Ein Krankenwagen vor der Notfallklinik, in der der Oppositionelle Alexej Nawalny in Omsk behandelt wird (Bild vom 20.08.2020). | REUTERS
Hintergrund

Kreml-Gegner Symptome, Giftspuren, offene Fragen

Stand: 02.09.2020 16:35 Uhr

Dass russische Oppositionelle oder in Ungnade gefallene einstige Kreml-Akteure in der Klinik landen, ist keine Seltenheit: Auch im Ausland häufen sich Vergiftungsfälle, die nicht immer aufgeklärt werden können.

Der Fall des bekannten russischen Kreml-Kritikers Alexej Nawalny, der in der Berliner Charité behandelt wird, weckt Erinnerungen: Zum einen ist er selbst nicht zum ersten Mal wegen Vergiftungserscheinungen in Behandlung, zum anderen ähnelt sein Fall vorangegangenen Vorfällen: Immer wieder wurden in vergangenen Jahren Systemkritiker oder in Ungnade gefallene einstige Kreml-Verbündete mit Vergiftungssymptomen behandelt. In vielen Fällen bleiben bis heute ungeklärte Fragen zurück. Ein Überblick.

"Pussy Riot"-Aktivist Pjotr Wersilow

Im September 2018 wurde der russische Aktivist der Protestgruppe Pussy Riot mit möglichen Symptomen einer Vergiftung in ein Moskauer Krankenhaus gebracht. Später kam er zur Behandlung in die Berliner Charité. Wersilow macht für seine mutmaßliche Vergiftung den russischen Geheimdienst verantwortlich. Als Hintergrund für die Attacke geht er von einem Zusammenhang zu seinen Recherchen über drei im Juli 2018 ermordete russische Journalisten in Zentralafrika aus, die dort den Aktivitäten der kremlnahen Söldnertruppe Wagner auf der Spur waren.

Pjotr Wersilow, ein Mitglied der russischen Polit-Punk-Band Pussy Riot, während eines Interviews. | dpa

Pjotr Wersilow, ein Mitglied der russischen Aktivistengruppe Pussy Riot, wurde mit Vergiftungssymptomen in der Berliner Charité behandelt. Bild: dpa

Ex-Spion Sergej Skripal in London

Der ehemalige Doppelagent und seine Tochter Julia wurden im März 2018 im englischen Salisbury dem in der Sowjetunion entwickelten Nervengift Nowitschok ausgesetzt. Beide entgingen nur knapp dem Tod. Westliche Geheimdienste beschuldigen die russische Regierung, den Anschlag als Vergeltung für Skripals Tätigkeit als Doppelagent veranlasst zu haben. Eine 44-jährige Britin, die später mit dem Nervengift in Kontakt kam, starb.

Nemzows Berater Wladimir Kara-Mursa

Wladimir Kara-Mursa war Berater des 2015 in Moskau erschossenen Oppositionspolitikers Boris Nemzow. Wenige Monate nach Nemzows Ermordung fiel er mit plötzlichem Nierenversagen ins Koma. Ärzte diagnostizierten eine Vergiftung, konnten aber keine verursachende Substanz identifizieren. Kara-Mursa reiste zur medizinischen Rehabilitation in die USA aus, wo seine Familie bis heute lebt. Im Februar 2017 wurde er erneut auf einer Moskauer Intensivstation eingeliefert - nach Angaben seines Anwalts wieder mit Vergiftungserscheinungen. Inzwischen lebt er dauerhaft im Ausland.

Wladimir Kara-Mursa  | imago/ITAR-TASS

Wladimir Kara-Mursa war ein Verbündeter des 2015 erschossenen Boris Nemzow. Er kam zwei Mal in Folge mit Vergiftungssymptomen ins Krankenhaus. Bild: imago/ITAR-TASS

Informant Alexander Perepilitschni

Der russische Geschäftsmann und Informant starb 2012 beim Joggen in der Nähe von London. Perepilitschni war ein möglicher Kronzeuge in der Affäre um den Tod eines russischen Anwalts im Jahr 2009. Die Polizei ging von einem natürlichen Tod aus. Eine zwei Jahre später von seiner Lebensversicherung in Auftrag gegebene Untersuchung ergab jedoch, dass sich Spuren eines Gifts von einer chinesischen Pflanze namens Gelsemium in seinem Magen befanden. 2018 wiederum erklärte ein britischer Untersuchungsrichter, es gebe keine Belege für einen Giftanschlag, auch wenn es "nicht völlig auszuschließen" sei.

Ex-Geheimagent Alexander Litwinenko

Der frühere russische Agent und Kreml-Kritiker starb 2006 im Exil in London an einer Vergiftung mit hochgradig radioaktivem Polonium. Zuvor hatte er mit den russischen Geschäftsmännern und Ex-KGB-Agenten Dmitri Kowtun und Andrej Lugowoi Tee getrunken. London gibt Moskau die Schuld, das jegliche Verantwortung bestreitet.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. August 2020 um 12:00 Uhr und um 14:00 Uhr.