Juri Dmitrijew in einem Gerichtsgebäude in Petrosawodsk im Norden Russlands. | Bildquelle: AFP

Der Fall Dmitrijew Stalin-Forscher auf der Anklagebank

Stand: 22.07.2020 13:24 Uhr

Der Historiker Dmitrijew forscht zu den Verbrechen der Stalin-Zeit. Seit 2016 ist er im Visier der Justiz - nun droht ihm eine lange Lagerhaft. Menschenrechtler fürchten um sein Leben.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Seit dem Ende der 1980er Jahre hat sich der Historiker Jurij Dmitrijew als Leiter der karelischen Filiale der Menschenrechtsorganisation Memorial mit politischer Verfolgung und staatlichem Terror in der Stalin-Zeit beschäftigt. Akribisch trug er Namen und Schicksale der Opfer zusammen, schrieb Bücher über sie, suchte und fand Orte, an denen Massen-Erschießungen stattgefunden haben.

2016 wurden seine Forschungen öffentlich in Frage gestellt und er selbst geriet ins Visier der Justiz. Ihm wurde vorgeworfen, kinderpornographisches Material erstellt zu haben. 2018 wurde er von den Vorwürfen freigesprochen. Dann folgte eine neue Anklage. Der Prozess gilt als politisch motiviert.

Forderung der Staatsanwaltschaft gleicht Todesurteil

Der Leiterin des Memorial-Museums in Moskau, Irina Galkowa, fällt es hörbar schwer, über den Fall zu reden. Dass die Staatsanwaltschaft 15 Jahre Lagerhaft unter strengen Bedingungen gefordert hat, lasse nichts Gutes erahnen, sagt die Museumsleiterin von Memorial mit Blick auf die heutige Urteilsverkündung: "Wir hoffen natürlich auf eine weniger harte Entscheidung." Auf einen Schuldspruch, der Dmitrijew nicht gleich das Leben kostet, denn die jetzige Forderung wäre ein Todesurteil.

Schon die ungewöhnlich lange, über dreijährige Untersuchungshaft hat dem 64-jährigen Historiker sichtbar zugesetzt. Wie so viele ihrer Kollegen ist auch Galkowa von der Unschuld Dmitrijews überzeugt. Wer sich mit dem Verfahren beschäftige, wisse, dass es eigentlich nur einen Freispruch geben könne. So wie im ersten Prozess, als ihm die Herstellung kinderpornographischen Materials, Pädophilie und illegaler Waffenbesitz vorgeworfen wurde.

Beweise werden unterschiedlich ausgelegt

Als klar wurde, dass die Klage auseinanderfällt, wurde einfach eine neue Anklage erhoben - wegen Unzucht mit Kindern. Von gewaltsamen sexuellen Handlungen ist darin die Rede, begangen an seiner Pflegetochter.

Beweise, die sich im ersten Prozess als nicht tragbar erwiesen hätten, dienten nun wieder als Grundlage, so die Kritik der Menschenrechtler. Frühere Aussagen der Pflegetochter, die Dmitrijew klar entlasteten, zählten nicht mehr. Stattdessen berufe man sich auf Gutachter, die dafür bekannt seien, Expertisen im Sinne der Anklage zu schreiben.

Sie haben eine lange Liste von Ungereimtheiten zusammengestellt. Dazu gehört auch, dass die Richterin, die den Historiker 2018 freisprach, degradiert wurde. Es gebe, so Galkowa, mehr als einen Hinweis darauf, dass das Verfahren auf konstruierten Anschuldigungen basiere. Es sei auf der Grundlage einer anonymen Klage eingeleitet worden. Von wem die anonyme Klage kam, ist bis heute nicht bekannt.

Unliebsame Erinnerungen kommen zurück

Davon, dass der Prozess politisch motiviert ist, sind aber nicht nur die Menschenrechtler überzeugt, sondern auch namhafte Wissenschaftler, Politiker und Künstler. Sie habe keinen Zweifel daran, sagt die preisgekrönte Schriftstellerin Ludmila Ulizkaja, dass Dmitrijew mit seiner Aufklärungsarbeit über Gräueltaten der Stalin-Zeit bestimmten Leuten in die Quere gekommen sei. "Dieser Mann hat mehr als 20 Jahre lang die Erinnerung an jene zurückgebracht, die unschuldig umgebracht und erschossen wurden", sagt Ulizkaja. Es handele sich dabei um Mitarbeiter des NKWD, dem russischen Innenministerium oder auch des KGB. Heute versuche dieselbe Organisation, diesen Mann zum Schweigen zu bringen.

Und zwar ausgerechnet mit Hilfe von Paragrafen, die schnell und wirkungsvoll allgemeine Abscheu und Empörung hervorrufen. Dmitrijew, sagt seine Kollegin Galkowa, sei für die Behörden unbequem gewesen. Er habe den Krieg in der Ukraine kritisiert. Und seine Forschungen fortgesetzt und publik gemacht, als es politisch nicht mehr opportun war - als sich die offizielle Haltung gegenüber Gedenkstätten für die Opfer des großen Terrors veränderte.

Auch wenn es nicht ganz klappt, dieses Gedenken komplett zu verdrängen, dann will man es wenigstens zur Seite schieben. Man versuche es, zu überlagern mit Erinnerungen an den heroischen Sieg im Zweiten Weltkrieg. Jemand wie Dmitrijew, der als Fachmann international anerkannt war und ohne den es viele Gedenkstätten an die Opfer des großen Terrors nicht geben würde, scheine da offenbar massiv zu stören.

Die Mühlen der Justiz: Der Fall Jurij Dmitrijew
Christina Nagel, ARD Moskau
22.07.2020 12:30 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 22. Juli 2020 um 08:37 Uhr in der Sendung "Studio 9".

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