Ein Bild des rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu auf seinem Grab | dpa

30 Jahre Wende in Rumänien Eine geklaute Revolution?

Stand: 23.12.2019 01:43 Uhr

Vor 30 Jahren ist Rumäniens Diktator Ceausescu abgesetzt worden. Rund um seinen Sturz starben mehr als 1000 Menschen. Zeitzeugen machen dafür auch den späteren Präsidenten Iliescu verantwortlich - und fühlen sich um die Wende betrogen.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

Mit einer Rede vom Balkon des Zentralkomitees in Bukarest versucht Nicolae Ceausescu am 21. Dezember 1989 noch zu retten, was zu retten ist. Vergeblich - denn die rund 100.000 Menschen, die sich auf dem Vorplatz versammelt haben, wollen ihm nicht zuhören.

Srdjan Govedarica ARD-Studio Wien

Der rumänische Diktator, der sonst nur Jubelchöre kennt, reagiert verdutzt - mit "hallo, hallo?!".

Von Timisoara ins ganze Land

Begonnen hat der Umsturz in Rumänien als Solidaritätskundgebung für einen regimekritischen Pfarrer in der Stadt Timisoara, der zwangsumgesiedelt werden sollte: Die Situation eskaliert, das Regime setzt die Armee ein, es wird scharf geschossen. Alleine in Timişoara werden 72 Menschen getötet.

Der Funke aus Timisoara springt innerhalb von wenigen Tagen auf ganz Rumänien über: "Ich bin auf die Straße gegangen, um bei den Leuten zu sein", sagt Heinz Klein, der sich im siebenbürgischen Hermannstadt den Demonstranten anschließt.

Der damals 49-Jährige ist mit dem Auto unterwegs, als ihn die Geheimpolizei Securitate ins Visier nimmt: "Ins Herz hat man mich getroffen, der Herzmuskel wurde genäht. Dann haben die - nehme ich an - gedacht, ich schieße und haben auf mein Auto geschossen. Mich haben sie am Fuß getroffen. Dann bin ich auch verprügelt worden, bis ich umgefallen bin und dann hat man mich ins Spital gebracht und ich wurde operiert", erzählt Klein.

Mehr als 1000 Tote

Insgesamt sterben im Dezember 1989 nach offiziellen Angaben 1104 Menschen. Und auch Nicolae Ceausescu und seine Frau Elena überleben den Umsturz nicht: Sie werden am 25. Dezember 1989 hingerichtet.

Der rumänische Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu (li.) mit seiner Frau Elena bei einem Deutschlandbesuch. (Archivbild von 1984) | null

Der rumänische Staatschef Nicolae Ceausescu und seine Frau Elena - hier bei einem Deutschlandbesuch 1984 - wurden am 25. Dezember 1989 hingerichtet.

Doch auch nach dessen Tod kommt das Land nicht zur Ruhe. Bis zum 27. Dezember wird noch scharf geschossen, in der Hauptstadt Bukarest kommt es zu Straßenkämpfen, Scharfschützen feuern in die Menge. Bis heute ist offen, wer das zu verantworten hat.

Wer trägt die Verantwortung?

"Für uns hier und heute ist es von überragender Bedeutung, den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: den Müttern, Vätern, Söhnen und Töchtern, die damals ihre nächsten Verwandten verloren haben", fordert Teodor Maries, Vorsitzender des Vereins "21. Dezember". Und es sei zugleich enorm wichtig für die Zukunft, "denn es ist nicht normal, dass wir die unaufgearbeitete Last jener Ereignisse vererben, damit sie sich mit einer Lösung abplagen", so Maries.

Der Vereinsvorsitzende kämpft seit Jahren für die juristische Aufklärung der Umstände der blutigen Wende. Aus seiner Sicht gab es in Rumänien bis zur Flucht Ceausescus aus Bukarest am 22. Dezember eine Revolution, die vom Volk ausging. Doch dann sei diese Revolution von sogenannten Wendekommunisten rund um den späteren Präsidenten Ion Illescu quasi gekapert worden. 

Der Vorwurf: Die Wendekommunisten hätten mit Desinformation Angst vor nichtexistierenden "Terroristen" geschürt, um nach Ceausescus Sturz die eigene Macht zu festigen. Dadurch hätten sie den Tod vieler Menschen in den Straßenkämpfen zu verantworten. Maries hält es für "völlig eindeutig, dass ein Handstreich gegen die Revolution ausgeführt worden war, und zwar durch die prosowjetische Gruppe um Ion Iliescu".

Ion Iliescu - hier auf einem Bild aus dem Jahr 2003 bei einem Besuch des Schlosses Sanssouci in Potsdam | picture-alliance / dpa/dpaweb

Ex-Präsident Iliescu ist beim Prozess zu den Geschehnissen von 1989 angeklagt. Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

 Skepsis vor Gerichtsprozess

Zurzeit läuft ein Gerichtsprozess, der viele offene Fragen endlich klären soll. Angeklagt sind der heute 89-jährige ehemalige Präsident Ion Iliescu und einige seiner Mitstreiter. Iliescu selbst bezeichnet sich als unschuldig und verweist auf revolutionäre Umstände des Wendejahres.

Der damalige Demonstrant Heinz Klein ist nach all den Jahren skeptisch, dass die Wahrheit bald ans Licht kommen wird: "Man wird vielleicht einige Schuld zusprechen oder nicht zusprechen, aber man wird das nicht aufdecken können und wollen. Das sind die allergeheimsten Dinge, an die man nicht ohne weiteres herankommt", so Klein. "Vielleicht irgendwann später, wenn es niemanden mehr interessiert."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Dezember 2019 um 02:00 Uhr.