Putin und Erdogan | AFP

Türkei und Russland Keine besten Freunde

Stand: 08.03.2022 10:04 Uhr

Am Donnerstag sollen sich die Außenminister Russlands und der Ukraine in der Türkei treffen - möglicherweise, um eine Vermittlermission vorzubereiten. Viele halten Erdogan für einen guten Freund Putins, doch das ist er nicht.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

"Mein werter Freund Wladimir Putin": So eröffnete der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die Pressekonferenz 2020 beim Staatsbesuch seines russischen Amtskollegen. Knapp fünf Jahre vorher wäre das undenkbar gewesen. Da schießt die Türkei an ihrer Grenze zu Syrien einen russischen Kampfjet ab. Es beginnt eine Eiszeit zwischen beiden Ländern und deren Staatschefs.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Putin straft die Türkei ab. Sie darf beispielsweise bestimmte Waren nicht mehr in sein Land exportieren. Ein halbes Jahr lang sind Urlaubsflüge in die Türkei verboten. Außerdem greift er seinen Amtskollegen direkt an. Der soll Öl von der Terrormiliz "Islamischer Staat" IS gekauft haben, und er und seine Familie würden davon profitieren.

Erdogan ist empört: "Russland muss für seine Behauptung Beweise vorlegen. Andernfalls ist und bleibt das eine Unterstellung. Sollte das bewiesen werden, trete ich zurück. Aber die eigentliche Frage lautet: Ist Herr Putin bereit zurückzutreten, wenn Russland keine Beweise liefern kann?"

Eine Provokation, kein Konflikt

Keiner der beiden tritt zurück. Aber Erdogan entschuldigt sich im Sommer 2016 bei Putin für den Abschuss. Kurz darauf honoriert der das. Er verurteilt den Putschversuch in der Türkei sehr klar - im Gegensatz zu westlichen Staatschefs, die zurückhaltend reagieren.

Wieder ein halbes Jahr später droht die Stimmung noch mal zu kippen. Ein türkischer Polizist erschießt den russischen Botschafter in Ankara vor laufenden Kameras. Erdogan geht diesmal nicht auf Angriff, im Gegenteil, er zeigt sich solidarisch, spricht von einem Angriff auf die Türkei: "Im Gespräch mit Herrn Putin nach dem Vorfall waren wir uns einig, dass das eine Provokation ist und es hier keinen Konflikt gibt."

Die Beziehungen zwischen beiden bleiben fragil. Wenn es um Syrien geht, wo beide auf unterschiedlichen Seiten aktiv sind, fallen Sätze wie: "Ich habe Herrn Putin gefragt, was Russland in Syrien zu suchen hat. Wenn Ihr dort Militärbasen gründen wollt, dann macht das, aber stellt Euch nicht uns in den Weg!"

Will Putin die Türkei aus der NATO haben?

Die beiden arrangieren sich schließlich, wie auch in Libyen und im Konflikt um die Region Berg-Karabach. Erdogan kauft von Russland sogar ein Raketenabwehrsystem - für die anderen NATO-Partner ein absolutes No-Go.

Experten unterstellen Putin schon länger, er wolle die Türkei aus der NATO herauslösen. Der Russland-Experte Hakan Aksay glaubt nicht an diese Theorie: "Putin will einerseits die Türkei ausnützen, andererseits die NATO und das westliche Lager von innen heraus schwächen und polarisieren. Das soll die Position Russlands insgesamt und Putins Rolle innenpolitisch stärken. Aber ich bezweifle, dass Russland die Türkei darüber hinaus näher an sich binden will."

Wie zwei Kreise

Der frühere türkische General Ahmet Yavuz beschreibt das Verhältnis der beiden Länder so: "Die Interessen der Türkei und Russlands decken sich nie komplett. Man muss sich das wie zwei Kreise vorstellen, die sich teilweise überschneiden. Die gemeinsamen Interessen sind mal größer, mal kleiner."

Im Moment liegt im Kreis von Ankara beispielsweise das Thema Importe. Die Türkei bezieht rund 70 Prozent ihres Weizens aus Russland, dazu nicht wenig Gas und Öl. Hinzu kommen die russischen Urlauber. Sie sind noch vor den deutschen die größte Gruppe. In Moskaus Kreis liegen die Meerengen Bosporus und Dardanellen. Sie bedeuten den Zugang zum Schwarzen Meer, den die Türkei vor kurzem gesperrt hat. Dazu kommen Ankaras Drohnen-Lieferungen für die Ukraine. Die Schnittmengen sind im Moment dabei eher kleiner.

Das wurde auch bei Erdogans Statement zu Beginn des Russland-Ukraine-Kriegs deutlich: "Lassen Sie mich sagen, dass die militärische Intervention Russlands heute ab den frühen Morgenstunden auf ukrainischem Boden inakzeptabel ist und wir das verurteilen."

Diese klare Haltung hat viele im Westen positiv überrascht. Die Tür nach Russland hat Erdogan trotzdem nicht zugeschlagen. Erdogan ist Pragmatiker. Vielleicht kommt diese Qualität diesmal den Bemühungen um Frieden zugute.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. März 2022 um 05:50 Uhr.