Mary Robinason | Bildquelle: imago images / Xinhua

Ex-UN-Sondergesandte für Klima "Werde wütend und werde aktiv"

Stand: 20.08.2019 04:02 Uhr

Mary Robinson war lange UN-Sondergesandte für Klimawandel. Im tagesschau.de-Interview zeigt sie sich beeindruckt von Greta Thunberg. Und sie ruft dazu auf, beim Kampf für den Klimaschutz durchaus mal über die Stränge zu schlagen.

tagesschau.de: Vor einem Jahr hat die Schülerin Greta Thunberg mit ihrem Protest in Stockholm begonnen. Haben Sie es für möglich gehalten, dass daraus eine weltweite Bewegung entsteht?

Mary Robinson: Ich hatte ein Foto der kleinen, wirklich sehr kleinen Greta Thunberg vor dem schwedischen Parlament gesehen. Und ich war sehr beeindruckt, dass sie da ganz alleine saß, mit ihrem kleinen gebastelten Schild. Ich habe nicht geglaubt, dass sie eine Art Superstar wird und ein Motivator, nicht nur für Schulkinder, sondern für so viele Menschen. Und ich glaube wirklich, dass sie viel für das Ansehen der Menschen mit Asperger-Syndrom getan hat, indem sie so offen ist. In ihrem Fall ist es ein Vorteil, dass sie keine Nuancen kennt, dass sie die Dinge schwarz-weiß sieht und dass sie auch genauso darüber spricht.

Zur Person: Mary Robinson

Mary Robinson wurde 1944 in Ballina/Irland geboren. Die Juristin war von 1990 bis 1997 irische Staatspräsidentin, anschließend UN-Hochkommissarin für Menschenrechte. 2014 wurde sie UN-Sondergesandte für Klimawandel. Heute engagiert sie sich im Rahmen der Mary Robinson Foundation für Klimaschutz.

"Tatsächlich drei Schritte tun"

tagesschau.de: Sie sagen ja, dass jeder selbst etwas dazu beitragen kann, um den Klimawandel aufzuhalten. Meinen Sie, dass es auch Chance sein kann, dass die heutige Jugend mit dem Klimawandel aufwächst?

Robinson: Ja. Ich möchte, dass die Leute tatsächlich drei Schritte tun. Der erste ist, den Klimawandel zu einer persönlichen Sache zu machen, also etwas zu tun, um selbst Emissionen zu verringern, etwa zu recyceln, öffentliche Verkehrsmittel zu nehmen oder die Essgewohnheiten zu ändern. Das zweite, was ich sage: Werde wütend und werde aktiv! Ärgere dich über die, die keine Verantwortung übernehmen, obwohl sie es könnten. Und unterstütze alle, die einen Wandel möchten. Und drittens möchte ich, dass wir uns diese Welt vorstellen, die wir schnell anstreben müssen.

Und ich möchte, dass sich gerade junge Menschen diese Welt vorstellen, denn es wäre eine viel gesündere Welt, eine viel gerechtere Welt. Zur Zeit haben eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu Elektrizität, aber das wird sich ändern, wir werden nach und nach saubere Energie haben und die 2,3 Milliarden Menschen - hauptsächlich Frauen -, die heute noch auf schmutzigen Öfen kochen, werden saubere Kochherde und saubere Energie haben.

tagesschau.de: Sie sagen: "Werdet wütend!" Was heißt das für die "Fridays for Future"-Bewegung? Ungehorsam werden?

Robinson: Ich finde es gut, dass die "Extinction Rebellion" friedlich protestiert. Aber die Mitglieder der Bewegung sind auch bereit, wenn nötig ins Gefängnis zu gehen. Sie verstehen, wie ernst die Situation ist. (Anm. d. Red.: "Extinction Rebellion" bedeutet "Rebellion gegen das Aussterben" und ist eine 2018 in Großbritannien entstandene weltweite Bewegung, die gegen die Klimakrise kämpft, auch mit Mitteln des zivilen Ungehorsams. In der Vergangenheit haben sie unter anderem Straßen blockiert.)

Ich plädiere also nicht für Ungehorsam, aber ich erkenne, dass Ungehorsam für einige Menschen, die die Wissenschaft verstehen und verstehen, wie ernst die Lage ist, ein Weg ist. Ich glaube, es ist wichtig, dass es diese "Störungen" gibt.

"Unterschied zwischen echter Ignoranz und Unwissenheit"

tagesschau.de: Mit Blick auf die "Fridays for Future"-Bewegung von Greta Thunberg: Wie ungehorsam könnte sie denn werden?

Robinson: Bereits die Tatsache, dass die Kinder Schule ausfallen lassen, obwohl einige ihrer Lehrer und Eltern dies nicht gutheißen, ist schon ein gewisser Ungehorsam. Aber ich denke, dass diese Bewegung weitermachen und wachsen wird und vielleicht radikaler wird, wenn es darum geht, außerhalb der Parlamente zu protestieren.

Ich denke auch, wir brauchen weibliche Führung, um aufzustehen und dies unterstütze ich sehr. Wir, also Frauen in Führungspositionen, haben in einem Bündnis im Juli in New York eine Deklaration zu Klimagerechtigkeit verabschiedet, sie heißt "Connective women's leaders declaration on climate justice". Und ich habe einen Podcast, der heißt "Mothers of Invention" und wir sprechen darüber, dass der Klimawandel von Männern verursacht wurde und eine feministische Lösung erfordert, und wir möchten, dass auch Männer diese feministische Lösung unterstützen. Eine feministische Lösung basiert auf Gleichheit, basiert auf Wandel, basiert auf der vollständigen und schnellstmöglichen Umsetzung der Klimaziele für 2030.

tagesschau.de: Sie haben schon früher gesagt, dass es ignorant sei, den Klimawandel zu leugnen. Aber zum Beispiel in den USA gibt es Politiker, die sich über Klimaaktivisten lustig machen. Eigentlich sollten die Politiker doch Vorbilder sein, oder?

Robinson: Ich denke, es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen echter Ignoranz und Unwissen über den Klimawandel. Es gibt viele Menschen in den Entwicklungsländern, die nicht wissen, warum ihre Ernährungssituation so schlecht ist. Sie wissen nicht, was die Zukunft bringt und denken, dass Gott sie manchmal bestraft. Das ist die eine Sache.

Aber die absichtliche Leugnung aus Profitgründen - Gewinne machen aus fossilen Brennstoffen - das habe ich böse, ja bösartig genannt. Das sind sehr starke Worte, weil ich glaube, so ein Verhalten ähnelt dem der Tabakindustrie. Sie versuchen, die Realität zu verschleiern, die Wissenschaft zu diskreditieren und so lange wie möglich zu tun, was schädlich ist. Das Vorgehen der Tabakindustrie ist schon sehr gefährlich, aber die Leugnung des Klimawandels durch die fossile Brennstoffindustrie, die ihre Gewinne einfährt, und die Politiker, die deren Ziele unterstützen, das ist sehr böse, weil es unsere Welt zerstört. Es zerstört die Ökosysteme, die unseren Kindern und Enkeln eine gute Zukunft ermöglichen, und das ist unverzeihlich.

tagesschau.de: In den USA gibt es eine Diskussion über die Schädlichkeit von Plastiktrinkhalmen. Trump-Anhänger verkaufen Plastikstrinkhalme, weil sie sagen, dass diese das Meer nur zu einem Prozent verschmutzen. Sie machen sich lustig über die, die aus Papiertrinkhalmen trinken. Nicht gut, oder?

Robinson: Lassen Sie es mich so sagen: Die Wahrheit liegt auf der Seite der Wissenschaft. Die Wahrheit ist auf der Seite derer, die keine Plastikstrohhalme mehr wollen, weil Plastik generell schädlich ist, außer vielleicht im Bereich der Medizin. Die Wahrheit wird siegen, also ist dies eine Verlogenheit, die nicht von Dauer sein wird, und ein zeitlich begrenztes Mobbing an die Adresse derer, die versuchen, das Richtige zu tun, und deshalb bleiben wir dran.

Das Interview führte Ute Spangenberger, SWR

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde Mary Robinson als derzeitige UN-Sonderbeauftragte bezeichnet. Tatsächlich hat sie dieses Amt aktuell nicht mehr inne. Robinson engangiert sich heute im Rahmen der Mary Robinson Foundation für Klimaschutz. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. August 2019 um 06:30 Uhr.

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