Manchester-United-Stürmer Marcus Rashford applaudiert den Fans | AFP

Fußballstar Marcus Rashford Der heimliche Oppositionsführer

Stand: 17.01.2021 05:11 Uhr

Beim Spiel Liverpool gegen Manchester United richten sich die Blicke heute auch auf United-Stürmer Rashford. Immer wieder legte der sich in sozialen Fragen mit Johnsons Regierung an - und die Fans feiern ihn für sein Engagement.

Von Annette Dittert, ARD-Studio London

Marcus Rashford war schon ein Star, bevor er damit begann, sich für hungernde Kinder im verarmten Norden Englands einzusetzen. Ein Fußballstar. Und viel mehr geht eigentlich nicht im von dieser Sportart besessenen England.

Annette Dittert

Jetzt aber ist er für viele ein Held. Denn anders als so mancher Prominente, der gern sein Gesicht für einen guten Zweck in die Kamera hält, hat Rashford gehandelt - und das nachhaltig. Immer wieder hat er die konservative Regierung in London für ihre verfehlte Sozialpolitik angegriffen. Höflich im Ton, aber hartnäckig in der Sache, wies er zuerst im Frühsommer 2020 darauf hin, dass geschätzt 1,7 Millionen Kinder in Großbritannien abends hungrig ins Bett gehen. In einem der reichsten der Länder der Welt ist das mindestens erstaunlich.

Noch erstaunlicher aber war, dass die Regierung von Premierminister Boris Johnson mitten in der ersten Pandemie-Welle das freie Schulessen - für viele dieser Kinder die einzige warme Mahlzeit am Tag - über die Ferien einfach streichen wollte. Rashford griff über Twitter an. Dort konnten seine mehr als vier Millionen Follower dann lesen, wie unsozial er diesen Schritt fand. Johnson versuchte, den Ball zurückzuspielen: Das freie Schulessen bleibe gestrichen und basta. Dafür gebe es kein Geld. Ein Eigentor - denn was dann folgte, war beispiellos.

Ein Graffitti in Manchester (Großbritannien) spricht sich für Manchester-United-Stürmer Rashford als Premier aus | AFP

Eine Botschaft per Spraydose: Die Urheber sprechen sich für Rashford als Premier aus. Bild: AFP

Stigma Armut

Rashford erzählte von sich: Wie seine Mutter ihn als kleinen Junge ohne diese Schulessen nicht hätte ernähren können. Er sprach von der Armut, die ihn umgab in Wythenshawe, dem Vorort von Manchester, in dem er aufwuchs und in dem er auch heute noch regelmäßig vorbeischaut. Rashfords Geschichte eroberte schnell eine breitere Öffentlichkeit, auch jenseits der sozialen Netzwerke. Denn dass einer, der es nach ganz oben geschafft hat, das Elend seiner Kindheit nicht vergisst oder verdrängt, das ist selten auf der Insel.

Armut ist noch immer ein Stigma in diesem England, in dem die Schere zwischen Arm und Reich heute weiter auseinanderklafft denn je. Rashford aber hat das Tabu gebrochen. Als das ARD-Team im Sommer 2020 für eine Reportage in Wythenshawe vorbeischauten, traf es das erste Mal auf Menschen, die plötzlich keine Angst mehr hatten, auch vor der Kamera ganz offen über ihre Nöte zu sprechen. Das Stigma war wie weggeblasen. Und am Ortseingang hing ein Riesenschild: "1:0 für Marcus Rashford!"

Ein Banner in Wythenshaw (Großbritannien) bejubelt ManchesterUnited--Stürmer Rashford als Sieger über Boris Johnson | REUTERS

Sieg über Johnson: Ein Banner in Wythenshaw bejubelt Rashford. Bild: REUTERS

Vergebliche Attacken

Denn Johnson hatte kurz zuvor seinen Kurs ändern müssen: Die Schulessen wurden wieder eingeführt. Es habe ein herzliches Telefonat zwischen Rashford und Johnson gegeben, hieß es plötzlich in der Downing Street. Johnsons ursprünglicher Widerstand gegen Rashfords Initiative wurde in keiner Pressekonferenz mehr erwähnt. Viel aber schien der Premier aus dieser Episode nicht gelernt zu haben, und so wiederholte sich das Spiel vor den Herbstferien. Diesmal allerdings wurde es hässlich - diesmal versuchte die konservative Partei, Rashfords Ruf zu ruinieren.

Abgeordnete diskreditierten ihn öffentlich als Moralapostel. Diesmal wollte man sich nicht von ihm vorführen lassen. Rashford hielt dagegen, erneut höflich im Ton, aber hart in der Sache, und ließ die Angriffe der Tories so einfach ins Leere laufen. Als eine ganze Armee von Lebensmittelketten sich auf Rashfords Seite stellte, und drohte, mit Lebensmittelspenden einzuspringen, musste Johnson ein zweites Mal einknicken. Die Attacken gegen den Superstar verfingen einfach nicht.

Denn Rashfords Engagement ist eben nicht das eines Moralapostels: Er redet nicht nur, er handelt auch. Er hilft beim Verpacken der Lebensmittelpakete, er spricht mit Familien, die ihm ohne Scham zeigen, wie sie knapp an der Existenzgrenze ums Überleben kämpfen. Er ist das stolze öffentliche Gesicht dessen geworden, was die Tories versuchen, unter den Teppich zu kehren: Die aus der sozial rücksichtslosen Politik der letzten Jahrzehnte entstandene Kinderarmut auf der Insel.

Manchester-United-Stürmer Rashford besucht eine Einrichtung in Manchester (Großbritannien), die kostenlose Mahlzeiten verteilt. | AP

Rashford besucht eine Einrichtung in Manchester, die kostenlose Mahlzeiten verteilt. Bild: AP

Buchclub gegründet

Wie ernst die Lage wirklich ist, konnte man auch daran ablesen, dass UNICEF im Dezember damit begonnen hat, Gemeinden in Südlondon mit Geldspenden für Lebensmittelpakete zu unterstützen. Eine Maßnahme, die in der konservativen Partei im Übrigen als politischer Stunt abgetan wurde. Rashford hat all das öffentlich gemacht. Und nicht nur das: Im Herbst hat er einen digitalen Buchclub gegründet, um britischen Kindern auch mit geistiger Nahrung durch die Pandemie zu helfen.

Wie er es schafft, ganz nebenbei auch noch Tore zu schießen, ist vielen auf der Insel mittlerweile ein Rätsel. Aber auch das erledigt Rashford - äußerst erfolgreich. Erst im Oktober, beim wichtigen Champions League Spiel gegen Paris St. Germain, schoss er das entscheidende Tor für seinen Verein Manchester United.

Das 3:0 gegen die konservative Regierung dürfte ebenfalls nicht lange auf sich warten lassen. Denn Rashford hat mehr als deutlich gemacht, dass er nicht nur auf dem grünen Rasen ein ernst zu nehmender Gegner ist.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 05. Juli 2020 um 19:20 Uhr im Weltspiegel sowie Deutschlandfunk am 24. Oktober 2020 um 19:10 Uhr in der Sendung "Sport am Samstag".