Wladimir Putin (r), Präsident von Russland, und Alexander Lukaschenko, Präsident von Belarus, nehmen im Juni 2020 an der Zeremonie zur Einweihung eines Weltkriegsdenkmals in Rschew teil | dpa

Putin und Lukaschenko Eine komplizierte Bruderliebe

Stand: 28.05.2021 04:54 Uhr

Russland und Belarus gelten als Bruderstaaten - doch immer wieder kriselt es zwischen den Staatschefs Putin und Lukaschenko. Der wachsende Druck aus der EU sorgt bei Lukaschenko aber für eine mildere Tonlage.

Von Christina Nagel,  ARD-Studio Moskau

Es ist das dritte Treffen der beiden Präsidenten Wladimir Putin und Alexander Lukaschenko in diesem Jahr. Und sicher wird es auch dieses Mal ein paar schöne Bilder für das Familienalbum geben. Schließlich geht es immer auch darum, Harmonie und Geschlossenheit zwischen den Bruderstaaten Russland und Belarus zu demonstrieren.

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Bei den Programmen, die den Unionsstaat weiter voranbringen sollen, komme man gut voran, hatte Präsident Lukaschenko beim letzten Treffen gelobt. Jetzt fügte er an: "Für uns ist wichtig, dass diese Lokomotive sich weiter bewegt, dass sie nicht stoppt."

Lukaschenko setzt Fokus auf Machterhalt

Worte, die in Moskau zwar gern gehört werden. Die aber niemand richtig ernst nimmt. Jeder wisse, dass Lukaschenko eine klare Priorität habe, sagt der Politologe Dmitrij Oreschkin: den eigenen Machterhalt.

Dafür ist er bereit, alles Mögliche zu sagen und beliebige Versprechungen zu machen, die im Endeffekt natürlich nicht erfüllt werden.

Vorwürfe und Betrug vom Bruder Belarus

Das wisse auch der russische Präsident nur zu gut. Weshalb bei ihm trotz der üblichen freundschaftlichen Gesten auch eine gewisse persönliche Abneigung zu spüren sei, so Oreschkin. Einfach, weil Lukaschenko ihn im Laufe seiner 20-jährigen Regierungszeit systematisch betrogen habe.

In Erinnerung geblieben sein dürfte vor allem der Dezember 2019: Damals ließ der belarusische Präsident eine Zeremonie platzen, auf der Verträge für eine verstärkte Integration der beiden Unionsstaaten hätten unterzeichnet werden sollen.

"Ich habe doch mit Ihnen, dem Volk, keinen modernen, unabhängigen Staat gegründet, um ihn dann zu beerdigen", ließ Lukaschenko damals wissen und inszenierte sich Zuhause als derjenige, der verhindert habe, dass Belarus vom großen Bruder geschluckt wurde.

Später warf er dem Kreml vor, die brüderlichen Beziehungen zu einer biederen Partnerschaft verkommen zu lassen haben.

Mit den Protesten kam der neue Tonfall

Der Tonfall änderte sich nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl im August 2020, als Lukaschenko durch die Proteste unter Druck geriet. Plötzlich war wieder von Freundschaft und Brüderlichkeit die Rede: "Wir haben eine Pause eingelegt. Es kann sein, dass sie zu lang war. Danke an Putin, meinen Freund." 

Der russische Präsident leistete Schützenhilfe. Und wird dies jetzt wohl auch wieder tun - nicht aus Bruderliebe, sondern aus taktischen Gründen.

Putin weiß um Lukaschenkos wirtschaftliche Abhängigkeit

Putin weiß, dass Lukaschenko, nicht zuletzt durch die neuen EU-Sanktionen, wirtschaftlich massiv unter Druck steht. Dass er fürs Erste wieder am Tropf des großen Bruders hängt.

Schon im Februar betonte er wohl nicht ganz zufällig, die Dimension der Abhängigkeit: "Russland bleibt der größte Wirtschaftspartner von Belarus. Mit etwa 50 Prozent sind wir der größte Investor. Über vier Milliarden US-Dollar wurden von russischen Unternehmen in die belarusische Wirtschaft investiert."

Der russische Präsident kann jetzt von Lukaschenko Gegenleistungen fordern, weil dieser mehr denn je auf Russlands Rückendeckung angewiesen ist. Vorerst ist es vorbei mit Lukaschenkos erfolgreichem Lavieren zwischen Ost und West.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 28. Mai 2021 um 07:08 Uhr.