Holocaust-Überlebender Jacques Bloch

Französisches Gestapo-Opfer Späte Suche nach seinem Retter

Stand: 01.02.2020 18:41 Uhr

Jacques Bloch kam als Widerstandskämpfer schwer verwundet in Nazi-Haft. Ein deutscher Arzt ließ ihn behandeln, und bezahlte dafür mit seinem Leben. Seit über 70 Jahren sucht Bloch nach der Familie des Mannes.

Von Sabine Wachs, ARD-Studio Paris

Er sieht nicht aus wie 95 Jahre. Jacques Bloch sitzt in einem frisch gebügelten, dunklen Hemd im mit Büchern vollgestopften Wohnzimmer seiner Pariser Wohnung. Sein Händedruck ist kräftig, seine Augen wach. Er sei fit, zumindest im Kopf, sagt er. Er hat trotzdem Angst, dass seine Erinnerungen langsam verschwimmen.

Bevor alles weg ist, will der jüdische Widerstandskämpfer seine Geschichte noch so oft es geht erzählen. Denn es ist eine Geschichte, die ihn seit dem Sommer 1944 nicht mehr loslässt.

Folter in der Gestapo-Haft

Unter dem Decknamen Jacques Binet gehörte er zu einer Gruppe Widerstandskämpfern im besetzten Frankreich. Am 7. Juni 1944 befreite seine Résistance-Einheit die Stadt Guéret von den Nazis. Im Kampf gegen die Wehrmacht wurde er schwer verletzt, sein rechter Arm musste amputiert werden.

Wenige Tage später nahm ihn die Gestapo gefangen und brachte ihn in ihre Zentrale im französischen Montlucon. Dort wird Bloch einem Arzt vorgestellt: "Als er in das Zimmer kam, waren Krankenschwestern dabei, mich zu versorgen. Ich sah schlimm aus, sie hatten mich geschlagen und gefoltert. Der Arzt fragte mich, wer mich so zugerichtet habe. Ich sagte - und das war meine kleine Rache - das waren ihre Freunde von der Gestapo." Der Arzt habe gesagt: "Monsieur, das tut mir Leid. Ich schäme mich, Deutscher zu sein."

Überlebender des Holocausts sucht deutschen Retter
02.02.2020, Sabine Rau, ARD Paris

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"Hingerichtet wie ein Tier"

Ruhig und konzentriert erzählt Bloch aus seiner Erinnerung. Er sitzt in seinem kleinen Wohnzimmer, die Rollläden sind halb heruntergelassen. Seine alten Augen ertrügen das Licht nicht mehr so gut, sagt er selbst. Seine linke Hand liegt auf dem Tisch, sie zittert, während er weiter redet. Es zeigt, wie sehr ihn die Geschehnisse von vor über 75 Jahren mitnehmen.

"Später war ich wieder in meiner Zelle. Dann kamen sie, haben die Tür aufgemacht und sie haben den jungen Kerl, den Arzt reingestoßen. Ein Polizist sagte, schaut euch an. Ihr seid zwei erbärmlich Hunde." Er habe dann einen kleinen Damen-Revolver aus der Tasche gezogen und dem Mann eine Kugel ins Genick geschossen. "Er starb in meinen Armen. Hingerichtet wie ein Tier von seinen eigenen Leuten", erzählt Bloch.

Weil er sich den Befehlen von oben widersetzt habe, glaubt der 95-Jährige. Er erinnert sich daran, dass der Arzt den Krankenschwestern den Befehl gab, ihn zu behandeln, die Wunden der Folter und die Amputationswunde zu versorgen.

Flucht auf dem Todesmarsch

Der Arzt ist die einzige Person, der Bloch begegnete, die den Mut hatte, sich den Anweisungen der Nazis zu widersetzen. Weder im Gefängnis von Moulins, noch im KZ Buchenwald habe er das erlebt. Nachdem er das Lager überlebte, beim Todesmarsch fliehen konnte und im April 1945 nach Paris zurückkam, sucht er nach der Familie des Mannes, der ihm helfen wollte: "Ich habe lange gesucht. 45, 46 bis in die 1950er- und 1960er-Jahre hinein."

Er habe an die Bundeswehr geschrieben, den Suchdienst des Roten Kreuz kontaktiert, bei anderen deutschen Stellen angefragt. Bis heute konnte Bloch niemand weiterhelfen. Zwar ist seine Erinnerung an den Mord selbst klar, doch die an die Umstände ist lückenhaft.

Akten aus der NS-Zeit wurden vernichtet

76 Jahre nach dem traumatischen Erlebnis kann er nicht genau sagen, ob der Arzt tatsächlich Uniform trug, er kennt seinen Dienstgrad nicht. War es ein Nazi-Offizier, ein Soldat, vielleicht auch nur ein Krankenpfleger? All das ist unklar. Und auch die französischen Archive konnten bisher keine Antworten liefern. Viele Akten über die NS-Besatzung in Frankreich wurden vernichtet.

"Ich habe alles versucht. Man hat mir Bilder verschiedener Ärzte gezeigt, die ein böses Ende in Europa genommen hatten. Aber nie war der Arzt dabei. Und so konnte ich nie meine Aufgabe erfüllen, seinen Angehörigen zu erzählen, dass er mutig gestorben ist", sagt Bloch.

Die Geschichte treibt ihn seit nunmehr 76 Jahren um. Er hat die Hoffnung schon fast aufgegeben, eine Spur zu den Angehörigen des Mannes zu finden, der ihn im Sommer 1944 im Gestapo-Lager Montlucon behandeln wollte und der in seinen Armen starb: "Für mich war dieser Arzt ein Held, für die anderen ein Verräter. Er hat mit seinem Leben bezahlt und das rührt mich immer noch zu Tränen, bis heute." Bis heute hat Bloch ihn nicht vergessen.

Sollten Sie Hinweise auf die Familie des Retters von Bloch haben, melden Sie sich bitte bei redaktion@tagesschau.de.

Französischer Holocaust-Überlebender sucht Familie eines deutschen Arztes
Sabine Wachs, ARD Paris
01.02.2020 14:31 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 02. Februar 2020 um 12:35 Uhr.

Korrespondentin

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