Said und Madine | Bildquelle: Detlef Hohlmann

Flüchtlinge in Griechenland Mama gibt es nur auf dem Handy

Stand: 20.06.2017 16:14 Uhr

Rund 62.000 Flüchtlinge leben nach UN-Angaben in Griechenland. Darunter sind viele Familien, die auseinandergerissen wurden. Vor allem viele Kinder hoffen bislang vergeblich, ihren Vater oder ihre Mutter wiederzusehen. Bamdad Esmaili hat einige von ihnen in Athen getroffen.

Von Bamdad Esmaili, WDR

Camp Eleonas in Athen ist kein Ferienlager für Kinder, aber Hunderte von ihnen leben hier. Seit Monaten, manche länger. Es gibt vor allem Schotter, Sand und Container. Rund 2000 Flüchtlinge aus Afghanistan, dem Iran, Syrien oder Pakistan leben hier. Die meisten dachten, das sei eine Durchgangsstation. Denn sie warten auf Umverteilung in andere EU-Länder, damit ihre Familien wieder vereint sind.

Die Grundschulkinder sind neugierig. Auf die Frage: "Wer von Euch hat denn Familie in Deutschland?" schießen viele Finger hoch. "Die Mama", "der Bruder und die Mutter", "meine Brüder." Die Kinder freuen sich über Gäste und die Abwechslung. Der Vorwurf, in Griechenland würden die Kinder nicht unterrichtet, scheint nicht zu stimmen. Denn sie tragen Ranzen und kommen gerade aus der Schule. "Wir gehen zur Schule, aber wir spielen die ganze Zeit. Wir lernen nichts." 

Es dauert nicht lange, da meldet sich Madine zu Wort. Sie ist die Kleinste von den Mädchen. "Ich will zu meiner Mutter. Ich vermisse sie." Die anderen werden still. Ihre Mutter ist mit ihrem Bruder in Hamburg, und dort auch als Flüchtling anerkannt. Madine wartet nun mit dem Vater in Athen auf eine Familienzusammenführung. Seit weit über einem Jahr.

Kinder im Camp | Bildquelle: Detlef Hohlmann
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Im Camp Eleonas leben Hunderte Kinder. Die meisten warten seit Monaten, oder länger, darauf, wieder mit ihren Familien zusammenleben zu können.

Wird Familienzusammenführung verzögert?

Seit dem Frühjahr scheint das Bundesinnenministerium die Familienzusammenführung aus Griechenland erheblich zu drosseln. Während zuvor im Schnitt etwa 250 bis 300 Personen monatlich aus Griechenland nach Deutschland überstellt wurden, waren es im Mai etwa 70. Dies ergibt sich aus einer Antwort des Innenministeriums auf die Anfrage der Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke von der Linkspartei. Sie hatte dem Bundesinnenministerium im Mai vorgeworfen, informell mit der griechischen Regierung abgemacht zu haben, die Familienzusammenführung zu verzögern.  "Dieses Vorgehen ist unmenschlich und familienfeindlich. Es verstößt zudem gegen die Dublin-Verordnung, denn diese garantiert einen subjektiven Rechtsanspruch auf Familienzusammenführung. Soweit Kinder betroffen sind, wird auch die UN-Kinderrechtskonvention gebrochen, die eine beschleunigte Familienzusammenführung vorsieht", sagt sie.

Das Bundesinnenministerium wies Jelpkes Vorwurf zurück, dass die "Familienzusammenführung zahlenmäßig beschränkt" sei. Deutschland werde seinen Verpflichtungen gerecht. Vielmehr seien die Gründe für die wenigen Überstellungen von Griechenland nach Deutschland die "begrenzten Betreuungs- und Unterbringungskapazitäten" hierzulande sowie ein "erheblicher logistischer Koordinierungsaufwand von Landes- und Bundesbehörden". Hilfsorganisationen wie der UNHCR und das "Greek Forum of Refugees" bestätigen, dass sich nun ein noch größerer Rückstau bilde.

Geld reichte nur bis in die Türkei

Es ist heiß. Der Vater von Madine steht unter einer Plane, die eher symbolisch vor der Sonne schützt. In Afghanistan hatte Said etwas Geld. "Das Geld reichte nur für meine Frau, die drei Kinder und mich. Wir konnten die Schlepper nur bis in die Türkei bezahlen. Dann reichte es eben nicht mehr." Da schickte Said seine Frau und den kleinen Sohn nach Deutschland. Madine, die behinderte Schwester und er blieben in Griechenland.

Das ist nun ein Jahr und vier Monate her. Seitdem hat Madine die Mutter nicht mehr gesehen. Er zeigt seine Papiere. Vor zwei Monaten wurde die Zusammenführung bewilligt. "Die griechischen Behörden haben mir gesagt, ich muss jetzt noch acht Monate warten. Wie soll das gehen?" Man hört in seiner Stimme, dass er Tränen wegdrückt. "Ich würde die Flugtickets selber zahlen, aber sie erlauben es nicht. Schauen Sie sich die Kleine an. Sie macht jede Nacht ins Bett. Ich schlucke ständig Tabletten, um mich zu beruhigen. Früher habe ich das nie gemacht. Und dann noch ein behindertes Kind." Madine  vergräbt sich in die Schulter des Vaters und hört zu.

"Nicht gekommen, um im Lager zu leben"

Der Victoriapark in der Innenstadt Athens ist das öffentliche Wohnzimmer vieler Flüchtlinge. Alle kommen her, Schlepper und Geschleppte. Stundenlang sitzen Väter oder Mütter mit ihren Kindern hier. Fateme ist neun Jahre alt und sagt, sie wolle etwas sagen. Sie hat einen Text aufgeschrieben, den sie vorliest. "Seit einem Jahr lebe ich im Lager. Wir sind aber nicht gekommen, um im Lager zu leben. Wir sind nicht gekommen, um nicht zur Schule zu gehen. Die EU spricht immer von Menschenrechten. Wir sind vor dem Krieg geflohen. Seit zwei Jahren gehen wir nicht zur Schule."

Fateme im Victoria Park | Bildquelle: Detlef Hohlmann
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Die neunjährige Fateme lebt seit einem Jahr im Lager. Sie sagt: "Wir sind vor dem Krieg geflohen. Wir sind nicht gekommen, um im Lager zu leben."

Fast alle warten hier darauf, zu ihren Familien nach Deutschland zu kommen. "Vor allem die Kinder leiden unter der Situation," sagt Younes Mohammadi vom "Greek Forum for Refugees", der auch oft in den Victoriapark kommt. Madines Vater Said sagt, es gebe eine Frage seiner Tochter, auf die er einfach keine Antwort habe: "Madine fragt mich: Warum haben alle anderen eine Mutter und ich nicht?" Er habe keine Antwort. Aber er verzeihe es sich selber nicht, dass er die Familie getrennt habe. Madine erlebt ihre Mutter nur am Handy.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Juni 2017 um 09:10 Uhr in "Europa heute".

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