Ukrainer legen am 9. Mai rote Nelken vor dem Grab des Unbekannten Soldaten in Kiew nieder.  | Bildquelle: SERGEY DOLZHENKO/EPA-EFE/Shutter

75. Jahrestag des Kriegsendes Kein Siegeskult in der Ukraine

Stand: 24.06.2020 13:16 Uhr

Die Kluft zwischen Russland und der Ukraine wird nirgendwo sichtbarer als in ihrer Art, des Weltkriegsendes zu gedenken. Eine gemeinsame Feier - ferner denn je. Putin provoziert zudem mit einem Aufsatz.

Von Golineh Atai, WDR

Die deutsche Invasion begann mit der Eroberung des Gebiets der Ukraine, die bis Ende November 1941 unter deutscher Kontrolle war. Das Reichskommissariat sah Ukrainer für Knechtschaft und Sklaverei vor: Zwei Millionen Zwangsarbeiter, vor allem Frauen, wurden aus dem Gebiet rekrutiert.

Geschätzt sechs Millionen Ukrainer kämpften in der Roten Armee, mehr als 2,6 Millionen fielen im Krieg. Mehr als fünf Millionen zivile Opfer kostete der Krieg auf dem Gebiet der Ukraine. 1,6 Millionen ukrainische Juden wurden getötet.

"Die Ukraine ist viel stärker besetzt worden von der Wehrmacht im Vergleich zu Russland. Insofern hat die Ukraine unter der deutschen Herrschaft sehr viel mehr gelitten", fasst der Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel, Mitglied der Deutsch-Ukrainischen Historikerkommission, die gewaltigen menschlichen und materiellen Verluste zusammen.

Das Archivbild vom 02.05.1945 zeigt den sowjetischen Soldaten Militon Kantarija aus Georgien, der die sowjetische Flagge auf dem Berliner Reichstag hisst. | Bildquelle: picture-alliance/ dpa
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Russische, ukrainische und andere sowjetische Soldaten der Roten Armee nahmen 1945 Berlin ein. Das Siegesbanner auf dem Reichstag hisste auch ein ukrainischer Rotarmist.

Skepsis gegenüber Weltkriegsmythologie

Doch das Gedenken an das Ende des Grauens könnte heute unterschiedlicher nicht sein. Während das politische System Russlands die Erinnerung für seine Zwecke nutzt, lehnt eine Mehrheit der Ukrainer die sich in den vergangenen Jahren in Moskau herausgebildete Weltkriegsmythologie ab.

Nach einer Umfrage der Ilko-Kutscheriv-Stiftung und des Internationalen Instituts für Soziologie in Kiew sind 61 Prozent der Befragten gegen eine Beteiligung ukrainischer Politiker an den Feierlichkeiten in Russland - darunter auch die Mehrheit im traditionell Russland-näheren Süden und Osten des Landes. 56 Prozent der Befragten sehen sowohl die Sowjetunion als auch Nazi-Deutschland verantwortlich für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, 24 Prozent stimmen dieser Aussage nicht zu.

Putins Aufsatz: Russland trägt keine Verantwortung

Russlands Präsident reagierte auf seine westlichen Nachbarn am vergangenen Wochenende mit einem historischen Aufsatz, der die Verantwortung Moskaus gänzlich aufhebt und die Sowjetunion - das totalitäre Regime Stalins - vom Täter zum Opfer macht. Der Historiker Schulze Wessel sagt dazu:

"Normalerweise verstehen wir Geschichte als herrschaftsfreien Diskurs. Wenn jetzt ein Präsident zur Feder greift, und seinen Aufsatz gar an Lehrstuhlinhaber in Deutschland verteilen lässt mit der Bitte, seinen Text doch im Geschichtsunterricht zu verwenden, dann ist das ein bemerkenswerter Vorgang."

Ein Aufsatz, der wissenschaftliche Kriterien vermissen lässt, indem er zum Beispiel den Molotow-Ribbentrop-Pakt, der zur Aufteilung Osteuropas zwischen der Sowjetunion und Nazi-Deutschland geführt hat, als ein ganz normales Instrument der Diplomatie der 30er-Jahre einordnet. "Dabei ist dieser Akt der Aggression mit keinem anderen historischen Vorgang der 30er-Jahre zu vergleichen", erklärt der Münchner Historiker.

Putins Einordnung "gefährlich"

Putin dekontextualisiere Geschichte, wenn er Polen beschuldige, an der Teilung der Tschechoslowakei beteiligt gewesen zu sein, sagt Schulze Wessel. Die fehlenden Zusammenhänge und Einordnungen machten den Text gefährlich und fragwürdig.

Das Baltikum ist laut Putin gar freiwillig der Sowjetunion beigetreten, die Deportationen von dort verschweigt er einfach - ebenso das Massaker an polnischen Offizieren. "In Bezug auf die Ukraine ist Putins Geschichtsfälschung eigentlich am schlimmsten", analysiert Schulze-Wessel. Er fügt hinzu:

"Putin schiebt -  genau wie die sowjetische Geschichtspropaganda - der Ukraine die Kollaboration zu und beansprucht für sich selbst heldenhaften Widerstand und den Sieg über NS-Deutschland. Sieg und Kollaboration hat es aber auf russischer und ukrainischer Seite gegeben. Als vollständig besetztes Land stand die Ukraine den deutschen Herrschaftstechniken natürlich noch viel mehr offen, wurden mehr Soldaten gewonnen für die Deutschen oder Hilfstruppen für die Konzentrationslager. Aber es gibt überhaupt keinen Grund, die Rollen so zu verteilen, wie Putin das seit geraumer Zeit tut".

Martin Schulze Wessel | Bildquelle: picture alliance / dpa
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"In Bezug auf die Ukraine ist Putins Geschichtsfälschung eigentlich am schlimmsten", sagt der Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel.

Botschafter Melnyk: "Unverhüllte Drohung" Moskaus

"Nichts Neues aus Moskau. Der Artikel liest sich wie ein sowjetisches Geschichtsbuch" - so fassen ukrainische Kommentatoren Putins Aufsatz zusammen. Wenn Putin die Kritik der Polen, Balten und Ukrainer an der Verantwortung Moskaus zurückweise und sie dabei auch noch beschuldige, die "Nachkriegsordnung zu zerstören", dann sei klar: Die Nachbarn seien für ihn - immer noch - nicht mehr als Vasallen seines imperialen Projekts.

Der Botschafter der Ukraine in Deutschland, Andrij Melnyk, warnt:

"Dieser Text ist brandgefährlich. Eine unverhüllte Drohung an Europa, nicht nur in der Ukraine Grenzen mit Waffengewalt verschieben zu wollen, sollte der Westen Putins zynischer Forderung nicht nachgeben, die Einflusszone Moskaus anzuerkennen. Eine solche Entscheidung unserer westlichen Partner unter Putins Erpressung wäre fatal."

Botschafter der Ukraine in Deutschland, Andrij Melnyk | Bildquelle: picture alliance / dpa
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"Dieser Text ist brandgefährlich", sagt der Botschafter der Ukraine in Deutschland, Andrij Melnyk, über Putins Aufsatz.

Melnyk kritisiert in diesem Zusammenhang auch die Siegesparaden in Moskau: "Wenn wir diese schrägen TV-Bilder vom Roten Platz verfolgen, wo teuflische Waffensysteme gezeigt werden, mit deren Hilfe meine Landsleute Tag und Nacht in der Ostukraine seit über sechs Jahren getötet und verwundet werden, macht es uns fassungslos."

Deutschen Schulunterricht überdenken

Er vermisst, dass in der deutschen Erinnerungskultur eine Differenzierung zwischen den Völkern der Sowjetunion und ihren jeweiligen Erfahrungen nicht praktiziert wird. "Als mein Sohn in Berlin das Gymnasium besuchte, war er verblüfft, dass er im Geschichtsunterricht zum Thema NS-Herrschaft kein einziges Wort über die Ukraine und die historische Verantwortung Deutschlands für die Ukraine gehört oder gelesen hat". Melnyk will eine Aufarbeitung dieses ausgeblendeten Kapitels - in der Schule und in der deutschen Öffentlichkeit - mit einem eigenen Mahnmal.

"Im Gedächtnis vieler deutscher Familien - selbst dort, wo Krieg und Besatzungsregime weit weg waren - war das Kriegsunrecht in Form der ukrainischen Zwangsarbeiter sehr präsent", erinnert der Historiker Martin Schulze Wessel. Auch für dieses Kriegsverbrechen sollte mehr Bewusstsein geschaffen werden.

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