Juri Dmitrijew in einem Gerichtsgebäude in Petrosawodsk im Norden Russlands | Bildquelle: REUTERS

Umstrittenes Urteil in Russland Stalin-Forscher muss in Haft

Stand: 22.07.2020 15:26 Uhr

Ein russischer Historiker und Menschenrechtler ist zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Dmitrijew wird sexuelle Gewalt gegen seine Adoptivtochter vorgeworfen. Doch zahlreiche Beobachter haben Zweifel.

In Russland ist der prominenter Historiker Juri Dmitrijew nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Noch liege allerdings keine schriftliche Begründung des Urteils vor, sagte sein Anwalt. Die Anklage legt Dmitrijew sexuelle Gewalt gegen seine Adoptivtochter zur Last.

Mehrere Wissenschaftler, Politiker und Künstler gehen aber davon aus, dass der Prozess politisch motiviert ist. Sie glauben, dass der 64-Jährige, der zur Gewalt in der Stalin-Zeit forscht, mundtot gemacht werden soll.

Leiter von Menschenrechtsorganisation

Dmitrijew sitzt seit drei Jahren in Untersuchungshaft und ist von der Zeit sichtlich gezeichnet. Seit dem Ende der 1980er-Jahre beschäftigt sich Dmitrijew als Leiter der karelischen Filiale der Menschenrechtsorganisation Memorial mit politischer Verfolgung und staatlichem Terror in der Stalin-Zeit. Akribisch trug er Namen und Schicksale der Opfer zusammen, schrieb Bücher über sie, suchte und fand Orte, an denen Massen-Erschießungen stattgefunden haben.

2016 wurden seine Forschungen öffentlich in Frage gestellt und er selbst geriet ins Visier der Justiz. Ihm wurde vorgeworfen, kinderpornographisches Material erstellt zu haben. 2018 wurde er von den Vorwürfen freigesprochen. Dann folgte die neue Anklage, in der nun ein Urteil gesprochen wurde.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. Juli 2020 um 16:00 Uhr.

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