Berliner Charité | picture alliance/dpa

Kreml-Kritiker im Koma Nawalny soll nach Berlin geflogen werden

Stand: 21.08.2020 04:36 Uhr

Der russische Oppositionelle Nawalny soll mit einem gecharteten Flugzeug nach Deutschland gebracht werden. Nach wie vor ist unklar, warum er zusammenbrach. Seine Sprecherin vermutet, dass man ihn vergiftet hat.

Der bekannte russische Regierungskritiker Alexej Nawalny soll wegen einer möglichen Vergiftung in Deutschland behandelt werden. Ein Spezialflugzeug, das den 44-Jährigen aus dem russischen Omsk nach Berlin holen soll, war am frühen Morgen aus Deutschland gestartet, wie der Filmproduzent Jaka Bizilj der Deutschen Presse-Agentur sagte. Demnach befand sich auch ein Team von Medizinern an Bord der Maschine. Zuvor seien alle nötigen Genehmigungen zu einer Verlegung aus Russland erteilt worden. Nawalny könne noch am Freitag in Berlin ankommen, wo er in der Charité behandelt werden soll. Kosten für Flug und Behandlung würden von Privatleuten bezahlt, sagte Filmproduzent Bizilj.

Nawalny liegt nach einer möglichen Vergiftung in einem Krankenhaus in der sibirischen Großstadt Omsk im Koma. Er müsse künstlich beatmet werden, teilte seine Sprecherin Kira Jarmysch mit. "Ich bin sicher, dass er absichtlich vergiftet wurde", sagte sie. Nawalnys engster Kreis geht davon aus, dass Informationen über die Krankheitsursache zurückgehalten werden. Seine Sprecherin begründete eine Verlegung mit der nicht ausreichenden Ausstattung der Klinik und machte Sicherheitsbedenken geltend. Unklar war zunächst aber, wann Nawalny überhaupt transportfähig ist.

Russland, Omsk: Krankenwagen stehen vor einem Krankenhaus in Omsk, Russlnd. | dpa

In diesem Krankenhaus in Omsk wird Nawalny derzeit behandelt. Bild: dpa

Merkel fordert von Moskau rasche Aufklärung

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bot Nawalny und seinem Team Unterstützung an. Deutschland sei zu aller gesundheitlichen Hilfe für Nawalny bereit, "auch in deutschen Krankenhäusern", sagte die Kanzlerin bei einem Treffen mit Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron in Südfrankreich. Von Moskau verlangte sie eine rasche Aufklärung der Hintergründe: "Was jetzt ganz, ganz wichtig ist, ist, dass dringend aufgeklärt wird: Wie konnte es zu dieser Situation kommen? Darauf werden wir bestehen."

Zum Gesundheitszustand des Kreml-Kritikers gab es am Abend keine klaren Angaben. Ein behandelnder Arzt in Omsk sagte, Nawalny befinde sich in einem "ernsten, aber stabilen Zustand". Zur genauen Diagnose nannte er jedoch keine Details. Der Agentur Interfax zufolge erklärte der Mediziner lediglich, dass es keine Hinweise auf einen Schlaganfall, Herzinfarkt oder eine Infektion etwa mit dem Coronavirus gebe. Vergiftung sei eine Möglichkeit. Der stellvertretende Chefarzt Anatoli Kalinitschenko wurde mit den Worten zitiert: "Was wir bislang geschafft haben, ist für den Moment ein vorsichtiges gutes Zeichen."

Kreml wünscht "baldige Genesung"

Der Oppositionelle Nawalny war zu Recherchen in Sibirien unterwegs. Vor der Abreise sei es ihm noch gut gegangen, sagte seine Vertraute Jarmysch. Am Flughafen in Tomsk habe er noch eine Tasse schwarzen Tee getrunken. Während des Flugs nach Moskau hätte er sich dann aber unwohl gefühlt und noch an Bord das Bewusstsein verloren. Das Flugzeug musste wegen des Notfalls in Omsk landen. Im Krankenhaus habe das Team die Polizei alarmiert, so Jarmysch.

Der Kreml betonte, dass es eine Untersuchung durch die Polizei geben werde, sollte sich der Verdacht auf eine Vergiftung bestätigen. "Wie jedem Bürger unseres Landes wünschen wir ihm baldige Genesung", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge. "Die Behörden haben viele Kritiker. Wenn aber das Leben eines russischen Staatsbürgers bedroht ist, dann ist das eine ernste Situation, die sowohl Ärzte als auch Ermittler sehr ernst nehmen."

Nawalny prangerte Machtmissbrauch an

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell schrieb auf Twitter, sollte sich ein Giftanschlag bestätigen, müssten die "Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden".

Nawalny ist der führende Kopf der liberalen Opposition in Russland. Er hat viele Feinde im Machtapparat, denn der studierte Jurist wirft der Regierung und Oligarchen regelmäßig Korruption und Machtmissbrauch vor. Zuletzt hatte ihn auch der umstrittene Staatschef von Belarus, Alexander Lukaschenko, beschuldigt, hinter den Massenprotesten in seinem Land zu stehen.

Immer wieder Anschläge auf Nawalny

Nawalnys Sprecherin brachte den Vorfall mit den Kommunalwahlen in Russland im September in Verbindung. "Offensichtlich haben die Behörden irgendwelche Vorstellungen, dass die Situation gefährlich werden könnte und man, wenn es nötig ist, auch Alexej neutralisieren muss", sagte Jarmysch dem Radiosender Echo Moskwy.

Auf den prominenten Kämpfer gegen Korruption hatte es in der Vergangenheit mehrfach Anschläge gegeben. Vor einem Jahr musste er während seiner Haftstrafe in einem Krankenhaus angeblich wegen eines Allergieschocks behandelt werden. Nawalny betonte damals, dass er vergiftet worden sein könnte.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 20. August 2020 um 22:15 Uhr.

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KOMMENTARE

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Bruchpilot 20.08.2020 • 23:58 Uhr

Seine Sprecherin vermutet!

Die Dame vermutet nicht, wenn der Artikel stimmt, ist sie sich sicher! Es ist schon interessant zu verfolgen, mit welcher Selbstverständlichkeit direkt oder indirekt Schuld zugewiesen wird, sobald es um Russland und Herrn Putin oder um China geht. Ohne den geringsten Beweis selbstverständlich! Nicht dass ich die Vergiftung (falls es sich denn um eine solche handelt) dem russischen Geheimdienst nicht zutrauen würde aber ein bisschen mehr als Vermutungen wäre schon nicht schlecht, zumal der Geheimdienst vermutlich nicht nur aus kompletten Idioten besteht, die ihre Visitenkarte am Tatort hinterlassen. Ich denke mal, Herr Nawalny ist auch schon einer Reihe von Leuten auf den Schlips getreten, die nichts mit dem Kreml zu tun haben. Wie schon gesagt, wenn es sich wie vermutet wirklich um eine Vergiftung handeln sollte.