Spiegel-Verlagshaus in Hamburg | Bildquelle: picture alliance / imageBROKER

Nach "Spiegel"-Betrugsskandal Fergus Falls kämpft um seinen Ruf

Stand: 21.12.2018 01:44 Uhr

Der Skandal um die gefälschten Berichte des "Spiegel"-Reporters Relotius ist auch in den USA ein Thema: Vor allem die Bürger der kleinen Stadt Fergus Falls fühlen sich im Nachhinein bestätigt.

Von Martin Ganslmeier, ARD-Studio Washington

Michele Anderson aus Fergus Falls im Westen von Minnesota erinnert sich noch gut an den "Spiegel"-Reporter aus Deutschland: Nach dem Wahlsieg von Donald Trump habe sich Claas Relotius sogar drei Wochen lang in ihrer Kleinstadt umgeschaut.

Als Direktorin eines Förderprogramms für Kunst im ländlichen Raum versuchte sie, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Doch an ländlicher Kunst schien der Spiegel-Reporter nicht interessiert, erinnert sich Anderson, sondern eher an Trump-Anhängern.

Entsetzen nach der "Spiegel"-Reportage

Als Anderson dann im März 2017 von einer Bekannten aus Deutschland auf die wenig schmeichelhafte "Spiegel"-Reportage hingewiesen wurde, reagierte sie entsetzt: "Es war eine Mischung aus Ärger und Lächerlichkeit. Ich konnte es einfach nicht glauben, dass unserem Ort so etwas passieren würde. Doch es ist leider typisch, wie die Massenmedien manchmal über ländliche Gemeinden berichten."

Die Reportage enthielt nicht nur viele Fehler, sondern auch Schilderungen, die mit der Wirklichkeit in Fergus Falls nichts zu tun hatten. Ein angebliches Schild am Ortseingang - "Mexicans Keep Out" - "Mexikaner unerwünscht" - war keinem der Einwohner je aufgefallen.

Auch der im Artikel erwähnte Klassenausflug nach New York, bei dem die Schüler aus Fergus Falls nicht die Freiheitsstatue, sondern lieber den Trump Tower sehen wollten, hatte nie stattgefunden.

Anderson wandte sich per Twitter an den "Spiegel"

Anderson teilte schon damals ihren Unmut dem "Spiegel" und seinem Reporter mit: "Als der Artikel erschienen war, wandte ich mich per Twitter sowohl an den 'Spiegel' als auch an Claas Relotius und sagte ihnen: 'Dies ist ein beleidigendes Beispiel von Journalismus. Das ist Fiktion'. Niemand antwortete mir."

Anderson beschloss, die falschen Darstellungen in der "Spiegel"-Reportage systematisch aufzulisten. Dabei half auch ihr Bekannter Jake Krohn.

Die meisten Behauptungen ließen sich schnell entkräften, sagt Krohn: "Die Behauptung, der Film 'American Sniper' sei hier zwei Jahre lang gezeigt worden, ist einfach lächerlich. Das konnten wir ganz einfach widerlegen." Nur etwas länger als einen Monat lief der Film "American Sniper", bestätigte ihnen der Manager des Kinos von Fergus Falls.

Aufwändiger war es, all jene Bürger zu befragen, die der "Spiegel"-Reporter im Artikel erwähnt hatte - zumal ihr beruflicher Alltag die Gegenrecherche immer wieder unterbrochen habe.

"Spiegel" entschuldigte sich bei Bewohnern

Als jetzt der Betrug beim "Spiegel" auch in Minnesota bekannt wurde, entschlossen sich die beiden, all das zu veröffentlichen, was sie zusammengetragen hatten. Im Nachhinein bedauert es Anderson, dass sie ihre Auflistung dem "Spiegel" nicht früher geschickt habe: "Wenn wir es früher veröffentlicht hätten, wäre die Reaktion interessant gewesen: ob der Spiegel uns dann geglaubt hätte."

Mittlerweile hat sich der "Spiegel" bei Anderson und Krohn entschuldigt. Ein "Spiegel"-Korrespondent sei auf dem Weg von Washington nach Minnesota, um ein neues Portrait von Fergus Falls zu machen.

Großes Interesse an der kleinen Stadt

Bei den beiden klingelt unterdessen ununterbrochen das Telefon. Deutsche Medien, aber auch die "New York Times", das öffentliche Radio "National Public Radio" und regionale Medien aus Minnesota wollen Anderson und Krohn interviewen.

Dass sie und ihre Kleinstadt plötzlich auf großes Interesse stoßen, freut Anderson. Sie selbst empfinde sich in dieser Geschichte jedoch nur als Nebendarstellerin: "Der wirkliche Held hier ist Juan Moreno. Er hat einem sehr respektierten Kollegen die Stirn geboten. Wir würden Juan sehr gerne einmal kennenlernen."

Krohn will den Deutschen noch eine Botschaft über kleine Kommunen in Minnesota vermitteln: "Die Darstellung ungebildeter Leute, die sich nicht für die Welt interessieren, hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. So sind wir nicht."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Dezember 2018 um 23:00 Uhr.

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