Archiv: Demonstration für Riaces Bürgermeister Lucano  | Bildquelle: REUTERS

Flüchtlinge in Riace Raus aus dem gelobten Dorf

Stand: 14.10.2018 21:05 Uhr

Willkommenspolitik statt Leerstand: Der Bürgermeister des italienischen Dorfs Riace vermittelte Wohnraum an rund 200 Migranten. Nun entschied die italienische Regierung: Alle müssen den Ort verlassen.

Noch bevor die Gerichte gesprochen haben, schafft Italiens Innenminister Matteo Salvini vollendete Tatsachen: Die Migranten, die in Riace eine neue Heimat gefunden haben, werden auf Flüchtlingsunterkünfte in anderen italienischen Gemeinden verteilt.

Riaces Bürgermeister Lucano | Bildquelle: AP
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Riaces Bürgermeister Lucano steht unter Hausarrest.

Migranten in leeres Dorf geholt

Damit wäre das europaweit gelobte Vorzeigemodell von Bürgermeister Domenico Lucano gescheitert, der sein aussterbendes 1800-Einwohner-Dorf in Kalabrien mit Hilfe von Migranten wiederbelebt hatte. Rund 200 Migranten aus Afghanistan, Eritrea, dem Irak und anderen Krisenregionen der Welt wurden in Riace in leerstehende Häuser einquartiert. Dank des Zuzugs konnte sogar die Dorfschule wieder eröffnet werden.

Bürgermeister Lucano wurde vor zehn Tagen unter Hausarrest gestellt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Ihm wird vorgeworfen, Scheinehen arrangiert zu haben, was Lucano vehement abstreitet. Außerdem wird ihm zur Last gelegt, den Auftrag zur Müllentsorgung in seiner Gemeinde ohne Ausschreibung an Kooperativen von Migranten vergeben zu haben.

"Wer einen Fehler macht, muss dafür bezahlen"

"Wer einen Fehler macht, muss dafür bezahlen", sagte Salvini. "Man darf keine Unregelmäßigkeiten bei der Verwendung öffentlicher Gelder dulden, auch nicht, wenn es die Entschuldigung gibt, sie für Migranten auszugeben." Der Chef der Partei Lega fährt seit seinem Amtsantritt einen strammen Anti-Migrations-Kurs. 

Viele Menschen, darunter auch Prominente wie Anti-Mafia-Autor Roberto Saviano, hatten gegen die Festnahme des Bürgermeisters protestiert. Sie sehen darin eine politische Motivation der rechten Regierung. Lucano selbst erklärte, die Regierung wolle lediglich seine migrantenfreundlichen Projekte zerstören. 

Italiens Innenminister Salvini in Rom | Bildquelle: AFP
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Italiens Innenminister Matteo Salvini fährt einen harten Kurs gegen Flüchtlinge.

Ehrung in Dresden

Lucano wurde 2016 von der Zeitschrift "Fortune" in die Liste der 50 einflussreichsten Persönlichkeiten aufgenommen, der deutsche Regisseur Wim Wenders drehte einen Film über ihn. Für sein Engagement wurde er mit dem Dresdner Friedenspreis geehrt.

Am Sonntag hieß es dann allerdings aus dem Innenministerium: Die Umsiedlung soll auf freiwilliger Basis erfolgen. Die Migranten hätten zwei Möglichkeiten: Entweder sie bleiben in Riace, würden dort aber nicht mehr in einer Unterkunft untergebracht. Oder sie gehen an einen anderen Ort und bekommen dort öffentliche Unterstützung.

Mit Informationen von Tassilo Forchheimer, ARD-Studio Rom

Über dieses Thema berichtete MDR Sachsenradio am 04. Oktober 2018 um 05:30 Uhr.

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