Jelena Melnikowa lässt als Probandin für "Sputnik V" untersuchen - und dann den Impfstoff testweise injizieren. | ARD Moskau
Reportage

Russlands "Sputnik V" Ausliefern, während noch geforscht wird

Stand: 17.09.2020 04:59 Uhr

"Sputnik V" wird in Russland Testpersonen gespritzt - und zugleich schon in die Regionen zur Corona-Impfung ausgeliefert. Die Probanden in einer Moskauer Poliklinik äußern wenig Bedenken.

Von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau

Jelena Melnikowa sitzt im Behandlungszimmer der Moskauer Poliklinik 121. Fieber und Blutdruck messen, einmal in den Rachen schauen - Ärztin Maria Jewsjukowa ist zufrieden. "Am Anfang führen wir eine Untersuchung durch", erklärt sie. "Wir fragen auch nach dem allgemeinen Wohlbefinden, ob der Patient seit dem Moment der ersten Untersuchung, die wir gemacht haben, eine Erkältung hatte. Dann schauen wir in den Hals, ob es irgendwelche Veränderungen gibt. Weiter prüfen wir die Ergebnisse von Tests." Denn eine Impfung darf nur bekommen, wer noch nicht mit dem Coronavirus infiziert war, weder Hepatitis hat noch HIV-positiv ist. Schwangere, Kinder und Ältere kommen nicht als Testpersonen infrage.

Demian von Osten ARD-Studio Moskau

Bei Melnikowa ist alles in Ordnung. Die 41-Jährige hat sich freiwillig über ein Onlineportal der Moskauer Stadtverwaltung als Testperson gemeldet - zusammen mit ihrem Mann, der schon vor der Tür auf seinen Termin wartet. Sie findet es wichtig, bei der Entwicklung des russischen Impfstoffs zu helfen: "Wir durchlaufen jetzt dieses Impfstoff-Experiment, dann kann es vollständig in die Produktion gehen, sodass die Menschen keine Angst haben müssen, sich impfen zu lassen", sagt sie.

Sechs Monate unter Beobachtung

Im Nebenzimmer holt eine Arzthelferin die Impfstoff-Ampulle aus einem schweren Kühlschrank. Zehn Minuten auftauen, dann wird der Impfstoff der Probandin in den rechten Arm gespritzt. "Hervorragend" fühle sie sich, sagt Melnikowa nach der Injektion.

Ob das so bleibt, darüber muss sie im nächsten halben Jahr genau Buch führen: Eine App herunterladen, in die täglich Gesundheitsdaten einzutragen sind, außerdem erhält sie ein Fitness-Armband, das unter anderem den Puls misst. Die Patienten bleiben lange unter genauer Beobachtung der Ärzte. "Am vergangenen Mittwoch haben wir bereits den ersten Patienten geimpft. Seitdem haben wir, Gott sei Dank, keine Nebenwirkungen, kein unerwünschtes Resultat registriert. Alle Patienten fühlen sich gut", sagt Chefarzt Andrej Tjaschelnikow. Alle Probanden müssen nach 14 Tagen zur zweiten Impfung.

Andrej Tjaschelnikow ist Chefarzt der Moskauer Poliklinik 121. | ARD Moskau

Andrej Tjaschelnikow ist Chefarzt der Moskauer Poliklinik 121. Bild: ARD Moskau

Internationale Kritik an früher Zulassung

International hatte es Kritik gehagelt, nachdem Russland als erstes Land weltweit den Impfstoff "Sputnik V" des Gamaleya-Instituts quasi zugelassen hatte. Denn damals hatte die übliche dritte Phase der Impfstoffentwicklung noch nicht begonnen und Informationen zum Impfstoff waren noch nicht veröffentlicht worden. Mittlerweile haben die russischen Forscher einen Artikel im medizinischen Fachblatt "The Lancet" veröffentlicht. Doch internationalen Wissenschaftlern reichen die darin veröffentlichten Grafiken weiter nicht aus.

Die Impfdosen werden indes schon in Russlands Regionen geliefert. Vor allem Ärzte und Lehrer sollen sie erhalten. Doch nicht alle sind davon begeistert: Bei einer Umfrage im August sagte mehr als die Hälfte der befragten Ärzte, sie würden sich noch nicht impfen lassen wollen. Weltweit befinden sich 26 Impfstoffvarianten in klinischen Tests.

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte die Registrierung des ersten Impfstoffs am 11. August im Fernsehen verkündet. Der Vorsprung gegenüber anderen Ländern könnte für ihn zum Prestigegewinn werden: Der Staatsfonds, der die Produktion des Impfstoffs mitfinanziert, hat bereits Verträge mit Kasachstan, Brasilien und Mexiko abgeschlossen, auch Indien soll ihn bekommen. Seine Tochter habe sich impfen lassen, sagte Putin im August. Impfen lassen haben sich auch Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin oder Verteidigungsminister Sergej Schoigu. Beispiele, die bei den Russen offenbar ankommen.

"Wer erster ist, macht keinen Unterschied"

Auch Sergej Koschewnikow ist Testperson in der Moskauer Poliklinik 121. Der Ex-Soldat Mitte 50 hat gesehen, wie sich Schoigu impfen ließ - und sich sofort registriert. "Wer erster ist, ob Russland, die USA oder ein anderes Land, das macht keinen Unterschied", sagt Koschewnikow. "Wenn ein amerikanischer oder westlicher Impfstoff käme und die gleiche Testphase hier durchgeführt würde, nähme ich auch daran teil."

40.000 Testpersonen werden benötigt, nach offiziellen Angaben haben sich allein in Moskau mehr als 55.000 Freiwillige gemeldet. Neben der Poliklinik 121 gibt es mehrere Orte in Moskau, an denen geimpft wird. "Heute kommen etwa 100 Personen täglich zur Untersuchung und circa 30 bis 50 zur Impfung”, sagt Chefarzt Tjaschelnikow. "Ich hoffe, dass die Anzahl der Menschen, die zur Impfung kommen, allmählich steigen wird."

Der Ex-Soldat Sergej Koschewnikow sagt, er hätte sich auch für einen Impfstoff aus den USA als Testperson zur Verfügung gestellt. | ARD Moskau

Der Ex-Soldat Sergej Koschewnikow sagt, er hätte sich auch für einen Impfstoff aus den USA als Testperson zur Verfügung gestellt. Bild: ARD Moskau

Von Massenimpfungen ist noch keine Rede

Patientin Anna, die ihren Nachnamen nicht nennt, erlebt bei ihrem Termin eine Überraschung. "Wir haben ein kleines Problem", sagt plötzlich der Chefarzt. Denn bei der Voruntersuchung sind in ihrem Blut Antikörper gegen das Coronavirus entdeckt worden. "Ich bin überrascht, schockiert", sagt die junge Frau. Sie sei nicht krank gewesen, habe höchstens eine Erkältung gehabt. Mit Antikörpern gegen das Virus darf sie nicht geimpft werden.

Von Massenimpfungen ist auch Russland noch weit entfernt. Derzeit werden täglich wieder mehr Menschen positiv auf das neuartige Coronavirus getestet - die Behörden rechnen bereits mit einem schwierigen Herbst. Und setzen darauf, dass die Tests mit dem neuartigen Impfstoff positiv verlaufen und das Präparat dann bald in großer Stückzahl produziert werden kann. 

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 17. September 2020 um 10:23 Uhr.