Dominic Samuel Fritz, der neugewählte Bürgermeister von Temeswar. | Bildquelle: dpa

Kommunalwahl in Rumänien Ein deutscher Bürgermeister für Temeswar

Stand: 30.09.2020 11:36 Uhr

Der Deutsche Dominic Fritz ist zum Bürgermeister der drittgrößten Stadt Rumäniens gewählt worden. Nun will der 36-Jährige die Stadt Temeswar auch für Deutschland zum Vorbild machen.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

Auf dem Opernplatz von Temeswar feiern Anhänger mit Sprechchören die Wahl von Dominic Fritz. Der gebürtige Schwarzwälder, der 2003 nach dem Abitur für ein freiwilliges Jahr in ein Kinderheim nach Temeswar kam und seitdem Wurzeln in der rumänischen Großstadt geschlagen hat, macht aus seiner Dankbarkeit über den Wahlsieg am Sonntag keinen Hehl.

"Es ist eine unglaublich große Ehre für mich, dass Ihr mich zu Eurem Bürgermeister gewählt habt. Mich, einen Mann, der zum ersten Mal 2003 hierhergekommen ist, ohne ein einziges Wort Rumänisch zu sprechen", sagt er. "Und jetzt schreibt Ihr Geschichte, denn zum ersten Mal in der Geschichte wird in Rumänien ein Bürgermeister gewählt, der nicht in Rumänien geboren ist, der keine Wurzeln hier hat!"

Grüner, Büroleiter Köhlers, Gospelchor-Gründer

Als Kandidat der USRPLUS, der Union zur Rettung Rumäniens PLUS, die 2016 aus der Bürgerrechtsbewegung gegründet wurde, setzte Fritz auf die Themen der jungen Partei: Transparenz der Verwaltung, Antikorruption, Bürgerbeteiligung und Umweltschutz - Themen, die in der 300.000 Einwohner großen Stadt im Grenzgebiet zu Ungarn und Serbien und künftigen europäischen Kulturhauptstadt, auf große Zustimmung trafen. Fritz erhielt über 50 Prozent der Stimmen und verwies den bisherigen Amtsinhaber aus den Reihen der Regierungspartei PNL mit großem Abstand auf Platz zwei.

Warum er als "zugewanderter" Deutscher mit überwältigender Mehrheit zum neuen Stadtoberhaupt gewählt worden ist - als ein politischer Neueinsteiger, der erst im vergangenen Jahr seinen Wohnsitz von Berlin nach Temeswar verlegt hat, der in Deutschland lange Zeit bei den Grünen aktiv war, das Büro von Altbundespräsident Horst Köhler geleitet und vor 15 Jahren ein seitdem ehrenamtlich geführtes Gospel-Projekt für Laien- und Profisänger gegründet hat?

Dominic Samuel Fritz, der neugewählte Bürgermeister von Temeswar. | Bildquelle: dpa
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Dominic Samuel Fritz erklärt sich seinen Erfolg auch mit Bezügen zur europäischen Geschichte, die er im Wahlkampf betont hat.

Transparente Entscheidungsprozesse

Fritz selbst erklärt sich seinen Wahlsieg unter anderem so: "Temeswar ist eine Stadt, die historisch von Deutschen geprägt wurde - nicht nur von Deutschen, auch von Ungarn, von Rumänen in der Vielvölkerstadt des historischen Banats. Und von daher war es für viele Temeswarer im Grunde genommen nur eine Fortschreibung ihrer eigenen Geschichte". Er habe seinen Wahlkampf bewusst am reichen Erbe der Stadt ausgerichtet und es mit einer positiven Vision von Europa verbunden.

Die Leute hätten sich zudem eine offene, moderne Stadtverwaltung gewünscht - und, dass Temeswar wieder größere Ambitionen haben sollte als "vielleicht nur den ein oder anderen Kreisverkehr einzurichten", meint Fritz. "Genau das habe ich versprochen in meinem Wahlkampf: Ein Rathaus aus Glas, wo ganz deutlich wird, wofür wir die öffentlichen Gelder ausgeben, wo wir ganz viel über digitalisierte Methoden den Entscheidungsprozess transparent machen wollen. Und ja: Mein Traum ist natürlich, dass wir in einigen Jahren soweit sind, dass vielleicht auch die deutschen Verwaltungen sich - was die Transparenz angeht - eine Scheibe abschneiden können."

"Sie wollen frische Leute, andere Gesichter"

1989 war Temeswar Ausgangspunkt der Revolution gegen Langzeitdiktator Nicolae Ceausescu gewesen. Nun konnte sich nicht nur in dieser Gemeinde die neue liberale Bürgerrechtspartei USRPLUS durchsetzen, sondern auch in drei weiteren Großstädten, darunter in Kronstadt/Brasov und in der Hauptstadt Bukarest.

Das seien bemerkenswerte Signale, auch mit Blick auf die Parlamentswahlen, die im Winter stattfinden sollen, sagt Dan Caramidaru, Universitätsdozent und politischer Kommentator für die deutschsprachige Presse in Rumänien. "Das zeigt, dass die Bürger sich eine andere Art von Politik wünschen, dass sie mit den alten Politikern brechen wollen, die seit der Wende 1989 fast ununterbrochen an der Macht waren", meint er. "Sie wollen frische Leute. Sie wollen andere Gesichter sehen." Die Wähler wünschten sich eine bürgernahe Politik - und hofften, "dass eine solche Politik machbar ist."

Der deutsche Bürgermeister von Temeswar
Clemens Verenkotte, ARD Wien
30.09.2020 08:37 Uhr

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels war bei Fritz' Vorgänger eine falsche Parteizugehörigkeit angegeben worden. Wir haben dies und einen Stadtnamen korrigiert und bitten den Fehler zu entschuldigen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 30. September 2020 um 12:52 Uhr.

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