Russische Soldaten auf gepanzerten Militärfahrzeugen auf einer Straße in der Nähe von Kiew. | EPA

Russische Soldaten im Krieg "Wie zu Übungen nach Kiew"

Stand: 09.03.2022 12:54 Uhr

Russland schickt offiziell nur Berufssoldaten in die Ukraine. Doch offenbar wurden junge Wehrpflichtige vor dem Einmarsch gezielt angeworben - ohne zu wissen, dass ein Krieg bevorsteht. Ihre Familien bangen.

Von Nadja Mitzkat, NDR

Ruschan Rachmankulow erfährt aus dem Internet, dass sein Sohn in ukrainischer Gefangenschaft ist. Er ist der Vater des Soldaten Rafik, der in einem Handy-Video zu sehen ist, das als eines von vielen derzeit in sozialen Netzwerken kursiert. Ein junger russischer Soldat im Tarnanzug, seine Augen sind mit Paketklebeband zugeklebt, der erst seinen Namen und dann seine Erkennungsdaten nennt: "Rachmankulow Rafik Ruschanowitsch, 04.12.2002, geboren in der Oblast Saratow, Stadt Petrowsk, Armee-Einheit 91701."

Videos wie dieses werden meist vom ukrainischen Militär veröffentlicht. Offiziell, damit die russischen Soldaten ihre Angehörigen informieren können, wo sie sich befinden. De facto zielen die Videos aber auch darauf ab, die russischen Soldaten und die russische Zivilbevölkerung zu demoralisieren.

In einem Beitrag des mittlerweile verbotenen russischen Online-Senders "Doschd" berichtet Vater Rachmankulow: "Ich habe von meiner Nichte ein Video zugeschickt bekommen und ich dachte erst, es sei eine Fälschung. Auch auf der Arbeit haben mich alle erstmal beruhigt." Aber dann erkennt er seinen Sohn auf immer mehr Aufnahmen wieder und auch Menschenrechtler bestätigen ihm, dass sein Sohn gefangen genommen wurde.

Menschenrechtler: Soldaten sollten an Übung glauben

Ruschan Rachmankulow lebt 60 Kilometer von Moskau entfernt in der Stadt Naro-Fominsk. Vor gut zwei Wochen habe er von seinem Sohn erfahren, dass sich dessen Einheit in Richtung der russisch-ukrainischen Grenze bewege. Ab da hätten sie so oft wie möglich telefoniert. "Dann habe ich erfahren, dass sie nahe Charkiw sind. Noch auf unserer Seite, aber nah dran."

Russische Soldaten auf einem gepanzerten Militärfahrzeug in der Nähe von Kiew. | EPA

Die russische Menschenrechtsorganisation "Komitee der Soldatenmütter" unterstützt Angehörige von Militärs. Sie berichtet, dass man den Soldaten gesagt habe, dass es in der Ukraine nicht zu Kampfhandlungen kommen werde. Bild: EPA

Rafik sagte, dass es sich um eine Übung handele und dass sie am 25. Februar nach Moskau zurückkehren würden. Die Moskauer Menschenrechtsorganisation "Komitee der Soldatenmütter" geht Missständen in der russischen Armee auf den Grund und klärt Soldaten und Angehörige über ihre Rechte auf. Von dort erfahren wir: So wie Rafik Rachmankulow ging es vielen Soldaten.

Es gibt viele Informationen darüber, dass man den Soldaten gesagt hat, es handle sich um Übungen. Zu Kampfhandlungen werde es nicht kommen. Später hieß es: Die Bevölkerung wird neutral sein, und die ukrainische Armee wird nicht kämpfen. Ihr müsst einfach nur wie zu Übungen nach Kiew fahren.

"Ich glaube, er hatte Angst"

In Russland gibt es eine zwölfmonatige Wehrpflicht. Bereits vorher können die Rekruten ihren Dienst verlängern und werden zu sogenannten Vertragsmilitärs. Nur als solche dürfen sie bei Militäroperationen eingesetzt werden, so steht es in einem Präsidialerlass, der unter dem Eindruck der Kriege in Tschetschenien verfasst wurde. Doch beim Moskauer "Komitee der Soldatenmütter" und anderen Menschenrechtsorganisationen mehren sich die Hinweise, dass vor dem Einmarsch in die Ukraine viele Wehrpflichtige dazu überredet oder gar gezwungen wurden, Zeitsoldaten zu werden.

Theoretisch ist dieser Vertragsabschluss freiwillig. Die Kommandeure können Soldaten nicht zur Unterschrift zwingen. Aber sie werden ihnen vorwerfen, nicht patriotisch genug zu sein. Wir haben auch gehört, dass man die Soldaten betrügt - etwa, dass die Kommandeure den Vertrag selbst unterschreiben, also fälschen.

Die russischen Behörden bestreiten Medienberichten zufolge solche Praktiken. Ruschan Rachmankulow erzählt, dass sein 19-jähriger Sohn erst seit Kurzem Zeitsoldat gewesen sei. Zuletzt hätten sie am 23. Februar telefoniert, am Tag vor dem russischen Angriff auf die Ukraine. Sein Sohn habe ihm gesagt, dass sie die Grenze überschreiten würden. "Ich glaube, es war sehr unerwartet, denn ich konnte ein Zittern in seiner Stimme hören. Ich glaube, er hatte Angst."

"Das ist kein Krieg"

Ganz im Osten Russlands erreichen wir Nadeschda (Name von der Redaktion geändert) per Telefon. Die Mittsechzigerin engagiert sich dort in einer Organisation, die Soldaten berät. Ihre Verbindungen zum örtlichen Militär scheinen eng zu sein. Früher, sagt sie, habe sie selbst für die Armee gearbeitet. Doch auch sie wurde vom Krieg überrascht. "Niemand hat etwas gewusst." Allerdings will sie nicht von einem Krieg sprechen. "Kriege sind zum Beispiel der Erste Weltkrieg oder der Zweite Weltkrieg. Oder nehmen wir zum Beispiel die USA damals in Serbien. Irgendwas ist immer. Aber das jetzt? Das ist kein Krieg."

Nadeschda nutzt lieber die von Putin ausgegebene Sprachregelung "militärische Spezialoperation". Doch offenbar möchte sie nicht, dass ihr Schwiegersohn Teil dieser "Spezialoperation" wird. Von einer Menschenrechtsorganisation in Sankt Petersburg wissen wir, dass es Nadeschda gelungen ist, ihn vor einem Kriegseinsatz zu bewahren. Doch als wir Nadeschda danach fragen, antwortet sie nur kryptisch: "Es gab keinen Befehl irgendwo hinzufahren und deswegen gab es auch keinen rechtlichen Rahmen für seinen Einsatz. Das ist die Situation, die sich für uns ergeben hat."

Nadeschda und Putins Narrativ

Weitere Nachfragen blockt sie ab. Stattdessen möchte sie darüber sprechen, dass die russische "Spezialoperation" in der Ukraine gerechtfertigt sei. Dabei bedient sie sich des Putinschen Narrativs von den ukrainischen Neonazis, die in der Ostukraine die russische Minderheit terrorisierten. "Seit 2014 bitten wir die Welt, uns zuzuhören. In den Volksrepubliken Donzek und Luhansk schießen sie auf Zivilisten. Nicht auf die Armee, sondern auf normale Zivilisten. Wir Russen wollen keinen Krieg."

Doch genau darauf läuft es nun hinaus. Sie hoffe, sagt Nadeschda dann noch, dass die Waffen bald ruhen und Ukrainer und Russen sich wieder vertragen. Der Vater von Rafik Rachmankulow sagt hingegen:

Ich verstehe nicht, wozu das gut sein soll. Ich möchte nicht, dass mein Sohn als Kanonenfutter herhalten muss. Aber genauso ist es. Ich denke, alle Eltern in meiner Lage würden das verstehen.

Er werde alles tun, um seinen Sohn aus der Gefangenschaft zu holen. Wenn es von russischer Seite aus keine weitere Hilfe gebe, sagt Rachmankulow, müsse er es eben über die ukrainische Seite versuchen.