George Bush und Michail Gorbatschow | Bildquelle: picture-alliance / dpa

Russland und die Deutsche Einheit “Wir haben den Kalten Krieg verloren”

Stand: 03.10.2019 16:36 Uhr

Den Mauerfall sahen viele Russen 1989 als Hoffnungszeichen: Sie freuten sich auf mehr Freiheit. Inzwischen sind viele ernüchtert - und bewerten die Ereignisse ganz anders als die Deutschen.

Von Eva Steinlein, tagesschau.de, zzt. Moskau

Mit dem Stück Berliner Mauer in einem Park wissen die meisten Moskauer Passanten nichts anzufangen. Ein Mann muss erst einmal auf dem Smartphone recherchieren - und liest dann vom Kartendienst vor, es sei ein "Denkmal der Freiheit". So hat der Bildhauer Daniel Mitljanski seine Arbeit getauft, für die er das Mauerstück mit eisernen Schmetterlingen verzierte. Nur eine Dame im Rentenalter, die hier zweimal täglich mit dem Hund Gassi geht, weiß Bescheid.

An die Wiedervereinigung Deutschlands erinnern sich viele Russen, die die Zeit von 1989 bis 1991 erlebt haben, nur am Rande. In den letzten Jahren der Sowjetunion waren die meisten mit sich selbst und ihren täglichen Nöten beschäftigt, auch wenn die "Perestroika" bei vielen Hoffnung auf Freiheit weckte.

Ein Stück der Berliner Mauer in einem Park in Moskau
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Ein Kunstwerk? Das "Fenster nach Europa"? Die meisten Besucher eines Parks in Moskau können mit dem dort aufgestellten Stück der Berliner Mauer wenig anfangen.

"Mir war damals unklar: Was ist das für ein Land?"

"Als die Mauer fiel, kam am nächsten Tag ein Mitschüler von mir in den Raum, wo unser Deutschunterricht stattfand, und hat das Porträt von Erich Honecker umgedreht", erinnert sich Anna Smirnowa, die heute am Goethe-Institut in Moskau Deutsch unterrichtet. Sie behandelt das Thema im Oktober und November in ihren Unterrichtsstunden und weckt damit auch bei manchen Schülern und Schülerinnen Erinnerungen.

"Ich war damals Studentin im ersten Studienjahr an der Moskauer Universität für Geisteswissenschaften", erzählt die 50-jährige Jekaterina Kisseljowa. Die Universität mit vielen ausländischen Dozenten galt damals als liberalste Hochschule des Landes. "Für mich war das etwas Plötzliches und Unerwartetes. Ich habe natürlich gewusst: Es existiert eine Deutsche Demokratische Republik, mit der wir gute Beziehungen haben. Und es gibt Bundesdeutschland - wo für mich damals unklar war, was das für ein Land ist; ob es Freund oder Feind ist. Und plötzlich sollen beide deutsche Seiten gemeinsam leben."

Erst Freude für die Deutschen, dann Ernüchterung

Im ersten Moment freuten sich viele Russen für die Menschen im wiedervereinigten Deutschland. Doch als dann die Folgen für das eigene Land klar wurden, machte sich Ernüchterung breit. Immer mehr Ex-Sowjetrepubliken erklärten ihre Unabhängigkeit von Moskau, der Systemwandel stellte viele vor Probleme.

"Die Menschen haben diese Freiheit bekommen - einerseits. Andererseits war ihre Existenz völlig unklar", erzählt Irina Scherbakowa, die zu den Gründerinnen der Menschenrechtsorganisation Memorial gehört. "Unsere Wirtschaft arbeitete zu einem Drittel für den sogenannten Militärkomplex. Plötzlich war der völlig unnötig und alle unsere Großbetriebe nicht konkurrenzfähig."

Das Ende der Sowjetunion hätten viele Russen nicht als Triumph der Demokratie, sondern als Demütigung empfunden: "Die verdrehte geopolitische Vorstellung war: 'Wir sind so riesig, vom Schwarzen bis zum Weißen Meer - darauf muss man doch stolz sein'. Und wenn dieses Imperium plötzlich zerfällt und man zusehen muss, wie die Bruderländer aus dem sozialistischen Lager alle weglaufen, steht man als Schuldiger oder Mitveranwortlicher da", erklärt die Historikerin.

Auch die Mauer habe für viele nicht etwa die deutsch-deutsche Grenze markiert, sondern sei ein Symbol des Kalten Krieges gewesen: "Man sah in der Berliner Mauer zum Teil ein Symbol der Stärke. Sie hatte in der Vorstellung der Menschen nicht mit Deutschland zu tun, sondern mit einer Bastion gegen den Westen oder die NATO, die USA", sagt Scherbakowa. Im Mauerfall sähen manche Menschen auch den Beweis: "Wir haben den Kalten Krieg verloren."

Kohl und Gorbatschow sind unbeliebt

Dementsprechend haben viele Russen auch von Persönlichkeiten um den Mauerfall ein ganz anderes Bild als die meisten Deutschen. Helmut Kohl, der "Kanzler der Einheit", gelte im Vergleich zu US-Präsident George Bush als unwichtiger, sagt die Politikwissenschaftlerin Irina Busygina. "Die Idee der Einheit und wie schnell alles umgesetzt wurde - das geht auf die Initiative und das Betreiben der USA zurück. Kohl ist der Realisator der enormen Arbeit, die die Vereinigung zweier Systeme zu einem Staat bedeutete", meint sie. Dass Kohl im kollektiven Gedächtnis der Russen nicht so präsent sei, hänge auch damit zusammen, dass sie ihn als nicht besonders charismatisch empfunden hätten.

Helmut Kohl (li.) im Gespräch mit Michail Gorbatschow. Foto vom 15. Juli 1990 | Bildquelle: dpa
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Helmut Kohl und Michail Gorbatschow: Zwei Politiker der Wendezeit, die in Russland ganz anders gesehen werden.

Ähnlich gespalten ist die Wahrnehmung von Michail Gorbatschow, dem vor allem in Westdeutschland viele die Deutsche Einheit als Verdienst anrechnen. In Russland ist er dagegen unbeliebt. "Den Russen ist nicht so wichtig, was er außenpolitisch geschafft hat, denn in der Innenpolitik ist er völlig gescheitert", meint Busygina. Gorbatschow habe selbst keine Pläne gehabt, sondern lediglich auf die bestehenden Ereignisse reagiert. Seine Idee eines "Europäischen Hauses" kam im Westen zwar gut an. "Aber das war kein Plan und keine Strategie, sondern nur eine Vorstellung, wie es idealerweise sein könnte", sagt sie.

Die meisten Menschen hätten keine Einsicht in die Reformprozesse der frühen Neunzigerjahre gehabt und sähen vor allem, wie sich seitdem die Gegensätze zwischen Arm und Reich und Korruption ausgebreitet hätten.

Die einen denken global, die anderen nostalgisch

In einem Geschichtsbuch, das für berufsbildende Schulen in Russland empfohlen wird, ist heute zu lesen: "In seiner Amtszeit als Präsident brachte Gorbatschow nicht eine positive Idee vor." Und einige von Busyginas Studenten, die die Sowjetunion nicht mehr erlebt haben und sich mehr soziale Gerechtigkeit wünschen, schwelgen in romantischen Vorstellungen vom Sozialismus.

Doch nicht alle denken so. "Natürlich verstehen wir, dass Gorbatschow diese Entscheidung getroffen hat. Das war nicht nur sein eigener Wille, aber in der Situation war es einfach notwendig. Es konnten nicht mehr weiter zwei Deutschlands existieren, auch wirtschaftlich nicht“, sagt Polina Chorychina, die den Deutschkurs der höchsten Stufe am Moskauer Goethe-Institut besucht.

Die Studentin der Surikow-Kunstakademie kennt die Wende nur aus Schulbüchern, schreibt ihr aber große Bedeutung zu: Die Wiedervereinigung Deutschlands sei "ein Teil der Weltgeschichte und hatte auch gewisse Folgen für die ganze Welt", meint sie. "Jetzt leben wir in einer globalisierten Welt und versuchen, neue Wege zu finden. Und wichtig ist, dass wir das nicht nur allein, sondern zusammen machen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur "Lesart" am 07. September 2019 um 11:05 Uhr.

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