Menschen halten ein Banner bei einer Demonstration der Partei Unbeugsames Frankreich. | AFP

Regionalwahlen in Frankreich Was macht eigentlich Frankreichs Linke?

Stand: 21.06.2021 01:17 Uhr

Bei der ersten Runde der französischen Regionalwahlen könnte die Rechtsaußen-Partei Rassemblement National stärkste Kraft werden. Frankreich ist nach rechts gerückt. Was aber macht die einst mächtige Linke?

 Von Stefanie Markert, ARD-Studio Paris

Geballte Fäuste und rote Fahnen - in der Straße der Solidarität Nr. 1 im Pariser Nordosten singen mehr als Hundert Menschen die Internationale. Hier, wo Metrostationen Bolivar heißen und Stadtviertel "Quartier du Combat" (Quartier des Kampfes), werden gerade 150 Jahre der revolutionären Pariser Kommune gefeiert. Jung und Alt sind textsicher. Die Worte des weltbekannten Arbeiterlieds hat ja auch Eugène Pottier, ein Kommunarde, geschrieben.

Stefanie Markert ARD-Studio Paris

Angestimmt hat es ein Chor aus dem Bezirk. Den leitet Marie-Anne Faurel, mit roter OP-Maske und rotem Halstuch. "Wir sind 40 Leute aus verschiedenen Parteien, Vereinen oder Gewerkschaften, natürlich alle links. Ob die Linke bei den Regionalwahlen gewinnt, weiß ich nicht, aber wir sind alle gegen die extrem Rechte. Wir wollen, dass man unsere Stimmen hört - auch durch das Singen."

Von gewinnen kann keine Rede sein: Erstmals könnte die Linke in keiner der Regionen nach der ersten Runde vorn liegen. Auch nicht in der Handvoll, in denen sie regiert.

Nachwirkung der Präsidentschaft Hollandes

Auf dem Hof des linken Vereinshauses, in dem auch das Radio Paris plurielle (pluralistisches Paris) seinen Sitz hat, sind Buchstände aufgebaut, im Café wird für zwei Euro ein Sandwich und für nur einen frischer Minztee verkauft. Unglaubliche Preise im teuren Paris. Neben einem solidarischen Hühnerstall sitzen Schauspieler vor der Grundstücksmauer und lassen die Kommune lebendig werden.

Schauspielerin Romane von der Comédie Saint Michel hat eine Kommunardin gespielt, die den Aufstand überlebte. Für die Regionalwahlen ist sie optimistisch. "Die Linke hat das doch immer geschafft, die kommt wieder aus der Krise. Wir müssen nur zusammenstehen und uns an die Hand nehmen. Ich bin Utopistin. Wir müssen den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Und nicht so viel nachdenken."

Die Faktenlage sieht anders aus. Acht von zehn Franzosen finden Umfragen zufolge, der Linken gehe es derzeit nicht gut. Die schlechte Bilanz des letzten sozialistischen Präsidenten vor Macron, François Hollande, hat dazu beigetragen - und dass von rechts besetzte Themen bei den Wählern mehr ziehen, vor allem die innere Sicherheit. Dabei sind die Regionalräte dafür gar nicht zuständig.

Vereint nach wie vor stärkste Kraft

Würde sich die Linke vereinen, wäre sie, paradox aber wahr, noch Frankreichs stärkste politische Kraft. Doch nur in einer Region im Norden ist nun ein links-grünes Bündnis zustande gekommen. Für die Präsidentenwahl 2022 wünschen sich über 80 Prozent der Sympathisanten einen Einheitskandidaten.

Doch ein linker Leader? Schauspielkollege Jonathan meint: "Einer sticht vielleicht hervor. Jean-Luc Melenchon von 'Unbeugsames Frankreich'. Aber ich persönlich will ihn nicht als Vertreter für die ganze Linke."

Der Politiker wurde unlängst auch scharf kritisiert. Er hat für die letzte Woche vor den Präsidentenwahlen einen schlimmen Zwischenfall, etwa einen Mord prophezeit, der politisch instrumentalisiert werden würde. Jonathan schüttelt den Kopf: "Für mich ist alles komplett irre. Ich habe Heidenangst vor dem Rassemblement National, aber auch vor der Macron-Politik. Wenigstens hoffe ich auf eine republikanische Front."

"Le Pens Stärke ist ein Fehler der Linken"

Doch die bröckelt. Es ist nicht mehr sicher, dass Marine Le Pen nächstes Jahr gegen Amtsinhaber Macron verlieren wird oder dass alle politischen Kräfte in der zweiten Runde der Regionalwahlen Front gegen die RN-Kandidaten machen. So könnte erstmals eine Region an die extreme Rechte gehen.

"Wenn sie eine Region holt, dann bedeutet das mehr Gelder, mehr Personal", meint der Kommunist Mouloud. "Sie wird Frankreich dann noch mehr prägen hin zu einem Faschismus light. Ihre Stärke ist ein Fehler der Linken, die nicht mehr mit der Lebenswirklichkeit der Menschen verbunden ist, der Arbeiter, der Armen, um die sie sich früher gekümmert hat. Die Wahlen sind wie ein Thermometer. Wir messen, wie krank Frankreich ist."

Mouloud überlegt, aus der Kommunistischen Partei Frankreichs auszutreten. Seine Lösung? "Den Leuten sagen: Schließt Euch wieder zusammen, streikt, nehmt Euer Schicksal selbst in die Hand. Warten wir nicht mehr, dass die Parteien, die kaum noch etwas repräsentieren, etwas tun." Das klingt nach Gelbwesten-Strategie.

Geringe Wahlbeteiligung erwartet

Gewerkschafter Francois schaut von einer Treppe zur Bühne des Kiez-Treffs und hat den Überblick, aber keine Illusionen. "Es fehlt an alternativen sozialen Vorschlägen der Linken. Und die Grünen machen grünen Kapitalismus. Wir werden also wieder für das kleinere Übel stimmen, um die neoliberalen Reformen zu verlangsamen. Die einzige Konstante in der politischen Landschaft ist der Rassemblement national. Wir hätten gern mehr revolutionäre Ideen gegen die bürgerliche Maskerade, aber wir sind intellektuell am Abgrund."

Kein Wunder, dass niemand mehr wählen gehen will, findet manch einer auf dem Fest der Kommune und singt sich Mut an. Am Sonntag könnten rund 60 Prozent der Franzosen den Urnen fern bleiben. Das wäre ein historisches Tief.

Über dieses Thema berichtete am 20. Juni 2021 NDR Info um 02:10 Uhr und die tagesschau um 12:00 Uhr.