Die russische Hafenstadt Murmansk nördlich des Polarkreises. | Bildquelle: AFP

Explosion in Russland "Wir leben auf einer Art atomarer Müllkippe"

Stand: 14.08.2019 14:56 Uhr

Angst vor einem alten Atomkraftwerk und neuem Atommüll, keine klaren Informationen - die Bevölkerung in der Region Murmansk ist schon lange besorgt. Laute Kritik gibt es nur von Umweltaktivisten.

Von Sabine Stöhr, ARD-Studio Moskau

Jurij Ivanov ist Umweltaktivist in der Region Murmansk. Wenn man ihm zuhört, wird klar: In Russland passiert am nördlichen Polarkreis zwischen der Insel Novaja Zemlja und dem Weißen Meer eine Menge, wovon nur wenige Menschen etwas wissen. Und die, die etwas wissen, arbeiten überwiegend für den russischen Staatskonzern Rosatom.

Rosatom ist verantwortlich für Atomenergie im zivilen und im militärischen Bereich und hat das entsprechende Hoheitswissen. "Rosatom ist derjenige Konzern, der hauptverantwortlich die Entwicklung der Arktis vorantreibt und jetzt auch die Nordostpassage kontrolliert, die immer leichter befahrbar wird", erklärt Ivanow.

Keine aussagekräftigen Informationen

Die Bevölkerung in der Region ist schon lange besorgt. Gerade erst gab es die Explosion auf einer Meeresplattform bei Njonoksa, etwa 60 Kilometer westlich der Stadt Archangelsk. Aussagekräftige Informationen darüber, was genau passierte, gab es jedoch nicht.

Der Konzern Rosatom und das russische Verteidigungsministerium sprechen davon, dass ein Raketentriebwerk explodiert sei, das mit Flüssigtreibstoff läuft. Ein wissenschaftlicher Berater des Staatskonzerns erklärte: "Unsere Experten sind vor Ort. Weder unsere Experten noch externe Personen haben eine radioaktive Restkontamination registriert", so Alexandr Tschernyschow.

Der Eingang zum russischen Militärgelände nahe des Ortes Nyonoksa. | Bildquelle: REUTERS
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Mehrere Tage nach einem militärischen Atomunfall nahe der russischen Stadt Sewerodwinsk sollte das benachbarte Dorf Nyonoksa geräumt werden.

16-fach erhöhte Radioaktivität

Tage später räumte die russische Wetterbehörde eine bis um das 16-fache erhöhte Radioaktivität in der Region ein. Die Bewohner sind auch gleich mit Geigerzählern losgezogen. Die gehören hier zum Haushalt wie anderswo die Bohrmaschine. Nach wenigen Stunden soll die Strahlung laut der Behörde aber wieder zurückgegangen sein.

US-Experten sind laut Medienberichten allerdings überzeugt: Wenn das stimmen würde, was die russische Führung zur Explosion erklärt, gebe es gar keine Radioaktivität. Sie gehen daher davon aus: Es muss ein Test von Marschflugkörpern gewesen sein - mit atomarem Antrieb. Genau so eine Wunderwaffe hatte der russische Präsident vor etwa anderthalb Jahren angekündigt.

Aktivistin: "Der ganze gefährliche Abfall umgibt uns"

Die Bevölkerung im Nordwesten Russlands ist es gewohnt, beim Thema Radioaktivität im Unklaren gelassen zu werden, sagt Umweltaktivist Ivanow. Und die junge Politikerin Violetta aus dem Büro des Kremlkritikers Alexej Nawalny vor Ort macht klar: "Ich selbst hatte Angst, als ich anfing, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen." Die Region Murmansk sei "eine Art atomare Müllkippe: gefährlich, mit Strahlung. Wir leben wie auf einem Pulverfass. Der ganze gefährliche Abfall umgibt uns von allen Seiten und er kann sich jederzeit unvorhersehbar verhalten."

Zwischen Murmansk und Archangelsk steht seit den 1970er-Jahren ein Atomkraftwerk, das die Bewohner schon allein wegen seines Alters beunruhigt. Im Hafen von Murmansk liegen atombetriebene U-Boote und Eisbrecher. Auf dem Meeresboden lagert radiokativer Müll wie Brennstäbe.

Kritik könnte den Job kosten

Kritik an Rosatom und an der Atompolitik Russlands gibt es aber kaum. Die meisten Einwohner im hohen Norden sind bei der Kriegsmarine beschäftigt oder im Atomkraftwerk weiter südlich der Stadt. Sie verlören schnell ihren Job.

Währenddessen fehlen vor allem den etwa 500 Einwohnern von Njonoksa in der Nähe der Raketen-Testplattform im Meer weiter Informationen. Der Dorfvorsteher von Njonoksa gab laut Nachrichtenagentur TASS bekannt: Es würden keine weiteren Tests folgen. Die Menschen sind in ihrem Dorf geblieben, es hat keine Evakuierung stattgefunden.

Die nukleare Gefahr im Nordwesten Russlands
Sabine Stöhr, ARD Moskau
14.08.2019 12:55 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 14. August 2019 um 06:50 Uhr.

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