Russische Sicherheitskräfte nehmen Demonstrantin fest | REUTERS

Proteste in Russland Protest trotz Tausender Festnahmen

Stand: 31.01.2021 22:27 Uhr

Das zweite Wochenende in Folge sind in Russlands Städten Tausende gegen die Putin-Regierung und die Inhaftierung seines Kritikers Nawalny auf die Straßen gegangen. Die Sicherheitskräfte nahmen Tausende fest.

Von Stephan Laack, ARD-Studio Moskau, zzt. Köln

Die Innenstädte von Moskau und St. Petersburg abgeriegelt, bis zum Abend mehr als 5000 Festnahmen und ein teils brutales Vorgehen der russischen Polizei: Anscheinend mit aller Macht sollten die Proteste für die Freilassung von Kreml-Kritiker Alexej Nawalny verhindert werden. Auch Dutzende Medienvertreter wurden festgenommen. Und das, obwohl sie sich hätten ausweisen können, erklärte die russische Journalistengewerkschaft.

Stephan Laack

In St. Petersburg legten sich Demonstranten mit der berüchtigten Sonderpolizei OMON an:

Verschwindet Jungs, was macht ihr hier? Seid ihr solche Putin Fans? Glaubt ihr, die werden euch nach Gelendschik schicken?

Das war eine Anspielung auf das Nawalny-Video zum "Putin-Palast" am Schwarzen Meer, der ja angeblich einem Vertrauten des Kreml-Chefs gehören soll.

Die Menge der Protestierenden in der zweitgrößten russischen Stadt war aufgebracht und beschimpfte Putin in Sprechchören als Mörder. Dort ging dann die Polizei laut Beobachtern auch besonders hart gegen die Demonstranten vor - mit Tränengas und Elektroschockern.

"Ich bin dermaßen schockiert"

Die meisten Festnahmen gab es aber wieder in Moskau. Auch hier griffen die Einsatzkräfte teils brutal durch. Eine ältere Dame, die das beobachtete, war entsetzt: "Ich bin dermaßen schockiert, dass ich es gar nicht fassen kann." Die Demomstration sei "absolut friedlich" gewesen. Viele Junge Leute im Alter von 15 bis 20 Jahren hätten sich beteiligt. "Jetzt sehe ich, dass sie die einfach in die Transporter gesteckt haben und irgendwohin rausfahren. Gerüchten zufolge sogar nach Tula oder Rjasan."

In Moskau hatten Protestierende versucht, zu dem Gefängnis zu ziehen, in dem Nawalny einsitzt - nachdem der ursprüngliche Plan, vor dem Geheimdienst FSB zu demonstrieren, wegen der Absperrungen nicht umzusetzen war.

"Sie leben in einer ganz anderen Welt"

Ein junger Teilnehmer schilderte, worum es ihm ging: nicht nur um Nawalny - sein Protest richte sich auch gegen den Kreml und Präsident Wladimir Putin:

Es ist ungerecht, dass die staatliche Maschine seit 20 Jahren alles aus den Bürgern herauspresst. (...) Wenn man so lange an der Macht ist, zerstört das den Verstand, sie leben dadurch in einer ganz anderen Welt. Deswegen muss es Veränderungen geben. Bei uns gibt es sie nicht. (…). Etwas Neues kann nur entstehen, wenn das Alte geht. Anders geht es nicht.

Unter den Festgenommenen war heute auch die Frau des Kreml-Kritikers, Julia Nawalnaja. Schon im Laufe der Woche waren zahlreiche Mitstreiter und Nawalnys Bruder Oleg festgenommen und zu Hausarrest verurteilt worden - wohl aus dem Kalkül heraus, so die Proteste entscheidend schwächen zu können.

Dies ist offensichtlich nicht gelungen. Wieder waren es landesweit Zehntausende Menschen, die sich heute daran beteiligten.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 31. Januar 2021 um 17:00 Uhr.