritzen, soll sie nicht anfassen. Das wird ihr auch immer wieder von ihrer Mutter eingeschärft. Aber weitere Vorsichtmaßnahmen - die Mutter winkt ab: "Wir leben hier direkt um die Ecke, nur vier Minuten von einem abgesperrten Bereich entfernt. Wir machen einfach so weiter wie immer. Wir müssen den Experten vertrauen. Das Leben geht weiter."

Salisbury nach den Nowitschok-Vorfällen
Anne Demmer, ARD London
04.08.2018 15:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 04. August 2018 um 07:22 Uhr.

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