Die Insel Leros | Bildquelle: Michael Lehmann, ARD Athen

Flüchtlings-Hotspot Leros Eine Insel mit Vorbildcharakter

Stand: 23.06.2019 11:30 Uhr

Lesbos, Samos, Chios - die Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln gelten als berüchtigt. Anders sieht es auf Leros aus.

Von Michael Lehmann, ARD-Studio Athen

Sina, ein junger Mann aus dem Iran, spielt auf einer spanischen Gitarre. Fehlerfrei klappt es mit seinem kurzen Stück. Der Lehrer, Michalis, hat ihm in nur wenigen Monaten viel beigebracht.

Regelmäßig bringt ein Bus den Gitarrenschüler aus dem Flüchtlingscamp von Leros im Süden der Insel ins Haus der Flüchtlingshelfer von "Echo". Die von Österreicherinnen gegründete Nicht-Regierungsorganisation, versucht mit Musik-Unterricht, Computerkursen und Sprachunterricht den Flüchtlingen ein wichtiges Stück normales Leben zurückzubringen. "Die meisten Inselbewohner wollen die Flüchtlinge unterstützen. Sie helfen ihnen, damit sie halbwegs gute Lebensbedingungen hier haben, bevor sie irgendwann weiterkommen".

Anna-Maria Palirou, die Koordinatorin der Flüchtlingsschule "Ledu", kümmert sich um Kinder, die mit ihren Familien auch auf Leros oft monatelang im Camp hinter Stacheldraht leben und warten müssen. Von Montag bis Freitag können insgesamt 115 Kinder und Jugendliche regelmäßig zum Unterricht ins "Ledu"-Schulhaus kommen. Unterricht funktioniert hier ganz anders als in einer staatlichen Schule.

Flüchtlinge warten auf Asylverfahren | Bildquelle: Michael Lehmann, ARD Athen
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Geduld brauchen die Flüchtlinge trotzdem. Die Wartezeit können sie dank der Unterstützung der Menschen auf Leros ohne größere Ängste verbringen.

Spielerischer Unterricht

Vieles muss spielerisch laufen, vieles wird einfach ausprobiert - denn syrische, irakische, afghanische oder palästinensche Kinder sprechen verschiedene Sprachen: "Wir haben in den Klassenzimmern natürlich auch Sozialarbeiter, die sich um die Psyche unserer Schüler kümmern können", sagt Palirou. Sie und ihr 16-köpfiges Team im Schulprojekt tun das halbwegs professionell.

Aber so sehr sich die Flüchtlinge auf Leros auch akzeptiert und zumindest stundenweise auch geborgen fühlen dürfen - es fehlt an professioneller und intensiver psychologischer Betreuung, sagt die Gründerin des Solidarity-Networks auf Lesbos, Matina Katzivellis: "Die Regierung schickt Personal, Reiniungskräfte und Essen in das offizielle Camp. Okay, das funktioniert. Aber hier, im Freiwilligenhaus Pikpa, brauchen wir Sozialarbeiter und Psychologen, die sich professionell um die Ängste und Verletzungen der Menschen kümmern können. Ich bin hier für alles zuständig: Sozialarbeiter sein, Kleider ausgeben, aber vor allem eben soziale Unterstützung."

Registrierungszentrum für Flüchtlinge | Bildquelle: Michael Lehmann, ARD Athen
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Auch auf Leros können Besucher nicht einfach ins Flüchtlingscamp.

Ein Netzwerk macht den Unterschied

300.000 Euro Spenden und viel eigenes Geld haben Matina und ihr Team im Pikpa-Gebäude in den vergangenen Jahren investiert. Zusammen mit dem Schulprojekt, der NGO-Hilfe aus Österreich und vielen Freiwilligen, die übers ganze Jahr verteilt kommen, ist so auf Leros ein Netzwerk entstanden, das die Insel für Flüchtende sicherer, lebenswerter macht als das auf den größeren Inseln Lesbos oder Samos mit ihren umstrittenen Massenunterkünften möglich ist.

Ein Blick ins Camp auf Leros mit seinen knapp 1000 Bewohnern ist auch hier nicht erlaubt für Journalisten und Tagesbesucher. Beim Gang um das Gelände sind viele neue, klimatisierte Wohncontainer zu sehen. Die Bewohner wirken trotz dickem Stacheldraht am Lagerzaun und Eingangskontrollen entspannter und friedlicher als die Bewohner in Flüchtlingscamps anderer griechischer Inseln wie Lesbos oder Samos.

Ein vor wenigen Tagen neu angekommener Mann aus dem Kongo läuft entspannt an der Bucht spazieren, in der das Camp aufgebaut wurde: "Ich habe keine Probleme hier. Ich bin zufrieden. Niemand bedroht mich hier."

Eine kleine Insel, eine große Aufgabe

Boris Cheshirkov, der Koordinator des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) auf den griechischen Inseln, bestätigt, dass das Zusammenleben von Einheimischen und Flüchtlingen auf Leros besser funktioniert als anderswo: "Es ist schon eine Aufgabe, 1000 Flüchtlinge und mehr zu beherbergen auf einer so kleinen Insel. Menschen, die aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak oder auch aus Afrika hierher geflohen sind."

Vor allem die Zahl der Palästinenser sei gestiegen. Trotz der Unterschiedlichkeit gibt es keine Konflikte, so Cheshirkov. "Flüchtlinge und Einheimische leben friedlich miteinander. Es gibt den täglichen Austausch - beim Einkaufen zum Beispiel. Es ist natürlich nur eine vergleichsweise kleine Gemeinschaft - aber trotzdem ein gutes Beispiel."

Vorbild für Europa

Für Catharin Kahane, eine der Gründerinnen der NGO "Echo", könnte es ein Beispiel werden, das für ganz Europa Vorbild sein sollte: "Diese Inseln sind ja schon irgendwo auch Modelle. Wo man gewisse Dinge proben kann für den Rest Europas." Kahane lobt das Gleichgewicht: "Für uns ist es wichtig, dass wir die Leute aus Europa auch hierher holen und ihnen zeigt, was hier läuft. Dass sie sehen, wie man es machen kann. Und die Leute kennenlernen, über die wir ständig reden, die Flüchtlinge. Auf ihren Rücken wird Politik gemacht in Europa."

Reportage: Was läuft auf Leros besser?
Michael Lehmann, ARD Athen
23.06.2019 10:18 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 22. Juni 2019 um 12:50 Uhr.

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