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Paul-Ehrlich-Institut Warnung vor russischem Corona-Impfstoff

Stand: 11.08.2020 21:42 Uhr

Es fehlen die Daten, es fehlt die Transparenz: Der Präsident des Paul-Ehrlich-Institus, Cichutek, hat in den tagesthemen die russische Zulassung eines Corona-Impfstoffs kritisiert. Auch international sind Experten und Regierungen skeptisch.

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das in Deutschland für die Zulassung von Impfstoffen zuständig ist, hält die Anwendung des in Russland zugelassenen Corona-Impfstoffs für ein Risiko. PEI-Präsident Klaus Cichutek sagte in den tagesthemen, die russische Impfstoffentwicklung habe Mängel. "Man muss statistisch signifikante Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten erheben. Das scheint bei diesem Impfstoff nicht erfolgt zu sein."

Cichutek bezieht sich damit auf den Umstand, dass die russische Zulassung vor dem Abschluss der dritten Testphase des Impfstoffs erfolgt war. Diese dauert normalerweise mehrere Monate und umfasst mehrere Tausend Versuchspersonen.

Keine Daten zum Impfstoff veröffentlicht

Der neu zugelassene experimentelle Impfstoff wurde vom Moskauer Gamaleja-Institut entwickelt und vor nicht einmal zwei Monaten erstmals an ein paar Dutzend Freiwilligen getestet. Bislang wurden keine wissenschaftlichen Ergebnisse veröffentlicht.

Cichutek bemängelte diese fehlende Transparenz. Es sei üblich, dass Impfstoffentwickler über Medien oder durch wissenschaftliche Publikationen schon erste Daten bekannt geben - "das ist hier nicht erfolgt".

Trotz Kooperation mit den russischen Behörden habe das PEI von der weitreichenden Impfstoffentwicklung zuvor nichts gehört. Die Zulassung stärke nicht das Vertrauen in die russischen Arzneimittelbehörden. "Impfstoffentwicklungen brauchen ihre Zeit. Wir brauchen eine gute Datenbasis, um mit gutem Gewissen die Zulassung erteilen zu können und dafür werden wir stehen", so Cichutek.

Gesundheitsministerium: Keine Gespräche mit Russland

International übten Regierungen und Experten Kritik am Vorgehen Russlands. Eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums sagte den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland, zur Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit des russischen Impfstoffs seien keine Daten bekannt.

"Es muss ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis des Impfstoffs nachgewiesen werden, bevor er in der Breite angewendet werden kann." In der EU gelte, dass der Patientensicherheit "höchste Priorität" zukomme. Das Ministerium führt den Angaben zufolge derzeit keine Gespräche mit russischen Stellen zu dem Impfstoff.

Kritik aus den USA

Warnungen vor dem Impfstoff kamen auch aus den USA. "Es kommt nicht darauf an, der erste mit einem Impfstoff zu sein. Es kommt darauf an, einen Impfstoff zu haben, der sicher und effektiv ist, für das amerikanische Volk und die Bevölkerung der Welt", so US-Gesundheitsminister Alex Azar.

Renommierte US-Mediziner sehen das ähnlich: "Behauptungen, einen Impfstoff zu haben, der verbreitet eingesetzt werden kann, bevor man testet, ist nach meiner Ansicht bestenfalls problematisch", sagte Anthony Fauci, der Topexperte für Infektionskrankheiten in den USA. Lawrence Gostin, Experte für globale Gesundheitsgesetze an der Georgetown University in Washington, zeigte sich besorgt, dass Russland beim Verfahren wichtige Schritte übergehe und "der daraus hervorgehende Impfstoff vielleicht nicht nur unwirksam, sondern auch nicht sicher ist."

Israel prüft

Israel zeigte hingegen Interesse an dem russischen Impfstoff, der international unter den Namen "Sputnik V" vermarktet werden soll. Der israelische Gesundheitsminister Juli Edelstein sagte, es gebe bereits Beratungen.

"Wenn wir zu der Überzeugung gelangen, dass es sich um ein ernsthaftes Produkt handelt, werden wir auch versuchen, Verhandlungen aufzunehmen", sagte Edelstein nach einem Bericht der Nachrichtenseite "ynet". Er wolle aber niemandem Illusionen machen: "Der Impfstoff wird nicht morgen kommen."

WHO erinnert an internationale Standards

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betont, dass potenzielle Impfstoffe stets durch alle Testphasen gehen müssten, bevor sie auf den Markt kämen. "Es gibt etablierte Praktiken und Richtlinien", sagte Sprecher Christian Lindmeier.

Damit ein Impfstoff in Deutschland eingesetzt werden kann, benötigt er eine behördliche Zulassung. National ist dafür das PEI zuständig. Alternativ kann eine zentrale europäische Zulassung durch die EU-Kommission erteilt werden. Sie wird unter Mitwirkung des PEI von der Europäischen Arzneimittelagentur EMA koordiniert.

Derzeit laufen weltweit mehr als 170 Impfstoffprojekte, aber nur sechs befinden sich nach Angaben der WHO in der fortgeschrittenen dritten Phase der klinischen Prüfung.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. August 2020 um 18:00 Uhr.