Der Kreml-Kritiker Alexej Nawalny trägt einen Rucksack und läuft über einen Parkplatz. | REUTERS

Kreml-Kritiker im Koma Nawalny angeblich nicht transportfähig

Stand: 22.08.2020 04:31 Uhr

Der möglicherweise vergiftete Kreml-Kritiker Nawalny sollte eigentlich nach Deutschland ausgeflogen werden. Doch die Ärzte haben ihn für nicht transportfähig erklärt. Die Mediziner haben zwar eine Diagnose, behalten sie aber für sich.

Der Zustand des möglicherweise vergifteten Kreml-Kritikers Alexej Nawalny soll zu instabil sein, um ihn nach Deutschland zu bringen. Das teilte Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch mit. Sie berief sich dabei auf die behandelnden Ärzte und kritisierte die Mediziner scharf: Die Entscheidung sei eine Bedrohung für Nawalnys Leben. Ärzte und betrügerische Behörden würden so den Versuch verhindern, ihn zu retten.

ARD-Korrespondent Demian von Osten berichtet, Nawalnys Unterstützer glaubten den Ärzten nicht, weil weitere Verzögerungen dafür sorgen könnten, dass ein Gift nicht mehr nachweisbar sei. Deswegen drängten sie auf einen möglichst schnellen Transport.

Ein gechartertes deutsches Rettungsflugzeug landete am Morgen in Omsk. Nawalny soll wegen einer möglichen Vergiftung in der Charité in Berlin behandelt werden. Kosten für Flug und Behandlung würden von Privatleuten bezahlt, sagte Filmproduzent Jaka Bizilj.

Widersprüchliche Angaben über Gift im Körper

Die Klinik im sibirischen Omsk hat nach Angaben eines Arztes keine Spuren von Gift in Nawalnys Körper gefunden. Die Diagnose stehe vollständig fest, erklärte einer der behandelten Mediziner, sie könne aber noch nicht bekanntgegeben werden.

Dagegen hatte Nawalnys Team zuvor mitgeteilt, im Organismus des Oppositionspolitikers sei ein vermutlich tödliches Mittel gefunden worden. Das hätten die Ermittler den Ärzten mitgeteilt, sagte der Chef von Nawalnys Anti-Korruptions-Fonds, Iwan Schdanow. Das Gift sei nicht nur gefährlich für Nawalny, sondern auch für die Umgebung, weshalb das Tragen von Schutzanzügen angeordnet worden sei.

Wegen der laufenden Ermittlungen sei nicht mitgeteilt worden, um welchen Stoff es sich handele, sagte Schdanow. Unklar war, wo die Polizei das Mittel gefunden habe.

Nawalny muss künstlich beatmet werden

Nawalny liegt nach einer möglichen Vergiftung in einem Krankenhaus in der sibirischen Großstadt Omsk im Koma. Er müsse künstlich beatmet werden, so die Sprecherin. "Ich bin sicher, dass er absichtlich vergiftet wurde", sagte sie.

Nawalnys engster Kreis geht davon aus, dass Informationen über die Krankheitsursache zurückgehalten werden. Seine Sprecherin begründete eine Verlegung mit der nicht ausreichenden Ausstattung der Klinik und sprach von Sicherheitsbedenken.

Keine Details zur Diagnose

Noch am Freitagmorgen hatte die örtliche Gesundheitsbehörde der Agentur Interfax mitgeteilt, Nawalnys Gesundheitszustand sei unverändert: Die behandelnden Ärzte hätten ihn als schwer, aber stabil eingeschätzt. Geprüft werde nun mit Spezialisten aus Moskau, ob er für die Verlegung in eine andere Klinik transportfähig sei.

Details zur Diagnose wurden nicht genannt. Am Donnerstagabend hatte einer der Mediziner erklärt, dass es keine Hinweise auf einen Schlaganfall, Herzinfarkt oder eine Infektion etwa mit dem Coronavirus gebe. Vergiftung sei eine Möglichkeit. Der stellvertretende Chefarzt Anatoli Kalinitschenko wurde mit den Worten zitiert: "Was wir bislang geschafft haben, ist für den Moment ein vorsichtiges gutes Zeichen."

Russland, Omsk: Krankenwagen stehen vor einem Krankenhaus in Omsk, Russlnd. | dpa

In diesem Krankenhaus in Omsk wird Nawalny derzeit behandelt. Bild: dpa

Merkel fordert von Moskau rasche Aufklärung

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte Nawalny und seinem Team Unterstützung angeboten. Deutschland sei zu aller gesundheitlichen Hilfe für Nawalny bereit, auch in deutschen Krankenhäusern, sagte die Kanzlerin bei einem Treffen mit Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron in Südfrankreich. Von Moskau verlangte sie eine rasche Aufklärung der Hintergründe: "Was jetzt ganz, ganz wichtig ist, ist, dass dringend aufgeklärt wird: Wie konnte es zu dieser Situation kommen? Darauf werden wir bestehen."

Kreml wünscht baldige Genesung

Der Oppositionelle Nawalny war zu Recherchen in Sibirien unterwegs. Vor der Abreise sei es ihm noch gut gegangen, sagte seine Vertraute Jarmysch. Am Flughafen in Tomsk habe er noch eine Tasse schwarzen Tee getrunken. Während des Flugs nach Moskau hätte er sich dann aber unwohl gefühlt und noch an Bord das Bewusstsein verloren. Das Flugzeug musste wegen des Notfalls in Omsk landen. Im Krankenhaus habe das Team die Polizei alarmiert, so Jarmysch.

Der Kreml betonte, dass es eine Untersuchung durch die Polizei geben werde, sollte sich der Verdacht auf eine Vergiftung bestätigen. "Wie jedem Bürger unseres Landes wünschen wir ihm baldige Genesung", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow.

Nawalny prangerte Machtmissbrauch an

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell schrieb auf Twitter, sollte sich ein Giftanschlag bestätigen, müssten die "Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden".

Nawalny ist der führende Kopf der liberalen Opposition in Russland. Er hat viele Feinde im Machtapparat, denn der studierte Jurist wirft der Regierung und Oligarchen regelmäßig Korruption und Machtmissbrauch vor. Zuletzt hatte ihn auch der umstrittene Staatschef von Belarus, Alexander Lukaschenko, beschuldigt, hinter den Massenprotesten in seinem Land zu stehen.

Immer wieder Anschläge auf Nawalny

Nawalnys Sprecherin brachte den Vorfall mit den Kommunalwahlen in Russland im September in Verbindung. "Offensichtlich haben die Behörden irgendwelche Vorstellungen, dass die Situation gefährlich werden könnte und man, wenn es nötig ist, auch Alexej neutralisieren muss", sagte Jarmysch dem Radiosender Echo Moskwy.

Auf den prominenten Kämpfer gegen Korruption hatte es in der Vergangenheit mehrfach Anschläge gegeben. Vor einem Jahr musste er während seiner Haftstrafe in einem Krankenhaus angeblich wegen eines Allergieschocks behandelt werden. Nawalny betonte damals, dass er vergiftet worden sein könnte.

Über dieses Thema berichtete am 21. August 2020 das Erste um 05:42 Uhr und 08:41 Uhr im ARD-Morgenmagazin und die tagesschau um 09:00 Uhr.