Eine Mutter trauert um ihre Tochter

Textilindustrie in Bangladesch "50 Cent mehr würden schon reichen"

Stand: 24.04.2016 12:22 Uhr

Auch drei Jahre nach dem Einsturz des Rana Plaza bleiben vielen Fabrikbesitzern in Bangladesch die westlichen Kunden weg. Diese forderten zwar bessere Sicherheitsvorkehrungen, seien aber nicht bereit, sich an den Kosten zu beteiligen, beschwert sich ein Fabrikbesitzer.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

Es ist kurz vor ein Uhr mittags in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Gleich beginnt in Abdul Mannans Fabrik die Mittagspause. Vielleicht 50 Näherinnen sitzen an drei langen Produktionsreihen. Die Kartons für die T-Shirts stapeln sich im Gang.

"Ich habe ein Jahr gebraucht, um das alles wieder aufzubauen. Wollen Sie sonst noch was sehen?", fragt Mannan. Er redet offen, das tun nicht viele Fabrikbesitzer in Bangladesch. Vor einem Jahr war er noch ganz unten. "Nach dem Einsturz des Rana Plaza 2013 hatten viele meiner Kunden Angst. Meine Fabrik befindet sich direkt über einem Einkaufszentrum, ähnlich wie beim Rana Plaza. Also gaben mir meine Kunden etwas Zeit, damit ich umziehen kann. Aber dafür hatte ich kein Geld."

Rana Plaza-Einsturz 2013

Vor drei Jahren stürzte in Bangladesh das Fabrikgebäude Rana Plaza ein. Die Katastrophe warf ein Schlaglicht auf die Sicherheitsprobleme in den Textilfabriken des südasiatischen Landes, das nach China weltweit die Nummer zwei der Textilexporteure ist. Sie führte dazu, dass die Kontrollen der Fabrikgebäude verstärkt und die Löhne angehoben wurden. Arbeitnehmervertreter halten dies aber nicht für ausreichend. In den meisten Fabriken seien die Sicherheitsvorkehrungen noch immer ungenügend

"Ich müsste viel investieren - das kann ich nicht"

Genau wie das Rana Plaza ist auch das Gebäude, in dem Mannan produzieren lässt, eigentlich ein Geschäftshaus und kein Fabrikgebäude. "Auch für die anderen Sicherheitsanforderungen müsste ich viel investieren. All die Inspektionen, neue Beleuchtung, ein neues Eingangstor, Notausgänge. Das kann ich nicht", sagt Mannan. "Also machen sie keine Geschäfte mehr mit mir."

Fabrikbesitzer Abdul Mannan
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Fabrikbesitzer Abdul Mannan hat die meisten seiner westlichen Kunden verloren.

Mannan sagt, er habe unter anderem für den schwedischen Konzern H&M gearbeitet. Wegen der Sicherheitsmängel habe ihm auch H&M keine Aufträge mehr gegeben. H&M bestätigte auf Anfrage die Angaben des Fabrikanten. Der Konzern spricht ganz allgemein davon, dass er die Fabriken in Bangladesch bei den wichtigsten Maßnahmen für mehr Sicherheit unterstütze.

"Wir haben wirklich nicht um viel gebeten"

Mannan dagegen behauptet, die westlichen Kunden hätten sich eben nicht an den Kosten beteiligt. Niemand sei zum Beispiel bereit gewesen, höhere Einkaufspreise zu zahlen. "Wir haben wirklich nicht um viel Geld gebeten. Ich war selber in Europa. Ich weiß, zu welchen Preisen die Kunden hier einkaufen und in Europa verkaufen. Wenn sie statt sechs Dollar pro Stück 50 Cent mehr zahlen würden, würde das schon reichen", sagt Mannan.

Wie Mannan ist es vielen Fabrikbesitzern in Bangladesch ergangen. Sie heißen Sung Kwang, Mark Mode, Silver Style, Green Life oder Bonded Fashion – das europäische Textilbündnis Accord hat allein im März 23 Herstellern wegen Sicherheitsmängeln gekündigt. Laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gibt es 3500 Fabriken in Bangladesch, die exportieren. Fast alle seien überprüft worden. 80 Prozent wiesen Mängel auf. Seit einem halben Jahr gehe es darum, diese Mängel abzustellen - oder eben Fabriken zu schließen.

Rubana Huq ist von einer Schließung nicht betroffen. Sie leitet einen der größten Textilhersteller in Bangladesch, die Mohammadi Gruppe. Ihre Fabriken gelten als sicher, sagt sie. Aber: "Wir haben alle Angst. Nach dem Rana Plaza-Unglück sind einige unserer Kunden weiter gezogen, nach Myanmar und Vietnam. Das ist das große Druckmittel."

"Also machen wir es heimlich"

Abdul Mannan hat einen anderen Weg gefunden, weiter zu produzieren, nachdem seine europäischen Kunden wegen der mangelnden Sicherheit gekündigt haben. Zum Einen habe er viele russische Kunden, denen die Sicherheit der Fabrik egal sei. Und: "Ich habe 2015 auch als Subunternehmer gearbeitet,  für eine andere Fabrik, die den Auftrag nicht alleine bewältigen konnte. Der Kunde war ein deutscher Discounter. Aber er hätte all das nicht erlaubt. Also machen wir es heimlich."

Eine Glocke läutet die Mittagspause ein. Die Arbeiterinnen blicken den Besucher aus dem Westen skeptisch an. Sie werden nicht viel tun können, um ihre Arbeitsplätze sicherer zu machen. Einen Betriebsrat gibt es bei Mannan nicht. Sogar das gibt er ganz offen zu.

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