Anti-Putin-Demo in Chabarowsk | Bildquelle: WDR

Protest im Osten Russlands "Wir sind die Macht von Putin leid"

Stand: 25.07.2020 10:22 Uhr

Im Osten Russlands gehen Zehntausende auf die Straße. Sie protestieren vor allem gegen die Festnahme ihres Gouverneurs. Doch ihr Zorn auf den Kreml hat sich lange angestaut.

Von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau, zzt. Chabarowsk

"Putin, tritt zurück!" schallt durch die Straßen von Chabarowsk, einer 600.000-Einwohner-Stadt an der russisch-chinesischen Grenze. Und: "Freiheit für Furgal!" Mehrere zehntausend Demonstranten ziehen vom Amtssitz ihres früheren, jetzt verhafteten Gouverneurs Sergej Furgal durch die Innenstadt. Die Polizei sichert den Verkehr, greift aber erstaunlicherweise nicht ein.

Denn eigentlich sind solche Demonstrationen derzeit nicht erlaubt. "Wir sind die Macht von Putin leid", sagt die Demonstrantin Viktoria Matreewna. "Wir wollen, dass man uns Furgal zurückbringt." Die Ärztin Natalja Iwanowa schimpft: "Sie haben uns Furgal ohne unsere Zustimmung weggenommen." Sie fordert einen ehrlichen Prozess für ihn.

Ein Demonstrant hält ein Bild von Furgal hoch | Bildquelle: REUTERS
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Ein Demonstrant hält ein Bild des festgenommenen Gouverneurs Furgal hoch.

"Gouverneur nach westlichem Verständnis"

Die Vorgeschichte geht so: Am 9. Juli nahmen Spezialkräfte des Geheimdienstes aus Moskau Furgal fest. Er soll vor 15 Jahren Morde in Auftrag gegeben haben. Doch viele Einwohner der Region Chabarowsk vermuten vielmehr politische Gründe. "Ich glaube, er hat einfach Moskauer Beamte gestört", sagt der 44-jährige Demonstrant Sergej Suslikow. "Ich bin wie viele andere sehr enttäuscht über seine Festnahme."

Furgal, Mitglied der nationalistischen LDPR, hatte die Gouverneurswahl 2018 mit 70 Prozent gegen den Kandidaten der Kremlpartei Geeintes Russland gewonnen. Schon das war damals eine Überraschung. "Er war ein Gouverneur, der Politiker nach westlichem Verständnis sein wollte, das heißt, er hat mit seinen Wählern gesprochen, hat versucht, Versprechungen zu machen und einige davon erfüllt", erklärt der Chabarowsker Journalist Sergej Mingasow.

Furgal sei von den Menschen gewählt worden und nicht wie andere vom Kreml bestimmt. "Der Ferne Osten ist ein sehr weit vom Kreml entferntes Gebiet. Hier war es schon immer etwas freier", sagt Mingasow.

Zehntausende protestieren im Osten Russlands gegen russische Zentralregierung
tagesthemen 23:30 Uhr, 25.07.2020, Demian von Osten, ARD Moskau

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"Unterstützung aus Moskau fühlt keiner"

Doch ihre Freiheit, so glauben sie, nimmt ihnen der Kreml immer mehr weg. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Anderthalb Kilometer breit ist der Amur, der Grenzfluss zwischen Russland und China, in Chabarowsk. Vor dem Hafen liegt etwa ein Dutzend Lastkähne - bereit für den Holztransport nach China. Dorthin gehen fast 80 Prozent der gefällten Fichten und Lärchen aus der Region. Hauptprofiteure sind Geschäftsleute, die weit weg, meist in Moskau leben.

Und nicht nur das. "Der Wald wird zum großen Teil aus Moskau kontrolliert, also von Bundes-Institutionen und nicht von regionalen", regt sich Demonstrant Sergej Suslikow auf. "Genauso der Fischfang!" Man müsse also in Moskau Fischfangquoten beantragen und bekäme die oft erst, wenn die Saison bereits vorbei sei. "Unterstützung aus Moskau fühlt keiner, aber die Barrieren, die bundesstaatliche Einrichtungen uns auferlegen, die fühlt man hier sehr stark".

Furgal kämpfte gegen Moskau

Furgal sei der einzige gewesen, der sich mit Moskau angelegt habe - im Sinne der Region Chabarowsk. Etwa bei der illegalen Waldrodung, gegen die sich Suslikow seit Jahren engagiert. "Furgal hat sich ins Auto gesetzt und ist hingefahren, hat sich vor Ort informiert," erzählt Suslikow.

Weil sich die den Bundesbehörden unterstehenden Waldkontrolleure bestechen ließen, habe Furgal einfach die Zufahrtsstraße zu den Waldrodungsgebieten sperren lassen. Die Straße war von den Trucks der Holzfirmen völlig zerstört. "Das hat den Holzfirmen überhaupt nicht gefallen. Irgendjemand hat ja sein Geld plötzlich nicht mehr gekriegt."

Die Menschen fühlen sich vom Rest des Landes isoliert

Auch aus anderen Gründen ist der Ärger auf Moskau groß. Wegen teurer Flug- und Zugtickets fühlen sich die Menschen vom Rest Russlands isoliert. Den rund 300 Euro teuren, achtstündigen Flug nach Moskau können sich nur wenige leisten - das Durchschnittseinkommen liegt bei etwa 600 Euro pro Monat. Kosten für Wohnung oder Lebensmittel sind in Chabarowsk vergleichsweise hoch.

Dass er sich um die Belange der Bürger kümmerte, brachte Furgal die Sympathie der Chabarowsker ein. Er gewann mit seiner Partei, der nationalistischen LDPR, im regionalen Parlament die Mehrheit und ist bis heute beliebt - während zur gleichen Zeit die Zustimmungswerte für Präsident Putin fielen.

Anti-Putin-Demo in Chabarowsk | Bildquelle: WDDR
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In den Straßen von Chabarowsk versammelten sich Zehntausende Menschen.

Zwei Frauen halten bei der Demo in Chabarowsk ein Plakat hoch. | Bildquelle: WDR
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Nicht nur die Festnahme ihres Gouverneurs ärgert die Anwohner.

Auf die Proteste hat der Kreml mittlerweile reagiert - jedoch nicht im Sinne der Demonstranten. Am Dienstag trat der 39-jährige Michail Degtjarew übergangsweise das Amt des Gouverneurs an. Den Demonstranten legte er im Grunde nahe, nach Hause zu gehen. Zum Demo-Wochenende verließ er die Stadt - und muss sich dafür von den Demonstranten heftige Kritik anhören. "Der ist keiner von uns, er ist aus Moskau geschickt worden", sagt der Demonstrant Sachar, der für die Demo mit Frau und Kind zwei Stunden mit dem Auto angereist ist. "Moskau versucht ständig, uns weiter ins Gesicht zu spucken!"

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 25. Juli 2020 um 09:00 Uhr.

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