Männer sitzen auf einer Bank in Italien und unterhalten sich | Bildquelle: picture alliance / imageBROKER

Gesetz der Populisten-Regierung Ansturm auf Frührente in Italien

Stand: 19.02.2019 02:37 Uhr

In Rente gehen mit 62 - ein neues Gesetz der italienischen Regierung macht es möglich. Der Ansturm von willigen Frührentnern ist groß, doch laut Experten verfehlt das Gesetz seine erhoffte Wirkung und ist zudem teuer.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Giuseppe Alvaro macht in diesen Tagen Überstunden. Seit vielen Jahren ist er Rentenberater für die Gewerkschaft CGIL im Römer Stadtteil Primavalle. Einen solchen Ansturm aber hat er noch nicht erlebt. Mindestens fünfmal so viele wie üblich kämen, sagt er. "Da einige nur am Samstag können, mache ich jetzt auch an diesem Tag Termine, obwohl wir normalerweise samstags geschlossen haben."

Schuld am Ausnahmezustand in Italiens Rentenberatungsstellen ist eine der umstrittensten Entscheidungen der Regierung. Vor einem Monat hat die Populisten-Koalition aus Fünf-Sterne-Bewegung und Lega das Rentengesetz "Quote 100" beschlossen. Es erlaubt allen Beschäftigten, bereits mit 62 Jahren in Renten zu gehen, wenn sie mindestens 38 Jahre gearbeitet haben - 62 plus 38 ergibt Quote 100.

Kosten deutlich höher als Verteidigungsausgaben

Ältere Arbeitnehmer freuen sich. Dagegen bereitet Vincenzo Galasso, Wirtschaftsprofessor an der Mailänder Elite-Universität Bocconi, das Frühverrentungsprogramm Sorgen. Das Rentengesetz erhöhe die Ausgaben für die italienische Rentenkasse "um 37 Milliarden Euro, also wir reden hier über eine bedeutende Summe". 37 Milliarden Euro - das sind 50 Prozent mehr als die gesamten italienischen Verteidigungsausgaben.

Wer aber durch die Reform die Chance hat, früher in Rente zu gehen, will sie nutzen. Amerigo, 63 Jahre und Angestellter bei der Stadt Rom, sitzt in der Rentenberatungsstelle der CGIL und lässt sich ausrechnen, wieviel er als Frührentner bekommen würde: "Ich arbeite seit 40 Jahren und ich fühle mich schon ein bisschen müde. Auch wenn mir die Arbeit grundsätzlich Spaß macht - mehr Freiheit zu haben wäre schön, und deswegen will ich mal sehen, wie es für mich aussieht."

Auch Ernesto, der für die Umweltbehörde arbeitet, lässt sich beraten, ob sich die "Quote 100" für ihn lohnt: "Meine Arbeit gefällt mir sehr. Aber ich würde auch gerne ein paar Reisen mit meiner Frau machen, ein bisschen Freiheit genießen. Es sind 42 Jahre, die ich arbeite."

Erhoffte Wirkung laut Experten verfehlt

Knapp 43.000 Beschäftigte haben bereits offiziell einen Antrag auf Frührente gestellt. Die Regierung freut der Ansturm. Dass Brüssel die durch die Reform verursachten Kosten mit Sorge sieht, lässt Vizeregierungschef Luigi di Maio von der Fünf-Sterne-Bewegung kalt: "Es ist ein Instrument, auf das wir stolz sind. Mit der 'Quote 100' können dieses Jahr rund 400.000 Menschen mehr in Rente gehen. Was bedeutet das? Dass wir Arbeitsplätze freimachen."

Experten haben da ihre Zweifel. Wirtschaftsprofessor Galasso hält die Reform für ein Wahlgeschenk an die ältere Generation. Die Erfahrung zeige, so Galasso, dass Frühverrentungen fast nie zu mehr Beschäftigung für Junge führten. Eher würden Arbeitsplätze gestrichen, auch die Qualifikationen seien zu unterschiedlich.

"In einem Land, das sehr große Haushaltsbelastungen hat, könnte das Geld produktiver eingesetzt werden, auch mit Blick auf die Generationengerechtigkeit. Dieses Geld hätte für junge Menschen ausgegeben werden können, also für Bildung, für Innovation."

Stattdessen drängen sich die Älteren in den Rentenberatungsstellen. Auch weil einige die Angst treibt, leer auszugehen. Das Frühverrentungsprogramm, so die offizielle Sprachregelung der Regierung, läuft zunächst einmal auf Probe, begrenzt auf die nächsten drei Jahre.

Großer Ansturm auf Frührente in Italien
Jörg Seisselberg, ARD Rom
19.02.2019 01:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Februar 2019 um 05:14 Uhr.

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