Zwei Männer aus Akcakale beobachten aufsteigende Rauchschwaden hinter der syrischen Grenze. | Bildquelle: AP

Syrisch-türkische Grenze Alltag mit Rauchwolken am Horizont

Stand: 17.10.2019 09:05 Uhr

Seit die türkische Offensive in Nordsyrien gestartet ist, ist die Grenzstadt Akcakale mitten im Geschehen. Die hier lebenden syrischen Flüchtlinge und Türken eint wenig, bis auf ihre Unterstützung der Offensive.

Eine Reportage von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Im Friseurladen von Akram im türkischen Akcakale ist viel los: Ein paar Männer lassen sich den Bart rasieren, andere bekommen die Haare geschnitten. Alle sprechen Arabisch. Seit einem Jahr hat der 28-jährige Syrer hier seinen eigenen Laden. Er würde sich gerne besser integrieren und die Sprache lernen, erzählt er voller Energie. Aber die ersten drei Jahre habe er im Camp gelebt, da waren die Syrer praktisch unter sich.

Gleich neben seinem Geschäft sitzt Ramazan auf einem Stuhl und dreht Zigaretten. Er ist einer der wenigen Türken in diesem Viertel. Das mache ihm nichts aus, sagt er. Und auch gegen die Kurden habe er nichts: "Ich bin auch ein bisschen Kurde, meine Mutter ist Kurdin. Wir haben ihnen unsere Mädchen zum heiraten gegeben und sie uns ihre." Es gebe hier keine Diskriminierung. Aber die, gegen die das türkische Militär gerade kämpfe, seien keine Kurden: "Das sind Terroristen."

Kampf gegen die YPG 

Klingt wie aus dem Mund von Recep Tayyip Erdogan. Der türkische Präsident rechtfertigt so seine Offensive ein paar hundert Meter weiter hinter der Grenze. Man kämpfe nicht gegen die Kurden, die seien Brüder, sondern gegen die syrische Kurdenmiliz YPG. Für Erdogan ist sie der verlängerte Arm der kurdischen PKK in der Türkei.

Akram sieht das ähnlich und steht voll hinter der Offensive - nicht nur wegen der Kurdenmiliz, erklärt er. Er könne sich auch vorstellen, in die neue Zone drüben auf der anderen Seite der Grenze zu ziehen. Er möchte endlich wieder den Duft seiner Heimat in der Nase spüren, sagt er. Aber die Zone müsse international oder von der Türkei kontrolliert werden - auf keinen Fall vom syrischen Machthaber Bashar al-Assad.

"Wir hassen einander"

Einige Straßen weiter sitzen ein paar Männer im hinteren Teil eines kleinen Ladens auf den typischen niedrigen Hockern, vor sich haben sie Teegläser auf einem Plastiktisch. Bei ihnen ist gar nicht von guter Nachbarschaft mit den Flüchtlingen die Rede: "Lasst die Leute so bald wie möglich in ihr Land zurückgehen. Die Türkei hat genug, sie kann sich nicht mehr um sie zu kümmern", sagt einer der Männer. "Wir hassen einander. Wir mögen sie nicht." Eigentlich sollten die NATO und Europa die Sicherheitszone einrichten, und dann die Leute davon überzeugen, dorthin zu gehen, ist sein Vorschlag.

Kinder in Akcakale begrüßen Panzer der türkischen Armee. | Bildquelle: SEDAT SUNA/EPA-EFE/REX
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Kinder in Akcakale begrüßen einen Panzer der türkischen Armee, der aus dem syrischen Tal Abjad zurückkehrt.

Er holt kurz Luft. Draußen ist eine Bombe oder Granate zu hören - offenbar in sicherer Entfernung. Keiner der Männer reagiert. Ein anderer schimpft weiter: "Wir können nicht ins Krankenhaus. Niemand hat Zeit dich zu untersuchen, es gibt kaum Ärzte. Pro Tag behandelt jeder Arzt 160 Patienten." Daran seien nur die Flüchtlinge schuld. Es seine zu viele, und sie seien auch schon viel zu lange da. Europa mache es sich einfach, kaufe sich frei und kritisiere, so der Tenor.

Angst vor dem IS, Assad und Kurden

Akram, der junge syrische Friseur hat Verwandte auf der anderen Seite, auf der gekämpft wird. Die türkische Armee habe sie vor ihrem Angriff vor einer Woche gewarnt. Sie hätten ihre Häuser darum vorübergehend verlassen, seien jetzt aber alle wieder zurück. Es gehe ihnen gut, auch die Häuser stünden noch.

Akram erzählt munter. Nur einmal schluckt er, als er von seiner Flucht damals durch das Gebiet der Terrormiliz IS berichtet, von abgetrennten Händen und grauenhaften Szenen auf den Straßen. Vor diesen Leuten habe er Angst - und auch vor Assad und den Kurden, macht er klar, während er einem kleinen Jungen die frisch geschnittenen Haare stylt. Sie feixen. Es ist schwer vorzustellen, dass ein paar hundert Meter weiter Menschen um ihre Existenz und ihr Leben kämpfen. Die dunklen Rauchwolken am Horizont lassen daran aber keinen Zweifel.

Reportage zur Lage an der syrisch-türkischen Grenze
Karin Senz, ARD Istanbul
17.10.2019 08:07 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 17. Oktober 2019 um 09:57 Uhr.

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