Verwundeter ukrainischer Soldat
Reportage

Ukraine-Krieg Im Ambulanzwagen durch den Donbass

Stand: 04.06.2022 02:05 Uhr

Wie erleben ukrainische Soldaten die Kämpfe im Donbass? Verwundete berichten über den Krieg und sprechen von Waffen aus dem Museum, Beerdigungsmusik und ihren Ängsten.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. Dnipro

Sie werden durchgeschüttelt auf ihrer Fahrt durch den Donbass - die müden Männer in dem weißen Ambulanzwagen einer privaten Organisation. Die ukrainischen Soldaten sind auf dem Weg von einem Krankenhaus in ein anderes. Sie wurden bei Kämpfen an der Front verwundet.

Andrea Beer ARD-Studio Moskau

"Wir waren an der Linie Null, auf Armeslänge mit dem Feind. Vielleicht 100 bis 200 Meter entfernt. Dort haben wir Gräben ausgehoben. Ohne Kommunikation, ohne Kommandeur, ohne Essen und Wasser", berichtet einer von ihnen. Zwei Tage lang seien sie unter diesen Bedingungen dort gewesen. Um sechs Uhr morgens seien sie unter Artilleriebeschuss durch Mörser und Gradraketen geraten. "Wir haben uns zum Rückzug entschieden - auf eine Position auf der schon Kameraden waren. Dort wurden wir nach zehn bis 15 Minuten wieder von Artillerie und Gradraketen angegriffen", erzählt er im Ambulanzwagen.

Der Druck der Explosion habe seinen Kopf in Mitleidenschaft gezogen, und er leide unter einer Hirnprellung. Er habe mit einem Kameraden einen Verwundeten evakuiert. Dreimal seien sie von Artillerie beschossen worden und hätten sich fallen lassen.

Wenn du das Pfeifen über deinem Kopf hörst, dann hast du vier Sekunden Zeit, um dich fallen zu lassen. Wenn du das nicht schaffst, kann es sein, dass du von einem Schrapnell getroffen wirst.

"Nach der Explosion habe ich zunächst mein Gehör verloren"

"Der russische Dauerbeschuss durch Artillerie, der macht einen fertig", erzählen die Männer. Sie sind alle um die 30 Jahre alt, nur einer deutlich älter. Auch er hat eine Hirnprellung, erzählt er:

Als ich im Schützengraben war, ist eine Mörsergranate eingeschlagen. Nach der Explosion habe ich zunächst mein Gehör verloren und ich war wie in einem Vakuum. Deswegen ziehe ich immer an meinem Ohr, so als könnte ich es öffnen und dann besser hören.

Das seien die Folgen.

Die Mine sei direkt im Schützengraben eingeschlagen. Nur gut, dass der Graben nicht gerade verlaufen sei, deswegen hätten sie sich ein wenig vor den Schrapnellen verstecken können. "Wenn der Einschlag auch nur einen Meter näher gewesen wäre, könnten wir uns jetzt nicht unterhalten."

Außerdem brauche er nun eine neue Brille, sagt er und lächelt bitter. Ein anderer hat einen verbundenen Finger. Er habe Fässer mit Treibstoff abgeladen: Diesel, Benzin. Ein Fass sei weggerutscht und habe einen Teil seines Fingers abgetrennt. "Ich hoffe, dass man ihn nicht amputieren muss, sondern dass sich das Gewebe regeneriert", sagt er.

Verwundeter ukrainischer Soldat

Ein verwundeter ukrainischer Soldat im Donbass.

Sie kämpfen mit "Waffen aus dem Museum"

Immer wieder schauen sie durchs Fenster und sehen die vorbeiziehende Landschaft des Donbass. Ihre Verletzungen machen ihnen zu schaffen. Sie reiben ein schmerzendes Bein, ziehen einen blutigen Verband zurecht oder legen den dröhnenden Kopf in die trockenen Hände. Sie hätten sehr hohe Verluste erlebt, erzählen die Männer und sagen: Ohne bessere Waffen bleibt das so.

Wir haben sowjetische Waffen aus den Museen. Wir haben Maxim-Maschinengewehre, die sind von 1941. Zu sehen im Museum oder in Filmen wie 'Hochzeit in Malinowka' - einem Film über den Zweiten Weltkrieg. Und jetzt haben wir diese Waffen. Sie hätten längst ausgemustert werden müssen.

Man brauche mehr und bessere Artillerie wie Haubitzen mit mindestens 40 Kilometern Reichweite, Luftabwehrsysteme, Raketen, Mörser, Nachtsichtgeräte.

"Wir brauchen mehr Waffen. Wir brauchen Artillerie, Panzer und Raketen", sagen die ukrainischen Soldaten. "Je länger es mit den Waffen dauert, desto mehr Opfer wird es geben."

Verachtung für Russland

Die Männer hadern auch mit der militärischen Lage: Die russische Einnahme von Mariupol oder der ganzen Gegend um Cherson - "das hätte auf ukrainischer Seite nicht so laufen müssen", ist sich einer sicher.

Für Russland haben sie nur Verachtung übrig. "Ihr Land ist reich an Finanzen, aber was die Seele angeht, sind sie sehr arm. Sie haben überhaupt keine Menschlichkeit. Jetzt sind sie eine Generation von Zombies geworden. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden sie einer Gehirnwäsche unterzogen, die 30 Jahre lange dauerte - und die heute 30-Jährigen sind alle schon Zombies", sagt ein Soldat.

Die Russen machen auch psychologischen Druck: Die ganze Woche über haben sie Beerdigungsmusik gespielt - über Lautsprecher. Die ganze Nacht. Das ist sehr belastend für die Psyche."  

Soldaten haben Angst vor Behinderungen

An den Checkpoints geht es schnell, und es gibt Zeit für eine Zigarettenpause. Im zivilen Leben sind sie Bauarbeiter, Polizisten, Elektriker, Schweißer. Sie leben mit ihren Frauen und Kindern bei Kiew oder Tschernihiw.

Doch nun ist der Tod ihr ständiger Begleiter. "Ich habe keine Angst zu sterben, aber ich habe Angst, behindert zu werden. Wenn dich etwas trifft, dann stirbst du. Aber wenn du ein ganzes Leben lang behindert bist, das finde ich beängstigend. Für dich und deine Familie ist das schwierig." Die anderen nicken.

Wenn du siehst, dass der Kamerad mit dem du zusammen warst, mit dem du gegessen hast, nun irgendwo in den Schützengräben liegt und seine Familie kann nicht an sein Grab kommen - seine Kinder können den Vater nicht sehen. Das ist sehr schwer zu begreifen, dass in der Minute deines Todes deine Familie nicht in deiner Nähe sein kann", berichtet ein Soldat.

Aber sie nähmen das Risiko auf sich: "Denn wenn wir es nicht tun, wird uns niemand verteidigen."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 04. Juni 2022 um 07:06 Uhr.