Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch | AP

UN-Konferenz für Rohingya "Krise beispiellosen Ausmaßes"

Stand: 23.10.2017 08:04 Uhr

600.000 Rohingya sind binnen zwei Monaten aus Myanmar nach Bangladesch geflohen. Das Land und die Helfer sind damit überfordert. Zumindest das fehlende Geld soll heute bei einer Geberkonferenz zusammenkommen.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Zürich

Das UN-Flüchtlingshilfswerk hat Erfahrung mit Krisen. Aber die Massenflucht von Rohingya ins benachbarte Bangladesch habe eine neue Dimension erreicht, so UNHCR-Sprecherin Duniya Aslam Khan. "Der Strom von Neuankömmlingen hört nicht auf. In den vergangenen zwei Monaten sind es schon geschätzt 589.000 Menschen. Und es werden immer mehr", berichtet sie. "Das schiere Ausmaß und die Geschwindigkeit dieser Krise sind einfach beispiellos. Deshalb jetzt diese Geberkonferenz, damit wir mehr Unterstützung bekommen."

Allein das UNHCR habe in den vergangenen Wochen schon acht große Hilfslieferungen mit 800 Kubiktonnen an Zelten, Latrinen und technischem Gerät eingeflogen. Zwei weitere Transporte seien unterwegs. Doch das genüge noch lange nicht: Noch immer müssen viele Flüchtlinge ohne Obdach ausharren. Außerdem fehlt es an sauberem Trinkwasser und Toiletten.

Rohingya-Flüchtlinge erreichen Bangladesch | REUTERS

600.000 Rohingya-Flüchtlinge erreichten Bangladesch seit Ende August. Bild: REUTERS

Für Hilfe fehlt das Geld

Fast zwei Drittel der Flüchtlinge sind Kinder. Viele von ihnen seien schwer traumatisiert durch die gewaltsame Vertreibung aus ihrer Heimat und die zehrende Flucht, sagt UNICEF-Mitarbeiter Simon Ingram. "Sie kommen hungrig und dünn an. Jedes fünfte Kind unter fünf Jahren ist deutlich unterernährt", sagt er. "Das heißt, diese Kinder brauchen eigentlich medizinische Hilfe."

Doch UNICEF fehlt mittlerweile schlicht das Geld, um den Kindern weiter zu helfen. Denn von den veranschlagten 65 Millionen Dollar sind erst sieben Prozent auf den Konten der Organisation eingegangen. Bei den übrigen Hilfsorganisationen, die über den Nothilfefonds der UN für Bangladesch und die Rohingya finanziert werden, sieht es nicht viel besser aus.

Wenig versprochen, noch weniger überwiesen

Einen Bedarf von 370 Millionen Euro für sechs Monate veranschlagt die zuständige UN-Koordinationsstelle für Nothilfe, kurz OCHA. Zugesagt wurde bislang davon ein knappes Viertel - und überwiesen noch viel weniger. Die Bundesregierung beispielsweise versprach laut OCHA bislang 2,5 Millionen Euro, zahlte aber erst weniger als eine halbe Millionen Euro. Dass bei der heutigen Geberkonferenz die fehlenden 280 Millionen Euro zusammenkommen, glaubt nicht einmal OCHA.

Gastgeber der Konferenz sind neben den Vereinten Nationen auch das Emirat Kuwait und die EU-Kommission. Deutschland wird durch den stellvertretenden Botschafter bei der UN in Genf vertreten. EU-Flüchtlingskommissar Christos Stylianides appellierte im Vorfeld nicht nur an die Großzügigkeit der Geber, sondern forderte auch ein Ende der Gewalt. Myanmar müsse die Militäroperation gegen die muslimische Minderheit der Rohingya einstellen.

Die Rohingya - unterdrückt, verfolgt und auf der Flucht

Die Rohingya gehören laut UN zu den am stärksten verfolgten Minderheiten in der Welt. Allein 1,3 Millionen Muslime leben in Myanmar, dem früheren Birma. In diesem Land, in dem 51 Millionen Einwohner Buddhisten leben, werden die Rohingya nicht als ethnische Minderheit anerkannt. Sie gelten als illegale Einwanderer aus Bangladesch, als "Bengalis". Dabei leben viele schon seit Generationen in dem südostasiatischen Land. Einige Quellen datieren ihren Ursprung bis ins 7. oder 8. Jahrhundert zurück.

Sichere Rückkehr soll ermöglicht werden

So sieht es auch das UN-Flüchtlingshilfswerk. Die humanitäre Hilfe für die Geflüchteten in Bangladesch löse schließlich nicht das Problem, so Sprecherin Khan. "Für das UNHCR ist es genauso wichtig, dass die freiwillige, sichere und menschenwürdige Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimat ein Option bleibt. Deshalb ist die Rückkehr zu Frieden und Stabilität in Myanmar unverzichtbar", sagt sie.

Ob und wann es dazu kommt, ist noch völlig unklar. Noch dürfen nicht einmal die Hilfsorganisationen ins Land. Mynamars De-facto-Regierungschefin, die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, leugnete die gewaltsame Vertreibung der Rohingyas zunächst und relativierte sie später. Jetzt will sie in einer Arbeitsgruppe mit der Regierung von Bangladesch Bedingungen für eine mögliche Rückkehr aushandeln lassen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. Oktober 2017 um 04:55 Uhr.