Sowjetische Soldaten in der DDR

Sowjetische Soldaten DDR-Stationierung als Privileg

Stand: 03.10.2020 17:51 Uhr

Die Deutsche Einheit war auch für Hunderttausende Sowjetsoldaten eine Zäsur: Sie verließen nach und nach die Kasernen in der ehemaligen DDR. Viele blicken heute mit positiven Gefühlen zurück.

Von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau

Michail Lysow hatte das große Los gezogen: Das Schicksal verschlug den russischen Wehrdienstleistenden in die DDR. "Es war ein großartiges Geschenk für mich, dort zu dienen", sagt Lysow heute. "Offiziere, die mit uns da waren, hatten ein gutes Gehalt, sie hatten Ersparnisse. Alles war gut!"

Im April 1979 kam er in die DDR und blieb bis Mai 1981. Wenn Lysow anfängt, von seiner Zeit in der DDR zu erzählen, dann hört er gar nicht mehr auf. In einem an den Rändern leicht ausgefransten grünen Fotoalbum bewahrt er das Andenken auf: "Erinnerungen an meinen Aufenthalt in der DDR", steht auf Russisch vorne drauf.

Fotoalbum von Michail Lysow
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In diesem Fotoalbum bewahrt Michail Lysow Erinnerungen an die Sowjetunion auf.

Daneben ein Portrait des 18-jährigen Lysow in Uniform mit Schirmmütze: ein jugendliches Gesicht, kein Lächeln. Ein Foto davon hat er geschickt, das Interview findet am Telefon statt.

1979 schickte die sowjetische Armee Lysows Mannschaft 209 nach Hagenow bei Schwerin. "Wir wussten noch nichts. Und dann sagten sie, dass die Komanda-209 ins Ausland gehen würde. Wir haben uns sehr gefreut!"

In der DDR zu dienen war wie eine Belohnung

In der DDR zu dienen war wie eine Belohnung: Die neueste Militärtechnik, besseres Essen, ein extra Set Kleidung und deutlich mehr Lohn. Lysow erinnert sich: "Mit dem Geld versuchte jeder neu angekommene Soldat, eine Postkarte aus der Stadt zu kaufen, in der er diente. Wir kauften auch Abziehbilder, die es in Russland nicht gab, steckten sie in einen Umschlag und verschickten sie mit Grüßen aus Deutschland."

Vor Einheimischen solle man sich bloß nicht blamieren, hätten ihnen die Offiziere eingebläut. Zwei Jahre war Lysow in der DDR, bewunderte, dass es Bürgersteige selbst in kleinen Dörfern gab - und überall Ordnung und Sauberkeit.

Michail Lysow 1979, als er den Eid ablegt
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Michail Lysow 1979 bei seiner Vereidigung.

Die deutsche Einheit sieht Lysow positiv. Rund 550.000 sowjetische Soldaten waren zur Wiedervereinigung auf dem Gebiet der DDR stationiert. Für den Abzug zahlte Deutschland rund 15 Milliarden D-Mark, einen Teil in Form eines zinslosen Kredits.

Mit dem Geld sollten zum einen Soldatenwohnungen in der Sowjetunion beziehungsweise deren Nachfolgestaaten gebaut werden. Kosten fielen auch für den Unterhalt der Soldaten und den Transport Richtung Osten an. Bis August 1994 zogen alle Truppen aus der ehemaligen DDR ab.

"Wir waren gute Freunde"

Alexander Generalow war damals dabei. Er denkt gerne an seine zwölf Jahre Deutschland zurück. Mit knapp 20 Jahren kam Generalow in die Nähe von Cottbus, kümmerte sich um "Sicherheitsfragen", wie er es nennt. "Wir hatten einen Freundschaftsrat zwischen der DDR und der UdSSR", erzählt Generalow. "Wir hatten viele Sportwettkämpfe, wir haben immer Fußball gespielt. Und wir haben in landwirtschaftlichen Genossenschaften geholfen, wenn wir Freizeit hatten. Wir waren gute Freunde!"

Alexander Generalow in der DDR
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Alexander Generalow posiert als junger Soldat vor einem Auto.

Die Truppen in der DDR seien das Gesicht der Sowjetunion gewesen - der beste Ort, um zu dienen, sagt Generalow. Das habe auch für die Karrieren im Militär gegolten: "Wer in der DDR gedient hatte, wurde in der Sowjetunion viel höher geschätzt als jemand, der in Ungarn oder Polen war. Sie werden keine einzige Person finden, die es bedauert, in Deutschland gedient zu haben."

Alexander Generalow
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Alexander Generalow war mulmig zumute bei seinem Abzug aus Deutschland: Er ahnte, welches Chaos ihn in der Heimat erwartet.

Generalows Abzug: "Kein gutes Gefühl"

Noch heute fährt Generalow mindestens einmal pro Jahr nach Deutschland. 30 Jahre Einheit sieht er mit gemischten Gefühlen. Freude für das wiedervereinte Volk, aber: "Die Spielregeln haben sich danach etwas geändert. Als sich die beiden Deutschlands vereinigten, hatten die Hauptakteure Bedingungen gestellt und Versprechen gemacht. Als die Wiedervereinigung vollzogen wurde und wir Ostdeutschland verließen, wurden dann die Verträge verletzt."

Generalow findet, der Einfluss der USA auf Deutschland sei zu groß geworden. Verbitterung gibt es bei Generalow vor allem über die NATO-Erweiterung Richtung Osten: Noch heute wird über damalige mündliche Zusagen, die NATO nicht nach Osten zu erweitern, kontrovers diskutiert.

1994 erlebte Generalow dann den Abzug der letzten sowjetischen Truppen aus der ehemaligen DDR. "Das war ein ungutes Gefühl. Es war zwar gut, nach Hause zu kommen. Aber jeder wusste genau, dass wir zu dieser Zeit Verwüstung in unserem eigenen Land hatten", beschreibt er. "Jeder verstand das, aber niemand wusste, wie sehr alles auseinanderfallen würde."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. Oktober 2020 um 17:13 Uhr.

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