Urteil in Budapest Hohe Haftstrafen für Mordserie an Roma

Stand: 06.08.2013 13:55 Uhr

Die Täter gehören der rechtsextremen Szene an und machten gezielt Jagd auf Roma: In Ungarn sind drei Männer zu lebenslanger Haft verurteilt worden, die zwischen 2008 und 2009 sechs Angehörige der Minderheit erschossen haben. Ein Komplize muss 13 Jahre ins Gefängnis. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig.

Von Stephan Ozsváth, ARD-Hörfunkstudio Südosteuropa

Roma-Aktivisten, die vor dem Gericht demonstrierten, kritisierten die 13 Jahre Haft für den Komplizen. Zu wenig sagen sie. Auch Gesinnungsgenossen der Verurteilten hatten sich vor dem Gericht versammelt. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, die Verteidiger wollen Berufung einlegen.

Vor fünf Jahren hatten die jetzt verurteilten Rechtsextremen 13 Monate lang Schrecken unter den ungarischen Roma verbreitet. Bei insgesamt neun Anschlägen schossen sie gut 80 Mal, elf Mal warfen sie Molotow-Cocktails, so die Anklageschrift. Die Verurteilten töteten sechs Angehörige der Roma-Minderheit, fünf verletzten sie - zum Teil schwer.

Mit Feuer nach draußen getrieben

Ein Tatort der Mordserie: In Tatarszentgyörgy wurden ein Mann und sein Sohn erschossen, Archivbild vom 24.02.2009
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Ein Tatort der Mordserie: In Tatarszentgyörgy wurden ein Mann und sein Sohn erschossen, Archivbild vom 24.02.2009

Bei den Anschlägen gingen sie äußerst brutal vor. Eine alleinerziehende Frau erschossen sie im Schlaf. In zwei Fällen legten sie erst Feuer und feuerten dann mit Schusswaffen auf die Flüchtenden.

In Tatárszentgyörgy, 60 Kilometer südlich von Budapest, schossen sie auf den 27-jährigen Robert Csorba und seinen fünfjährigen Sohn. "Die Kinder hörten es zuerst", erinnert sich seine Witwe, "dann bin ich mit Robert aufgestanden, und er ist dann mit dem Kleinen rausgegangen." Beide sterben im Kugelhagel. Der Krankenwagen kommt zu spät. Polizisten vernichten Spuren - schlimme Ermittlungspannen.

Künstler erinnern an Mordserie

Mit Videos erinnern derzeit prominente ungarische Schauspieler an die Taten. Sie schlüpfen in die Rolle der Opfer. Der ungarische Regisseur Benedek Fliegauf gewann mit seinem Film "Nur der Wind" im vergangenen Jahr den "Silbernen Bären" auf der Berlinale.

Beerdigung der Opfer
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An der Beisetzung der Opfer nahmen viele Trauernde teil.

Sein Film wolle nichts behaupten, sagt er, sondern Fragen stellen: "Wie kann es im kleinen Herzen Europas heutzutage sein, dass Menschen wegen ihrer Hautfarbe erschossen werden?" In dem Film thematisiert Fliegauf die Atmosphäre der Angst, die die Mordserie unter den ungarischen Roma ausgelöst hat.

Einige Fragen bleiben auch im Prozess ungeklärt: Nämlich die Rolle der Geheimdienste. Zwei der Verurteilten wurden observiert, einer war Informant des ungarischen Militärgeheimdienstes.

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