Ein Kind in einem Flüchtlingslager der Rohingya  | Bildquelle: AP

Rohingya in Myanmar Ohne Perspektive, ohne Hoffnung

Stand: 04.09.2018 11:14 Uhr

Vor einem Jahr brach in Myanmar die Gewalt gegen die Minderheit der Rohingya aus. Die meisten müssen noch immer in Ghettos oder Lagern leben.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

Sittwe ist eine traurige Stadt. Die Hauptstadt des bitterarmen Bundesstaats Rakhine liegt ganz im Westen von Myanmar nahe Bangladesch. Der Name bedeutet: wo der Krieg eintrifft. Und tatsächlich haben hier 2012 ganze Stadtviertel gebrannt, als die Gewalt im Dauerkonflikt zwischen den muslimischen Rohingya und den buddhistischen Rakhine einen Höhepunkt erreichte.

Seitdem leben wenige Muslime in zwei abgesperrten Straßenzügen, in einer Art Ghetto, das man nur mit Genehmigung betreten darf. Während auf der einen Straßenseite strahlende neue Pagoden gebaut werden, verfallen die Moscheen auf der anderen. Wer sich ihnen nähert oder dort filmt, bekommt Ärger.

Grüne Abgeordnete als Türöffner

Die meisten Muslime leben jetzt in Lagern für Binnenvertriebene in der weiteren Umgebung: 120.000 Rohingya sind dort untergebracht. Internationale Hilfsorganisationen haben Zugang, Journalisten seit vielen Monaten nicht mehr. Aber als Begleitung der deutschen Parlamentarierinnen Katrin Göring-Eckardt und Renate Künast scheint es möglich - sehr zum Erstaunen von Beobachtern. Die beiden Grünen wollen Bewohner der Lager treffen, und nach mehreren Kontrollen sitzen sie schließlich in einem Container acht Männern und später drei Frauen gegenüber und hören zu.

Eine Delegation der Grünen, darunter Renate Künast und Katrin Göring-Eckart, besucht die Minderheit der Rohingya in Myanmar. | Bildquelle: NYUNT WIN/EPA-EFE/REX/Shuttersto
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Eine Delegation der Grünen, darunter Renate Künast und Katrin Göring-Eckart, besucht die Minderheit der Rohingya in Myanmar.

"Seit Juni 2012 leben wir hier, seit sechs Jahren und drei Monaten, seit man uns unsere Häuser angezündet hat", erzählt Abdurrahim. "Meine Familie lebt seit Generationen hier in Myanmar, aber ich habe keine Staatsbürgerschaft. Ich fühle mich nicht wie ein Mensch."

Weil die Rohingya in Myanmar als illegale Einwanderer aus Bangladesch gelten, sind sie nicht als Staatsbürger anerkannt. Sie dürfen sich nicht frei bewegen, das Lager nicht verlassen. 6000 Menschen wohnen hier in provisorischen Behausungen. "Unsere Gesundheit leidet, unsere Kinder sind schwach", sagt Abdurrahim.

"Ich habe keine Freiheit"

Siebzig Menschen in einem Containerhaus, das heißt: Krankheiten werden leicht übertragen. Medikamente sind schwer zu beschaffen. "Ich habe keine Freiheit", sagt Lar Me. "Wir leben sehr eng, mit acht Leuten in einem Zimmer. Auch wenn ich krank bin, darf ich nur in die Stadt und zum Arzt, wenn ich die Wache besteche. Man kann also aus dem Lager raus, aber das kostet. Wer schwanger ist, darf ins Krankenhaus in Sittwe, aber mit Sicherheitsbegleitung."

Das Lager ist eines der besseren, viele Wege sind asphaltiert. Das ist gerade zur Regenzeit wichtig, denn in fast allen Dörfern stehen die Wege unter Wasser. Es ist gut ausgestattet, weil es nahe an der Stadt gelegen ist. Hierhin werden internationale Besucher gebracht. Und doch sind Resignation und Verzweiflung offensichtlich.

Eine Gruppe von Rohingya Flüchtlingen überquert ein Gewässer in Bangladesch | Bildquelle: AFP
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Exodus: Zu Hunderttausenden mussten Rohingya vor einem Jahr Myanmar in Richtung Bangladesch verlassen.

"Vorher in der Stadt haben alle Bevölkerungsgruppen wie Geschwister zusammengelebt, so friedlich; wir wissen nicht, warum wir hier sind", meint Lar Me. Sie würde so gerne wieder in Sittwe leben können. "Dort hatte ich mit meinem Mann zusammen ein Geschäft und ein Fischerboot, es war ein gutes Leben."

Viele andere, die jetzt im Lager zum Nichtstun verdammt sind, hatten Teehäuser, Restaurants, Läden. Hier können sie ein wenig fischen oder Fahrradrikscha fahren und damit umgerechnet 50 Cent im Monat verdienen. Von den 3000 Kindern können nur 200 zur Schule gehen, für die anderen gibt es keinen Platz. "Menschen brauchen gute Bildung", meint Abdurrahim, "aber wir werden diskriminiert und davon ferngehalten.“

"Eine Art Hausarrest"

Ein paar hunderttausend Angehörige der muslimischen Minderheit sollen im Norden Rakhines noch leben, aber kaum jemand weiß, wie es dort zugeht. Der Norden des Bundeslandes ist die Gegend, aus der vor einem Jahr rund 700.000 Rohingya gewaltsam vertrieben wurden. Hunderte starben, viele Dörfer sind abgebrannt oder niedergewalzt, das Vieh verkauft oder gestohlen.

Wer dageblieben ist, lebt in einer Art Hausarrest. Der Zugang ist streng kontrolliert, die Regierung lässt einmal im Monat ausgewählte Besucher dorthin, nur wenige Hilfsorganisationen sind zugelassen. Die erzählen wenig, auch aus Sorge, ihre Arbeit sonst nicht mehr machen zu dürfen.

Das Luftbild zeigt das Ausmaß der Zerstörung eines Rohingya-Dorfes in Myanmar | Bildquelle: dpa
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Luftbilder und Satellitenaufnahmen belegen die Zerstörungen in den Rohingya-Dörfern in Myanmar.

Auch die UN-Kommission, die in der vergangenen Woche den Generälen Myanmars Völkermord an den Rohingya vorgeworfen hat, bekam für ihre Recherchen keinen Zutritt zum Land. Sie wertete Satellitenaufnahmen aus, aber vor allem sprach sie mit rund 900 geflohenen Rohingya in den riesigen Flüchtlingslagern in Bangladesch. Deren Berichte sind immer gleich schrecklich: Das Militär hat Kinder ermordet, Männer hingerichtet - und massenhaft Frauen vergewaltigt.

"Das Ausmaß, die Brutalität und systematische Natur der Vergewaltigung und Gewalt zeigen an, dass sie als Strategie eingesetzt wurden, um die Zivilbevölkerung einzuschüchtern, zu terrorisieren oder zu bestrafen. Sie wurden als Kriegstaktik benutzt“, sagt ein Kommissionsmitglied.

Legendenbildung mit falschen Fotos

Die Regierung Myanmars lehnt den Bericht der Kommission ab. Er sei hinderlich für die Arbeit der eigenen unabhängigen Kommission, die Ende August in Myanmar eingetroffen ist. Regierung und Armee haben immer eigene Versionen. Zum Beispiel hat die Militärabteilung für psychologische Kriegsführung gerade ein Buch veröffentlicht: Darin sollen Bilder die illegale Einwanderung der Rohingya belegen und deren Gewalt gegen Buddhisten. Die verwendeten Fotos stammen allerdings aus Ruanda und Bangladesch oder sie zeigen etwas völlig anderes.

Die Regierung bereitet angeblich geschützte Dörfer vor, in die vertriebene Rohingya zurückkehren sollen. Bangladesch müsse sie nur zurücksenden, betonte Aung San Suu Kyi, de-facto Regierungschefin von Myanmar. Geschützte Dörfer: Da klingeln bei den Hilfsorganisationen die Alarmglocken. Das bedeute nichts anderes als Lager. Lager wie das, in dem Lar Me oder Abdurrahim leben. Ohne Perspektive, ohne Hoffnung.

Lagerbesuch bei Rohingya in Myanmar
Lena Bodewein, ARD Singapur
04.09.2018 09:56 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 25. August 2018 um 07:40 Uhr.

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