Screenshot aus Video, das die Umweltzerstörung der russischen Tundra zeigt | Bildquelle: AP

Umweltskandal in Russland Giftige Brühe in der Tundra

Stand: 29.06.2020 08:33 Uhr

Im Mai bedrohte ein Dieselleck in einem Kraftwerk das Ökosystem der russischen Arktis. Nun haben Umweltschützer weitere Verschmutzungen festgestellt. Der beschuldigte Konzern Nornickel behindert die Aufklärung.

Von Ina Ruck, ARD-Studio Moskau

Seinen Namen möchte er nicht veröffentlicht sehen, sagt er am Telefon. Und erst recht nicht mit dem Video in Verbindung gebracht werden - er wolle ja seinen Job nicht verlieren. Er ist Arbeiter im russischen Norilsk, und er ist seit einem Monat damit beschäftigt, die Folgen einer Ölkatastrophe beseitigen.

Anonym hat er ein Video an einen Oppositionspolitiker geschickt, das längst viral geht. Er gräbt darin mitten in der Tundra ein Loch, darin sammelt sich eine braune Flüssigkeit. "Reiner Diesel", hört man ihn sagen. "Ich könnte hier jetzt aus dem Boden volltanken." Zum Beweis kippt er die Brühe in ein kleines Feuer, sofort schießen Flammen hoch.

Umweltskandal in Sibirien weitet sich aus
tagesthemen 23:15 Uhr, 28.06.2020

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Die Staatsanwaltschaft ermittelt

Ende Mai waren 21.000 Tonnen Dieselkraftstoff aus einem Kraftwerkstank ausgelaufen: in die umliegenden Flüsse, in den Boden, in einen großen See. Das Kraftwerk gehört zu Nornickel, dem zweitgrößten Nickelproduzenten der Welt. Eine Katastrophe für das sensible Ökosystem der russischen Arktis.

Auftauender Permafrostboden sei schuld, deswegen sei der Tank geborsten, hieß es im Konzern - doch längst wird vermutet, dass der an der Wartung gespart hat. Russlands Staatsanwaltschaft ermittelt.

Seitdem laufen in der Arktis die Aufräumarbeiten. Die organisiert der Konzern selbst. Mehr als 90 Prozent des Diesels seien eingedämmt, ließ er neulich wissen. Nachprüfbar ist das nicht, denn unabhängige Kontrolle ist kaum möglich. Wegen Corona steht das Gebiet unter Quarantäne, Journalisten bekommen nur schwer Zugang.

Einsatzkräfte versuchen in Norilsk mit schwimmenden Barrieren Öl aus dem Wasser zu fischen. | Bildquelle: Transneft PJSC HANDOUT/EPA-EFE/S
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Laut Nornickel sind 90 Prozent des ausgelaufenen Diesels eingedämmt. Eine Angabe, die sich nicht überprüfen lässt.

Oligarch und Putin-Freund

Ohnehin ist es nicht einfach, in Norilsk über Nornickel zu recherchieren: Der Konzern dominiert die Region, ist der mit Abstand größte Arbeitgeber. Und das Wichtigste: Sein Chef, der Oligarch Wladimir Potanin, versteht sich blendend mit Präsident Wladimir Putin.

Elena Kostyutschenko, Reporterin der Moskauer Zeitung "Nowaja Gaseta", schaffte es gemeinsam mit Umweltschützern von Greenpeace in das betroffene Gebiet. Sie nahmen Boden- und Wasserproben, sprachen mit den Leuten der Region. Und stießen auf eine ganz andere Fährte: Das Dieselleck sei nicht das einzige Problem, erzählten die Menschen der Reporterin: Der Konzern leite seit Längerem schwermetallhaltiges Abwasser direkt in die Natur.

Tatsächlich fand die Journalistin an einem der Abwasserbecken eine Pumpstation - und zwei große Rohre, die aus dem Becken in die Tundra führen. "Als wir gesehen haben, das sie das giftige Wasser aus dem Becken über die Rohre einfach in die Natur pumpen, haben wir das sofort gefilmt und die Bilder gepostet. Und dann haben wir die Polizei und die Umweltbehörde gerufen", sagt Kostyutschenko.

Will Nornickel Beweise beseitigen?

Noch vor der Polizei aber erschien der Werksschutz. Auf Kostyutschenkos Video sieht man, wie Männer sie am Filmen hindern wollen. Und dann, wie große Bulldozer anrücken und die Rohre schnell aus dem Wasser ziehen. Es wirkt, als wolle man Beweise beseitigen.

Nornickel gab später an, das Abpumpen von Abwasser in die Natur sei nur eine einmalige Aktion gewesen. Das Becken sei kurz vor dem Überlaufen gewesen, deshalb habe man abgepumpt. "Dadurch wurde eine grobe Verletzung der Regeln zugelassen", so die Pressestelle des Konzerns. "Die verantwortlichen Personen wurden bereits aus ihren Positionen entlassen."

Die Umweltschützerin Elena Sakirko, die die Pumpanlage gemeinsam mit Kostyutschenko entdeckt hat, glaubt kein Wort. Nicht nur, weil Rohre und Pumpwerk wie eine dauerhafte Installation ausgesehen hätten: "An der Stelle, an die das Abwasser in den Wald abgelassen wurde, stehen lauter tote Bäume, manche gelb-orange gefärbt. Da wächst nichts mehr. Und tiefer im Wald haben wir mehrere größere übelriechende Tümpel gefunden. Die haben das nicht zum ersten Mal gemacht."

Sie könne es noch immer nicht fassen, wie zynisch der Konzern mit der Umwelt umgehe: "Da erzählen sie der ganzen Welt, wie schnell sie die Folgen des Diesellecks beseitigen und kippen an anderer Stelle Umweltgift in genau dieselbe Natur."

Am Konzern vorbei geht nichts

Ihr Moskauer Greenpeace-Kollege Wladimir Tschuprow glaubt, dass viel zu lax kontrolliert wird: "Die Chefin der russischen Umweltbehörde hat heute gesagt, man habe wohl Wasser aus dem Resevoir ablassen müssen, um größere Schäden zu verhindern". Sie verteidige das Vorgehen also. "Ich vermute, dass Behörden es sogar immer gewusst haben und tolerieren, weil Nornickel wichtig ist für die Region."

So wichtig, dass ohne den Segen des Konzerns nichts zu gehen scheint in der Region. Als die Umweltschützer ihre Bodenproben per Flugzeug nach Moskau bringen wollen, um sie dort von einem unabhängigen Labor untersuchen zu lassen, werden sie am Flughafen von Norilsk gestoppt: Nornickel habe die Ausfuhr der Proben aus der Stadt nicht gestattet.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 28. Juni 2020 um 23:15 Uhr.

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