Demoteilnehmer in Rom haben ein Transparent mit der Aufschrift "Rom sagt basta!" aufgehängt. | Bildquelle: dpa

Hunderte Einwohner protestieren Demo gegen Verfall Roms

Stand: 27.10.2018 18:41 Uhr

Viele Einwohner Roms haben es satt und gehen auf die Straße. Kritikpunkte gibt es genug: das Müllproblem, marode Straßen. Die Schuldigen sind auch ausgemacht. Sie sitzen im Rathaus.

Von Tassilo Forchheimer, ARD-Studio Rom

Hunderte von Menschen, wahrscheinlich sogar Tausende, sind auf den Kapitolshügel gekommen - dorthin, wo das römische Rathaus steht, um ihrem Ärger Luft zu machen. Sechs Frauen haben den Protest organisiert, Parteien spielen hier keine Rolle. Die Transparente sind handgemalt und viele der Teilnehmer tragen selbstgemachten Kopfschmuck, hergestellt aus jenen orangenen Absperrgittern, in denen sich die ganze Misere der Stadt widerspiegelt.

Wo immer etwas kaputtgeht, wird zunächst einmal abgesperrt. Meist passiert dann lange gar nichts. Eine Demonstrantin schildert ein Beispiel:

"Bei uns in der Straße standen die alten Leute von einem Tag auf den anderen ohne Mülltonnen da. Jetzt sollen sie ihren Abfall etwa einen Kilometer weit schleppen. Sie haben einfach ein orangenes Absperrgitter gespannt und dabei vergessen, wie die Leute über die Straße kommen sollen."

Die Schuldige steht für viele fest

Fragt man die Menschen nach den Schuldigen, fällt vor allem ein Name: Virginia Raggi, seit zwei Jahren Bürgermeisterin von Rom. Francesca Barzini, eine der Organisatorinnen des Protests, scheint mit dem 40-jährigen Stadtoberhaupt fast schon so etwas wie Mitleid zu haben: "Wir wollen uns nicht auf sie persönlich einschießen. Die Fünf-Sterne-Bewegung hat sie ausgewählt, weil sie fotogen, jung und eine Frau ist. Sie ist das Resultat eines Castings, nicht das Ergebnis jahrelanger politischer Arbeit. Sie war eine blutige Anfängerin und hatte keinen Sachverstand. Und das merkt man."

Dabei war die Fünf-Sterne-Bewegung vor zwei Jahren noch als große Hoffnung ins römische Rathaus eingezogen - mit dem Versprechen, nach etlichen Korruptionsaffären endlich für Ehrlichkeit in der Politik zu sorgen. Fragt man die Demonstranten, scheint das gründlich schief gegangen zu sein: "Wir können nicht mehr, nichts funktioniert mehr. Rom wird zu einem Dschungel. Keiner tut etwas. Es reicht nicht, ehrlich zu sein, man muss auch kompetent sein."

Bei einer Demo in Rom wird ein Besen hochgehalten, darauf die Aufschrift: "Sehr nützliches Objekt... Vielleicht noch unbekannt in Rom." | Bildquelle: dpa
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Dieser Einwohner versucht es mit Humor - auf dem Besen steht: "Sehr nützliches Objekt... Vielleicht noch unbekannt in Rom."

Löcher, Müll, Überschwemmungen

Seit zwei Jahren würden die Bewohner der Metropole den Verfall miterleben, klagt ein anderer Teilnehmer: "Löcher, Müll, Überschwemmungen." Und dieser Verfall, so fügt ein anderer Einwohner hinzu, habe eine lange Vorgeschichte: "Rom hatte nie die nötige Infrastruktur, um die Müllentsorgung und alles andere in den Griff zu bekommen. Und dann ist die Verwaltung über die Jahre immer schlechter geworden."

Schließlich sei dann die Fünf-Sterne-Bewegung gekommen und habe versprochen, alles in Ordnung zu bringen, erzählt Barzini. "Doch sie haben keinen einzigen Fachmann ins Boot geholt. Sie wissen nicht, wo sie anfangen sollen, sind sehr chaotisch und hochmütig. Das hat dazu geführt, dass das alltägliche Leben der römischen Bürger immer schwieriger geworden ist", kritisiert die Organisatorin des Protests.

Viele wollen selbst mit anpacken

Dabei würden sich die Menschen so gerne einbringen, meint die gelernte Journalistin. "Wir wollen die Leute finden, die die Kompetenzen und das Fachwissen haben, um Rom aus dieser Katastrophe zu holen. Es gibt Hunderte von Leuten, Dutzende von Freiwilligen, die uns helfen und Dutzende Komitees, die sich um die Grünflächen kümmern, die die Ärmel hochkrempeln."

Und dabei ist spürbar: Den Menschen hier geht es ausdrücklich nicht darum, die eigene Stadt schlecht zu reden. Das teilt auch eine Engländerin, die seit mehr als 20 Jahren in der Stadt lebt: "Rom ist noch immer ein Wunder und einfach unheimlich schön." Vor allem dort, wo Touristen üblicherweise hinkommen.

Demonstration gegen Stadtregierung in Rom
Tassilo Forchheimer, ARD Rom
27.10.2018 18:13 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Oktober 2018 um 17:00 Uhr.

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