Nadia Murad und Lamija Adschi  | AFP
Interview

Sacharow-Preis für Jesidinnen Zwei Stimmen gegen die IS-Folter

Stand: 13.12.2016 21:06 Uhr

Sie haben die Grausamkeiten des IS am eigenen Leib erlitten und ihr Leben riskiert, um zu fliehen. Die beiden Jesidinnen, Nadia Murad und Lamija Adschi Baschar, sind die Preisträger des Sacharow-Preis, der heute übergeben wurde.

Bettina Scharkus ARD-Hauptstadtstudio

tagesschau.de: An was denken Sie über Ihre Zeit in den Händen des IS? Wie konnten Sie überleben?

Lamija Adschi Baschar: Ich denke an alles, was mir geschehen ist. Die Vergewaltigung, die Vergewaltigung von so vielen jungen Mädchen, jungen Frauen, kleinen Mädchen, die Vergewaltigung von Frauen, die bereits Mütter waren. Ich erinnere mich an das Töten von so vielen Männern. Ich kann immer noch die Gewehrschüsse hören. Ich erinnere mich an alle Mädchen, die ich kannte und die mit mir in meinem Dorf aufgewachsen sind. Ich erinnere mich an die Mädchen, die mit mir geflohen sind, die versucht haben, das Lager der Peschmerga zu erreichen und die getötet wurden, als eine von ihnen auf eine Landmine trat. Ich erinnere mich an all die Menschen meiner Gemeinschaft, die Mädchen, die Männer, die Jungen - ich erinnere mich an sie alle.

tagesschau.de: Wie gefährlich war die Flucht vor dem IS? Besonders für Sie, Lamija Bashar?

Lamija Adschi Baschar: Ja, es war gefährlich zu fliehen. Ich habe es nicht weniger als viermal versucht und wurde immer wieder gefangen. Ich wusste nie, ob ich überleben oder von dem IS wieder gefangen werden würde. Aber einer Sache war ich mir sicher: Nämlich, dass ich nicht mehr so weiter leben wollte. Ich wollte fliehen, ausreißen oder sterben. Aber ganz sicher wollte ich dieses Leben loswerden.

tagesschau.de: Nadia Murad, welche Bestrafung für die Männer, die Sie und andere Frauen ihrer Glaubensgemeinschaft gefoltert haben, wäre Ihrer Meinung nach gerecht und angemessen?

Nadia Murad: Wir haben unter der Herrschaft des IS gelebt und viele Tausende leben immer noch unter dem IS. Als wir Gefangene waren, haben wir um Gnade gefleht. Menschen wurden dazu aufgefordert, ihren Glauben zu wechseln. Und wenn sie das nicht getan haben, wurden sie getötet. Ich würde gerne die Welt und die internationale Gemeinschaft wissen lassen, was passiert ist, und dass es sich dabei um Völkermord handelt. Wir wollen, dass die Welt, dass die internationale Gemeinschaft das anerkennt. Wir wollen, dass die Verbrecher bestraft werden.

tagesschau.de: Was ist mit internationaler Gerechtigkeit?

Nadia Murad: Ja, wir hoffen, dass es international Gerechtigkeit geben wird und wir haben mit der internationalen Anwältin Amal Clooney zusammengearbeitet, um sicherzustellen, dass diejenigen, die diese Verbrechen begangen haben, auf internationaler Ebene vor Gericht gebracht werden können.

tagesschau.de: Was bedeutet für Sie Europa, was bedeutet für Sie der Sacharow-Preis?

Nadia Murad: Europa bedeutet Menschlichkeit, bedeutet Frieden. Ein Leben in Frieden und Sicherheit. Und dabei ist die Tatsache, dass wir den Sacharow-Preis erhalten haben, ganz besonders wichtig, weil sie unsere Stimme weiterträgt; die Stimme, die über an Frauen und Kindern begangenen Missbrauch und Folter spricht.

tagesschau.de: Was kann die internationale Gemeinschaft tun, um Ihrem Volk zu helfen?

Nadia Murad: Die internationale Gemeinschaft könnte daran arbeiten, dass der IS zur Rechenschaft gezogen wird. Sie könnte Beweise über die Massentötungen und Massengräber sammeln. Leider hat die internationale Gemeinschaft das bislang nicht getan. Wir würden gerne Zeugnis über das ablegen, was geschehen ist. Wir würden unsere Aussage der internationalen Gemeinschaft präsentieren und wir möchten die internationale Gemeinschaft dazu auffordern, endlich zu handeln und zwar schnell zu handeln, um Frauen und Kinder zu schützen und zu retten.

"Wir wollen unser Land befreit sehen"

tagesschau.de: Was erhoffen Sie sich für die Zukunft Ihres Volkes?

Lamija Adschi Baschar: Wir wollen sehen, wie der IS zur Rechenschaft gezogen wird für das, was er den Jesiden angetan hat. Wir möchten alle Frauen und Kinder befreit sehen, die seit zweieinhalb Jahren gefangen halten werden. Was wir bislang geschildert haben, passiert immer noch. Wir wollen unser Land befreit sehen und wir wollen internationalen Schutz, sodass wir zurückkehren und in Frieden und Sicherheit leben können.

So lange dieser internationale Schutz fehlt, sind wir nicht in der Lage zurückzukehren. Wir wollen nicht zurückkehren und dann zuschauen, wie eine andere Gruppe - ähnlich wie der IS - uns Ähnliches antut. Wir wollen nicht mehr die Opfers eines versuchten Völkermordes sein, von Massentötungen, von Massenvergewaltigungen. Wir wollen nicht getötet und ausgelöscht werden, nur weil wir als Ungläubige betrachtet werden.

tagesschau.de: Was wünschen Sie sich im Moment für Ihre persönliche Zukunft?

Nadia Murad: Ich habe bislang keine Entscheidungen bezüglich meiner persönlichen Zukunft getroffen, weil meine Zukunft wahrscheinlich ein Teil der Zukunft meiner Gemeinschaft sein wird.

tagesschau.de: Ich hoffe, Sie werden eines Tages wieder glücklich sein. Vielen Dank und all´ meinen Respekt für Sie beide.

Das Interview führte Bettina Scharkus, ARD-Studio Brüssel

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. Dezember 2016 um 20:00 Uhr.