Ein Barmann mit Maske mixt in einer Moskauer Bar Getränke. | Bildquelle: AP

Corona-Krise in Russland Mit QR-Code in den Club

Stand: 05.11.2020 13:49 Uhr

In Moskau ist das Nachtleben in vollem Gange: Um einen zweiten Lockdown abzuwenden, werden Infektionen per QR-Code nachverfolgt. Clubbetreiber sind begeistert, Datenschützer alarmiert.

Von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau

Oleg bekam eine unscheinbare SMS: "Beim Besuch der Organisation um 0:42 Uhr könnten Sie Kontakt mit einem Besucher mit bestätigter COVID-19-Infektion gehabt haben." Oleg war kurz ein Bier trinken, erzählt er in einer Facebook-Gruppe - dafür musste er vorher seine Telefonnummer angegeben. Die SMS warnte ihn danach vor einer möglichen Corona-Infektion. "Versuchen Sie, Kontakte zu begrenzen. Rufen Sie bei einer Verschlechterung des Wohlbefindens einen Arzt an", steht in der Nachricht.

Mit dieser Methode will Moskau seine Clubs, Bars und Diskotheken offen halten, obwohl die Corona-Infektionszahlen auch in Russland Rekordwerte erreichen: Mehr als 18.000 Neuinfektionen waren in den vergangenen Tagen registriert worden. Moskau verschärft Kontrollen der Masken- und Handschuhpflicht im öffentlichen Nahverkehr. Auch an gut besuchten öffentlichen Plätzen soll man jetzt Masken tragen.

Doch anders als in Deutschland ist in Moskau das Nachtleben in vollem Gange. Bars, Clubs und Restaurants sind zwar leerer als sonst, sollen aber nicht geschlossen werden - dank der QR-Codes. Wer nachts Clubs oder Bars besuchen will, muss einen solchen Code, individuell für jeden Club oder jede Bar, scannen und wird dann weitergeleitet - entweder zu einer staatlichen App oder zur Eingabe seiner Telefonnummer. Moskaus Behörden wissen also genau, wer wann welchen Club besucht.

"Wenn man jetzt einen Nachtclub schließt, ist das sein Ende"

"Ich habe mich darüber gefreut", sagt Daniil Sacharow, künstlerischer Direktor des Clubs "Lookin' Rooms" in Moskau. "Ich sehe darin keine Probleme und für unsere Gäste auch nicht. Bei der letzten Pandemiewelle hat man uns einfach geschlossen. Und wenn man einen Nachtclub schließt, dann ist das sein Ende."

Mehrere Monate war "Looking' Rooms" wie alle anderen Clubs, Bars und Restaurants für Besucher geschlossen. Die Betreiber nahmen Schulden aufgenommen, staatliche Hilfe und einen Rabatt bei der Miete bekommen. Eine neue Schließung würde man vermutlich nicht überleben, sagt Sacharow. Und das scheint man in der Moskauer Stadtverwaltung auch so zu sehen.

Daniil Sacharow | Bildquelle: ARD
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Daniil Sacharow ist der künstlerische Leiter des Clubs "Lookin' Rooms" in Moskau.

Club in Moskau | Bildquelle: ARD
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Er meint: Eine weitere krisenbedingte Schließung würde der Club wirtschaftlich nicht überstehen.

Bürgermeister Sergej Sobjanin, ein Vertrauter von Russlands Präsident Wladimir Putin, hatte die Maßnahme verordnet und die Schließung von Clubs bislang abgelehnt. Im staatlichen Nachrichtenkanal "Rossija 24" sagte er zur Begründung: "Nachtclubs und Gastronomie befinden sich schon so am Rande der Rentabilität und des Überlebens. Deshalb haben wir beschlossen, nur zu kontrollieren, wer dorthin geht." Wenn jemand dann krank würde, könne man so schnell alle warnen, die diese Einrichtung besucht hätten. "Es heißt nicht, dass wir nach allen fahnden und sie in Quarantäne stecken, wir wollen nur warnen."

Viele Gäste sehen darin ebenfalls kein Problem - zu sehr sind viele Russen schon daran gewöhnt, überall ihre Telefonnummer zur Identifikation anzugeben, etwa bei kostenlosen WLANs oder in Apps. Für die Clubbetreiber werden es dennoch schwere Zeiten: Denn die Zahl der Gäste dürfte angesichts so hoher Infektionszahlen von selbst zurückgehen.

Firmen sollen Mitarbeiterdaten erheben

Auch bei der wegen der Corona-Krise verordneten Heimarbeit für 30 Prozent der Mitarbeiter in Moskauer Firmen setzt die Stadt auf elektronische Hilfe - und zwingt Arbeitgeber, eine Reihe von Daten jener Mitarbeiter an die Stadt zu schicken, die zu Hause arbeiten: Handynummern, die Nummern von Dauerfahrkarten für Metro und Busse, das Kfz-Kennzeichen oder die Nummer der sogenannten Sozialkarte, mit der man kostenlos den öffentlichen Nahverkehr nutzen kann.

Eine Anordnung, die viele Firmen verärgerte. "Wir haben erst drei Tage vorher davon erfahren, bevor wir schon Daten übermitteln mussten", erzählt Jekaterina Rusakowa, PR-Managerin der Modekette "Finn Flare". "Und die Webseiten waren technisch nicht bereit dafür." Die Geschäftsleitung habe mit allen Mitarbeitern gesprochen und ihnen erklärt, dass ihre Daten an staatliche Stellen geschickt würden. Einige Mitarbeiter weigerten sich. "Ihr Hauptargument war, dass nach einer Übertragung der Daten irgendwas nicht mehr funktionieren könnte", erläutert Rusakowa. "Entweder geht die Fahrkarte nicht mehr oder man bekommt durch einen technischen Fehler einen Strafzettel für sein Auto. Sowas ist im Frühling passiert, deshalb haben die Menschen Angst."

Moskauer Datenschützer Sarkis Darbinjan | Bildquelle: ARD
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Der Anwalt und Datenschützer Sarkis Darbinjan warnt: Über Mobiltelefon, Kfz-Zeichen und andere Daten sind die Moskauer zweifelsfrei identifizierbar.

Moskau will zur "Smart City" werden

Sarkis Darbinjan, Anwalt der Datenschutzorganisation Roskomswoboda, klagt gegen dieses Datensammeln vor Gericht. Er sieht die Moskauer Firmen in einer rechtlichen Zwickmühle. "Auf der einen Seite können die Firmen eine Strafe von der staatlichen Kommunikationsaufsicht Roskomnadsor bekommen, wenn sie die Daten der Angestellten nicht herausgeben, auf der anderen Seite können sie Sammelklagen von eben jenen Angestellten wegen illegaler Verbreitung ihrer persönlichen Daten bekommen." Er sieht ein Problem auch darin, dass die Daten auf den Servern der Stadtverwaltung nicht gut gesichert seien: "Es ist klar, dass diese Daten früher oder später im Darknet, auf dem Schwarzmarkt landen. Das hat große Auswirkungen für das persönliche Leben jedes Moskauers."

Mobiltelefon, Metrokarte und KFZ-Kennzeichen - Moskau nennt das keine persönlichen Daten. Name und Vorname würden nicht erhoben. Doch Darbinjan widerspricht: "Das sind die höchst persönliche Daten, denn über das Kfz-Kennzeichen kann die Moskauer Behörde den Eigentümer des Autos bestimmen."

Die Stadt Moskau versucht schon länger, das Konzept der "intelligenten Stadt" zu verwirklichen, das vor allem auf die Vernetzung von Daten setzt. Auch deshalb dürfte die Stadtverwaltung so aufgeschlossen gegenüber IT-Lösungen in der Corona-Pandemie sein. Doch Zweifel an der Sicherheit der Daten kann sie bei den Moskauern noch nicht vollends zerstreuen.

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